Wer seine Geschichte nicht erzählen kann, existiert nicht. Salman Rushdie

Im digitalen Unterbewusstsein

Die Anatomie einer Klatschgeschichte: Auch dreißig Jahre nach dem ersten Skandal lassen sich aus der Absurdität noch neue Schlagzeilen basteln.

„Oh Gott, ihr verrückten Deutschen!“, schrieb mir meine Freundin in der vergangenen Woche aus den USA. “Get your act together.” Irgendwo im Netz war sie über eine Klatschgeschichte gestolpert, die zu bizarr und zu deutsch war, um sie mir nicht direkt per E-Mail weiterzuleiten. Überschrift: „Trotz Bezahlung: Mann schwängert Frau seines Freundes auch nach 72 Versuchen nicht“.

Der Inhalt ist schnell erzählt: Ein impotenter Mann aus Stuttgart erbittet bei seinem Freund etwas Hilfestellung bei der Nachwuchszeugung. Der Freund vergnügt sich mit der Ehefrau (die nebenbei als Bikinimodel arbeitet), bis er nach 72 erfolglosen Versuchen selbst zum Arzt geht und dort umgehend die eigene Impotenz bescheinigt bekommt – woraufhin ihm die eigene Ehefrau wiederum beichtet, dass die beiden (angeblich gemeinsamen) Kinder gar nicht von ihm stammen. Die Parteien treffen sich letztendlich vor Gericht. Bebildert war das ganze mit dem Foto eines opulenten Models, das etwas zu stark an ein Baywatch-Symbolbild erinnerte.

Es gibt nichts, das es nicht gibt

Die Geschichte tauchte im März 2009 in mehreren Internetforen auf und wurde seitdem – teilweise mit exakt gleichem Wortlaut – immer wieder von Lokal- und Klatschmedien als skandalöse Nachrichtengeschichte aufgewärmt: Im April 2009, im März 2011 und im August 2011. Spätestens seitdem die Seite „Failblog“ die Geschichte im April 2009 verlinkte, dürfte sie auf ewig im Netz präsent sein.

Zu bizarr, um wahr zu sein? Es gibt nichts, das es nicht gibt. Doch zumindest in den digitalen Archiven deutscher Medien findet sich im Jahr 2009 kein Bericht zum Stuttgarter Stelldichein. Zum Glück jedoch lässt sich ein Ursprung der Geschichte inzwischen ergooglen: Der Artikel erschien zuerst in der Panorama-Rubrik des „Jet Magazine“ im Juli 1978. Wer den damaligen Wahrheitsgehalt ermitteln will, muss daher auch auf das Netz verzichten: Die Stuttgarter Gerichtsakten sind nicht digitalisiert. Ich würde wetten, dass sich dort kein Fall „Demetrius Soupolos gegen Frank Maus“ finden lässt.

So bleibt vor allem die Frage, wie eine solch abstruse Geschichte über dreißig Jahre am Leben gehalten werden kann und heute wieder zum Material für Schlagzeilen wird. Nachrichten sind schließlich kein Wein und keine Mode: Weder steigt mit dem Alter die Qualität noch eignen sich alte Nachrichten als Ausgangspunkt für aktuelle Trends.

80 Prozent Klatsch

Achtzig Prozent der Inhalte der „Huffington Post“ seien Klatsch und Tratsch, hat Arianna Huffington einmal stolz auf einer Podiumsdiskussion verkündet. Stolz, weil dass immerhin zwanzig Prozent Politik und Ernsthaftigkeit bedeute. Das sei im Netz schon viel, bilanzierte die Herrscherin über Amerikas erfolgreichstes Blog-Imperium. Unrecht hat sie damit nicht. Viele mittelgroße Medienplattformen kämpfen gegen die eigene Irrelevanz, regionale Leitmedien wie die „New York Times“, der „Guardian“, die „Washington Post“ oder die „L.A. Times“ werden im Netz immer mehr zu nationalen oder internationalen Leitmedien: Sie sind für viele die ersten Anlaufstellen für Nachrichten im Netz; und ihr Traffic-Zuwachs geht zu Lasten der Lokal- und Regionalpresse. Wer holt sich schon die aktuellsten Updates zum Berliner Koalitionspoker von der nächstbesten Landpostille?

Mit dem Erfolg der Großen mithalten können vor allem Seiten, die sich auf Klatsch und Tratsch spezialisiert haben. Verifizierte Traffic-Angaben sind schwer zu bekommen, mehrere Millionen Besucher pro Tag haben Seiten wie Gawker oder Perez Hilton jedoch auf jeden Fall. Im Dunstkreis dieser prominenten Seiten (Leitmedien? Gleitmedien? Seichtmedien?) sammeln sich wiederum zahllose Plattformen, auf denen die Grenzen des Abstrusen tagtäglich neu ausgelotet werden. Jede dieser Seiten wiederum ist Grundlage für zahllose Diskussionen in Foren und Chatrooms.

Im Kampf um Eilmeldungen und Exklusivgeschichten können sie nicht mithalten. Es geht daher nicht um Schnelligkeit oder Exklusivität, sondern um Schock und Skandal. Je lauter es knallt, desto besser. Die normalen Grenzen von Klatsch und Tratsch – Informationsmangel und der allgemeine Anstand – sind im Netz außer Kraft gesetzt.

Hier schließt sich dann wiederum der Kreis zum Mainstream. Das Modell der „Huffington Post“ funktioniert, weil achtzig Prozent die notwendigen Klicks garantieren, um zwanzig Prozent genuinen Journalismus zu finanzieren. Und durch einen permanenten Trickle-up-Effekt geht diesen achtzig Prozent auch das Material niemals aus. Aus dem Dschungel des Netzes und der Blogs kämpft sich die Absurdität ins Freie, ungebunden vom Korsett redaktioneller Richtlinien. Um einige SEO-starke Begriffe („Bikinimodel“, „Sex“ – siehe die URL dieses Beitrags) angereichert, wird der Beitrag in den Äther eingespeist, auf dass er sich nähre und wachse.

Hier liegt das Paradox des Netzes: Die Aufmerksamkeitsspannen sinken, die Verweildauer auf Artikeln lässt sich teilweise in Sekunden messen. „Versendet sich“, würde der Radioredakteur sagen. Doch gleichzeitig vergisst das kollektive Gedächtnis nichts, was nicht vergessen werden will. Ein prominenter Link, ein zufälliger Suchmaschinen-Treffer, eine Erwähnung im sozialen Netzwerk, und schon wird das längst Vergessene wieder auf die Titelseite gehievt. Wir erleben das digitale Unterbewusstsein in Aktion – und müssen dazu nicht einmal träumen.

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