Ich hatte manchmal das Gefühl, ich bin eher Inhaber einer Reparaturwerkstatt. Kurt Georg Kiesinger

Wer nicht fragt, bleibt dumm

Die New York Times will wissen, wie kritisch sie Aussagen von Politikern hinterfragen soll - und zeigt dabei, dass Informationen schon lange nicht mehr die wichtigste Währung im Netz sind.

Eine nette Besonderheit (großer) amerikanischer Zeitungen ist es, dass sie sich den Luxus eines hausinternen Kritikers leisten können. Ein Geologe, der tief unter die Oberfläche der täglichen Berichterstattung horcht und auf seismische Anomalien hinweisen kann. Ein Diplomat, der zwischen Lesern und Redaktion vermittelt. Ein Qualitätskontrolleur, der die Arbeit gegen die gesetzten Standards abgleichen kann. Der “Public Editor” der New York Times, Arthur S. Brisbane, hat sich in dieser Funktion am Donnerstag mit einer einfachen Frage an die Leser gewandt:

“Sollten die Reporter der New York Times die ‘Fakten’ hinterfragen, die von Personen verbreitet werden, über die sie schreiben (und wann sollten sie dies tun)?”

Herr Brisbane hatte wohl nicht mit der Flut an Rückmeldungen gerechnet. 377 Antworten waren es gestern Abend, überwiegend sind sie negativ (“Ich bin sprachlos und entsetzt, dass eine solche Frage überhaupt gestellt wird”) bis zynisch (“Seit wann ist Rückgradlosigkeit ein journalistisches Einstellungskriterium?”) Dabei sind die zugrunde liegenden Gedanken durchaus legitim: Im klassischen Journalismus ist es die Aufgabe der Meinungsseiten, zu argumentieren und manchmal auch zu polemisieren. Hier kann eine Zeitung wahlweise den Zeige- oder den Mittelfinger zücken und sich direkt in die politischen und publizistischen Grabenkämpfe wagen. Anders sieht es jedoch im Nachrichtenjournalismus aus. Wenn ein Politiker Einschätzungen oder Meinungen in den Block diktiert, dann reagiert die Nachrichtenredaktion darauf üblicherweise mit ausgleichender Gerechtigkeit: “Der Finanzminister geht für das kommende Jahr von X Prozent Wirtschaftswachstum und sinkenden Arbeitslosenzahlen aus; Ökonomen und Oppositionspolitiker waren dagegen vor überzogenem Optimismus.” So, oder so ähnlich.

Meinung und Meldung

Dazu kommt, dass viele “Fakten” nicht durch das klassische Fact-Checking überprüft werden können, weil sie selbst kaum objektiv erfassbar sind. Wie lässt sich herausfinden, ob sich Herr Wulff noch an die Details seines Darlehens erinnert, oder ob Sarrazin wirklich Muslime verunglimpfen wollte? In den Kopf der beiden können wir nicht schauen. Die Standard-Antwort in solchen Fällen ist daher oftmals, auf eine Bewertung gleich ganz zu verzichten – das würden schließlich die Kollegen der Kommentarspalte übernehmen. Ganz dumm ist das nicht: Ein immer wiederkehrender Kritikpunkt am Boulevard ist nicht ohne Grund, dass dort die Grenze zwischen Nachricht und Meinung oft verschwimmt. Was Springer “Gutt” findet, muss schließlich nicht für den Rest der Republik gelten.

Diese Parameter haben sich gründlich verschoben. Meinung, Meldung, was hat das eigentlich noch zu bedeuten? Es ist fast schon zu einfach, jetzt wieder Clay Shirky zu zitieren (der sich beim Guardian ebenfalls mit Brisbanes Text beschäftigt): “It’s not information overload, it’s filter failure.” Nie zuvor hatten wir mehr Zugriff auf mehr Informationen. Und nie war es einfacher, Informationen schneller an eine immer größere Anzahl potenzieller Empfänger zu verbreiten. Eine Falschaussage kann eine immer schnellere Kaskade an Reaktionen nach sich ziehen und sich auf ewig im Netz festsetzen. Da schreibt irgendein durchgedrehter Blogger etwas über die Geburtsurkunde von Obama, und schon muss sich der US-Präsident mitten in der Haushaltsdebatte gegen Vorwürfe wehren, er sei ein verkappter muslimischer Amerikahasser.

Das verändert zwangsläufig auch die Arbeit und Aufgaben des Journalisten. Informationen sind schon lange nicht mehr die wichtigste Währung im Web. Wichtig ist heute immer stärker die Fähigkeit zur Einordnung von Informationen und zur Steuerung von Informationsflüssen.

Eine Grundhaltung lässt sich nicht outsourcen

Wenn Zeitungen nicht mehr Informationsanbieter sind, sondern primär als Filter für Informationen und Matchmaker zwischen Inhalten und Lesern agieren, ist auch die Logik von der vornehm-objektiven Zurückhaltung perdu. Dann ist es plötzlich enorm wichtig zu wissen, welchen Aussagen ich eigentlich aus welchen Gründen Glauben schenken sollte – oder eben nicht. Eines der größten Probleme im Bezug auf die Berichterstattung zur Eurokrise ist sicherlich der fehlende Durchblick vieler Journalisten (auch ich zähle mich dazu) im Bezug auf die Sinnhaftigkeit immer neuer Lösungsvorschläge. So werden im Zweifelsfall die Nachrichten zu neuen EZB-Richtlinien oder griechischen Reformvorschlägen ungefiltert an die Leser durchgewunken. Den eigenen Kopf zieht man vielleicht damit aus der Schlinge, zu mehr Verständnis wird eine solche Herangehensweise jedoch kaum führen.

Natürlich gibt es inzwischen Portale, die sich als Lückenfüller betätigen und Aussagen auf faktische Wahrheit und Plausibilität abklopfen: PolitiFact der Tampa Bay Times, der laufende Fact-Check des “Caucus”-Blogs der New York Times, factcheck.org oder – hier in Deutschland – die Arbeit von Seiten wie dem Bildblog. Das ist schön und funktioniert nicht schlecht. Aber es ist in etwa so, als ob ein Autobauer sagte, er überlasse die Sicherheitstests den Unfallgutachtern: Schließlich sei eine fehlkonstruierte Knautschzone nirgendwo besser zu erkennen als an der zerstörten Karosserie auf der A7. Doch dann ist es zu spät: Dann ist der Unfall passiert und die Falschaussage in der Welt.

Wer die Filterfunktion ernst nimmt, kann Arthur Brisbanes Frage eigentlich nur mit “Ja, immer” beantworten. Selbst wenn das Ideal des permanenten Hinterfragens an personelle und finanzielle Grenzen stößt, als Ideal ist es unverzichtbar für den Journalismus. Eine Geisteshaltung lässt sich nun einmal nicht outsourcen oder an- und abschalten – nicht an andere Webseiten, und auch nicht an die Leser. Wer kein guter Filter mehr ist, macht vor allem eines: Nicht seinen Job.

Leserbriefe

Aus der Kolumne

Spiegelbild

Röttgens Rauswurf

R_ttegns_rauswurf2 2

67 Tage hat Christian Wulff bis zum Rücktritt gebraucht, Röttgen blieben drei Tage bis zum Rauswurf. Wenn es hart auf hart kommt, haben wir uns vor Staatsanwaltschaft und Presse weniger zu fürchten als vor dem Zorn der Kanzlerin.

Martin_eiermann
von Martin Eiermann
20.05.2012

„Kraftgate“ in NRW

Getty143995574 2

Wer austeilen will, muss auch bereit sein, Verantwortung für die eigenen Worte zu übernehmen. Ein Blick nach NRW.

Martin_eiermann
von Martin Eiermann
13.05.2012

Kommentarkultur im Netz

Photocase4845876853491321 6

Das beste an Artikeln sind oftmals die Kommentare darunter.

Martin_eiermann
von Martin Eiermann
06.05.2012

Mehr zum Thema: Boulevard-medien, New-york-times, Online-journalismus

Debatte

Eklat beim Henri-Nannen-Preis

98914975

Eklat beim Henri-Nannen-Preis

Für ihre Recherchen im Fall Wulff sind Redakteure der „Bild“-Zeitung nun mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet worden. Zu Recht? Das kommt darauf an, ob man die richtigen Fragen stellt. weiterlesen

Ernst_elitz
von Ernst Elitz
14.05.2012

Kolumne

Kopf
von Stefan Gärtner
17.02.2012

Kolumne

Martin_eiermann
von Martin Eiermann
29.01.2012
meistgelesen / meistkommentiert