Berlin hat ein Verwahrlosungsproblem. Hans-Olaf Henkel

Ihr Kindlein kommet

Das diesjährige Weihnachtsgeschäft war ein Hit für Amazon – dem Kindle sei Dank. Und auch für den Journalismus ist der Erfolg der eReader eine frohe Botschaft zur rechten Zeit.

Zum ersten Mal seit dem Verkaufsstart des Kindle im Jahr 2007 hat Amazon halbwegs konkrete Verkaufszahlen vorgelegt. Eine Million Geräte pro Woche habe man im Weihnachtsgeschäft 2011 verkauft, heißt es aus der Pressestelle; der neue Kindle Fire habe „den erfolgreichsten Produkt-Launch der Firmengeschichte“ hingelegt. Offiziell gibt es immer noch keine Stellungnahme zum Gesamterfolg des Kindle – aber die jetzt veröffentlichten Zahlen bestätigen den weitverbreiteten Eindruck, dass sich Amazon mit der Kindle-Produktfamilie und dem angeschlossenem Online-Shop für eBooks zwei veritable Goldesel hält.

Mann kann jetzt die Kuh des Konsumfetischismus wie jedes Jahr zu Weihnachten durchs geschmückte Dorf treiben: Wie schön es wäre, wenn wir die Feiertage begehen könnten, ohne gleich andächtig auf die Knie fallen zu müssen oder den eigenen Unglauben durch Berge an Geschenken zu kompensieren. Wenn sich das Seelenheil schon nicht erbeten lässt, erkaufen konnte man es schon immer. Aber dieses Mal, dieses eine Mal, sage ich im Rückblick gerne: Mehr war wirklich besser.

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Die hervorragenden Kindle-Verkaufszahlen zeigen, dass sich das Interesse an Büchern allen Unkenrufen zum Trotz offensichtlich noch nicht erschöpft hat. Vor sechs Jahren noch schienen Buchverlage vielen als Dinosaurier, denen es weniger um zukunftsfähige Investitionen zu gehen schien als um die Organisation der Erbfolge und der Nachlassverwaltung. Das Buch als Produkt des Spätmittelalters schien zu altbacken, zu langatmig, zu analog und zu anspruchsvoll für die Zeit des nimmermüden Social Web. Berufsskeptiker wie der (exzellent argumentierende) Nicholas Carr warnen seit Jahren vor dem drohenden Konzentrationsverlust und den Gefahren des seichten Lesens im Netz. Und Kevin Maney schrieb schon 2005 in der US-Postille „USA Today“:

„From 2003 to 2004, the number of books sold worldwide dropped by 44 million. True, there are still 2.3 billion books sold each year, but the bottom line is that people are flocking to the Web, TiVo, cell phone screens, PlayStation Portables and DVDs while buying fewer books.“

Keine Frage: Viele der grundlegenden Probleme der Buchindustrie sind weiter ungelöst. Vor weniger als einem Jahr hat der zweitgrößte US-Buchhändler Insolvenz angemeldet, lokale Buchhändler verlieren immer öfter den Kampf gegen die Versuchung des Online-Versandes. Und knapp ein Drittel der Amerikaner haben im vergangenen Jahr kein einziges Buch aus purer Lust am Lesen geöffnet.

Drauf geschissen. Das Glas ist immer noch zu zwei Dritteln voll – und diejenigen, die weiterhin gerne lesen, tun dies offensichtlich in immer größerem Ausmaß mit eReadern. Die Verkaufsentwicklung der vergangenen Jahre hat alle unabhängigen Anfangsprognosen übertroffen und den Markt der eBooks neben Musik und Apps als dritten profitablen Wachstumssektor etabliert. Mindestens zwei Tatsachen sollten uns vorsichtig optimistisch stimmen:

Zwei Gründe zum Jubeln?

Zum einen sind wir offensichtlich noch immer interessiert an langem, romanhaftem Lesen. Die Omnipräsenz von immer neuen Status-Updates und Tweets sorgt ganz offensichtlich bei einer Mehrzahl der Menschen nicht dafür, dass wir uns von klassischen Erzählformen abwenden. Für unbedingten Kulturpessimismus gibt es also keinen Grund. Stattdessen bleibt festzuhalten, dass sich mit der Verpackung nicht auch zwangsläufig der Inhalt ändert. Unsere Ahnen, die Germanen, erzählten sich Geschichten am Lagerfeuer. Tausende Mönche schrieben sich in dunklen Schreibstuben die Augen schlecht. Gutenberg sorgte von Mainz aus für die Verbreitung der Druckkunst als Medium der Massenkommunikation. Und heute lesen wir nun einmal digital. An der Faszination für Erzählungen hat sich dabei nur bedingt etwas geändert.

Zum anderen hat der Erfolg der eReader deutliche positive Nebenwirkungen für den Journalismus. Ich bin überzeugt: Wir erfahren und verstehen die Welt durch Geschichten. Wir leben mit dem Narrativ; wir sind Leser und Geschichtsschreiber zugleich. eBooks machen das klassische Geschichtenerzählen fit für das Netz. Für den Mann vom Verlag mag der Boom des eReaders eine finanzielle Verlockung sein. Für den Journalisten ist sie eine inhaltliche Chance.

Schon heute gibt es zahlreiche Anzeichen dafür, wie sinnvolle Symbiosen zwischen Buchverlagen und Journalismus aussehen können. Die US-Webseite Politico hat erst kürzlich eine Zusammenarbeit mit dem Verlagsriesen Random House angekündigt. Ziel sei, lange Reportagen als kurze eBooks in schneller Folge zu publizieren. Wer sich für die Hintergründe, Details und Verästelungen einer schlagzeilenträchtigen Geschichte interessiert, findet diese künftig fast in Echtzeit im Online-Shop. Die Investigativjournalisten von ProPublica vertreiben bereits seit geraumer Zeit elaborierte PDFs – mit überraschendem Erfolg. Das Gleiche gilt für eBooks des Magazins „Foreign Policy“, die im vorigen Jahr mehrere Zehntausend Dollar extra in die Kassen gespült haben.

Es ist vielleicht verfehlt – und auf jeden Fall verfrüht – angesichts des Weihnachtsgeschäfts in Lobeshymnen zu verfallen. Erzählen sie die Erfolgsgeschichte des Kindle einmal den arbeitslosen Buchhändlern, den unterbezahlten Amazon-Lagerarbeitern oder dem Drittel der Bevölkerung, für die dreißig Minuten „Bunte“ oder Perez Hilton als literarische Erlebnisse gelten. Aber der Grund zur Hoffnung bleibt. Unsere Hingabe zum narrativen Erleben der Welt hat die bisherige Menschheitsgeschichte überdauert – da wird auch der Medienwandel kein Problem sein. Und wenn sich qualitativ Gutes mit wirtschaftlich Tragfähigem verbinden lässt, kann auch die Zukunft des Journalismus so düster nicht sein.

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