Wenn ein unliebsamer Konkurrent in einen neuen Job weggelobt werden soll, dann darf man vielleicht nicht unbedingt davon ausgehen, dass ebendieser Kandidat auch die notwendigen Qualifikationen mitbringt. Was zählt, ist allein die herrschende Machtkonstellation. Daher sollte es nicht überraschen, dass Herr Wulff sich jetzt als oberster Repräsentant des Landes nicht unbedingt mit dem ihm von Amts wegen her angedachten Ruhm bekleckert. Schlagzeilenträchtig wären also weniger seine Tritte in immer neue Fettnäpfchen als vielmehr Erfolgsmeldungen aus Bellevue: „Bundespräsident erklärt erfolgreich die Welt“. Oder: „Helmut Schmidt arbeitslos: Alle Welt hört jetzt auf Wulff“.
Dieser Eventualfall ist nicht eingetreten, Wulff hat seine Skeptiker nicht enttäuscht. Eigentlich könnten wir uns jetzt gemütlich zurücklehnen und ihm dabei zusehen, wie er die Gravitas des präsidialen Amtes munter zersägt und zerredet. Die Würde, von der Sigmar Gabriel noch Ende Dezember gesprochen hat, sie ist schon lange die Spree heruntergespült worden.
Wulff gegen die Phalanx der Medien
Trotzdem zetert die mediale Republik sich seit Wochen zur Weißglut ob des „Betrugs“ und des „Angriffs auf die Pressefreiheit“ durch den Bundespräsidenten. Und obwohl das hier eigentlich eine Medienkolumne ist, habe ich dazu bisher nichts geschrieben, weil es eben aus meiner Sicht nicht allzu viel Sinnvolles zu schreiben gab. Wo war eigentlich die Aufregung, als es in Ungarn wirklich übel um die Pressefreiheit bestellt war (und immer noch ist)? Selbst die Enthüllung, dass Politiker sich im Schoß ihrer Schattennetzwerke allzu sanft geborgen wissen und darüber hinaus das Regieren fürs Allgemeinwohl vielleicht aus den Augen verlieren, ist nun wahrlich nichts Neues.
Gut möglich, dass Wulff sich irgendwann in seinen eigenen Stricken verfängt. Gut möglich, dass irgendwann der Rücktritt als einzig mögliche Option bleibt. Solche Eventualitäten ändern aber nichts an der Fragestellung, warum gerade jetzt reflexartig genau diejenigen zu den Waffen springen, die vor weniger als einem Jahr einen penetranten Abschreiber und Blender bis aufs Messer verteidigt haben. Fast – aber auch nur fast – mag man Mitleid mit dem Bundespräsidenten haben: Wohl selten hat sich ein deutscher Politiker in jüngerer Vergangenheit einer solchen medialen Phalanx gegenübergesehen.
Als Guttenberg im Frühjahr 2011 endlich zurücktrat, kommentierte Josef Joffe in der „Zeit“, warum sich trotz erwiesener Fehltritte die Menschen weiterhin hinter Guttenberg zu scharen schienen: Guttenberg habe „Härte gepaart mit Geschmeidigkeit, höchste politische Intelligenz, Machtwillen, kurz, das Holz, aus dem man Großpolitiker schnitzt … der verlorene Sohn wird mehr geliebt als der dröge, brave Daheimgebliebene.“
Wir erinnern uns lieber an die harten Kerle, an Rebellen und Draufgänger als an ihre netten, sanft lächelnden Zeitgenossen. Napoleon soll ein ziemlich mieser Charakter gewesen sein, Bismarck eiskalt kalkulierend, Bill Clinton draufgängerisch, Richard von Weizäcker charismatisch, Johannes Rau staatstragend, Guttenberg der Indiana Jones am Hindukusch. Nettigkeit schafft es höchstens ins kollektive Kurzzeitgedächtnis der Nation.
Nettigkeit ist niemals krisenfest
Und nicht nur das Volk liebt seine kampf- und gelgestählten Helden, auch die Medien tun es. Harte Schalen und entschlossene Mienen machen sich besser als ein Bundespräsident, bei dessen Nominierung die gezügelte Begeisterung bereits in den ersten Schlagzeilen allzu offensichtlich war: „Die Wulffs, das Patchwork-Paar“ (04.06.2010), „Ich will Mut und Optimismus verbreiten“ (05.06.2010), „So wurde das Debakel abgewendet“ (30.06.2010). Enthusiastische Berichterstattung liest sich anders. Bereits 2010 gab es Zweifel, ob die Person Wulff fähig wäre, das präsidiale Amt auszufüllen.
Die von Wulffs ehemaligem Pressesprecher Olaf Glaeseker gestrickte Geschichte eines „Bürger-Präsidenten“ funktionierte, solange es relativ reibungsfrei voranging. Wulff eröffnete Ausstellungen, Wulff posierte nebst Gattin, Wulff richtete eine Spielecke in Bellevue ein. Aber wie viele Home-Storys kann man eigentlich erzählen, bevor es langweilig wird? Und welche Identifikationsmerkmale bleiben, wenn das Schwiegersohn-Image zerstört ist?
Wer sich als Präsident von nebenan präsentiert, bekommt spätestens in der Krise die Quittung dafür – dann hat auch die Liebe der Medien schnell ein Ende. Dann kommt es eben doch wieder auf Beißer-Qualitäten an, und auf den Willen der Medien, dieses Beißer-Image auch zu replizieren und dem Helden zur rechten Zeit zur Seite zu springen. Spätestens seit dem Showdown zwischen Wulff und Axel Springer dürfte dieser Wille gen null tendieren. Übrig bleibt als Bodensatz allein das Bild des tragischen Verlierers.
Ob Wulff gelogen hat oder nicht, ob er ethische Standards verletzt hat oder nicht: für den Tenor der Berichterstattung ist das inzwischen sekundär.

















Ein feiner Beitrag. So wahr und deshalb auch so schmerzlich.
Ich kann diese Argumentation nicht nachvollziehen: Selbst wenn Wulff sich als “Beißer” geriert hätte, würde das einer berechtigten Kritik an sein dubioses Verhalten keinen Abbruch tun. Erschreckend, dass die etablierten politischen Zirkel nicht in der Lage sind besseres Personal bereit zu stellen. Stattdessen werden mangels tragfähgiger Alternativen Pläne geschmiedet zu Recht Ausgegliederte wie Guttenberg wieder zu reaktivieren.
Es geht hier doch eigentlich nicht darum welche Fehler ein einzelner Mensch macht. Die richtige Frage die keiner in den MSM oder alternativen Medien stellt ist die Frage, warum wir Bürger den Bundespräsidenten nicht selber wählen dürfen.
Grundsätzlich nachdenkenswert, nur: Von wem sollen die Vorschläge kommen, damit das praktikabel bleibt?