Wenn es auf dem Weltfinanzmarkt brennt, dann muss gelöscht werden. Selbst wenn es sich um Brandstiftung handelt. Peer Steinbrück

Brüssel, wir haben ein Problem

Täglich gibt es neue Hiobsbotschaften zur Euro-Krise. Der Durchblick ist uns dabei schon lange verloren gegangen. Und auch die Medien scheitern am Versuch, die Realität erklärbar zu machen.

Am 14. April 1970 um kurz nach vier Uhr morgens kam der große Knall: Über 300.000 Kilometer von der Erde entfernt explodierte ein Sauerstofftank der Mondmission Apollo 13. Innerhalb von Sekunden fielen fast alle wichtigen Systeme des Raumschiffs aus. Und während die langsam ausblutende Kapsel weiterhin in Richtung Mond taumelte, sahen sich die Ingenieure im Kontrollzentrum in Houston mit der Aufgabe konfrontiert, das schwer beschädigte Raumschiff per Ferndiagnose zu analysieren und um jeden Preis um den Mond herum und auf die Erde zurück zu manövrieren. Für jedes gelöste Problem kamen zehn neue dazu; mit jeder Abnahme der Strom- und Sauerstoffversorgung wurden die Lösungsvorschläge der übernächtigten Techniker abenteuerlicher. Kurskorrektur per Armbanduhr? Klar. Luftfilter aus Urinbeuteln und Klebeband? Muss funktionieren. Kaputter Hitzeschild? Am besten nicht drüber reden und weiter improvisieren.

So oder so ähnlich muss es heute im Brüsseler Leitstand zugehen, wenn sich die Staats- und Regierungschefs der Euro-Zone in regelmäßigen Krisengesprächen um neue Lösungen balgen und händeringend versuchen, die monetäre Kernschmelze zu verhindern. Unterstützt werden sie von einer Stoßtruppe aus Technokraten, entgeisterten EZB-Offiziellen und eurokritischen Überzeugungstätern, die immer neue Antworten auf immer neue Fragen suchen.

Es lebe die Illusion

Doch im Gegensatz zu Brüssel war man sich in Houston der eigenen Hilflosigkeit schmerzhaft bewusst. So sehr, dass der leitende Flugdirektor Gene Kranz irgendwann eine Truppe von Ingenieuren mit Kisten voller Kleinteile in einen Raum schickte, um daraus mit der Kraft der Verzweiflung einen neuen Luftfilter zu basteln. Die Zeit war knapp, man brauchte Ideen, gerne auch verrückte Gedanken, Hauptsache, sie funktionierten. Brüssel dagegen scheint sich weiterhin an die Illusion zu klammern, dass man immer noch sicher am Steuer sitze. Jeder Vorschlag zur finanziellen Konsolidierung muss sich weniger an den Gesetzen der Plausibilität messen als an der Möglichkeit der politischen Konsensbildung. Ob das angemessen ist, wenn man auf der Spitze einer Rakete ins wirtschaftspolitische Nirvana düst?

Ich habe dabei längst den Überblick verloren, was denn eigentlich von Euro-Bonds, Elite-Bonds, EFSF, Schuldenschnitten, Umschuldungen und dem Rest des Instrumentariums zu halten sei. Bring das alles etwas? Oder dienen diese ganze Hektik und der permanente Krisenaktionismus vor allem dazu, die Hilfs- und Ahnungslosigkeit der Politik zu verschleiern? Wissen würde ich es schon gerne.

Es ist fast schon putzig, wenn „Spiegel Online“ zu Beginn eines Beitrags schreibt:

„Wie viel nun wirklich dran ist an dem Bericht, wie glaubhaft das Dementi ist, das alles ist derzeit kaum verlässlich zu klären. Eines aber belegen die jüngsten Spekulationen: Die Stimmung in Europa ist aufs Äußerte angespannt. Die Krise spitzt sich immer weiter zu, das Vertrauen der Anleger in die Euro-Zone und ihre Politiker schwindet mit jedem Tag.“

Ach was! Wir wissen also nix und glauben obendrein noch, dass die Politik auch nix weiß? Herr, wirf Hirn vom Himmel.

Vielleicht ist es aufrichtiger, auch als Journalist das eigene Unwissen einzugestehen, als im Brustton der Überzeugung für das eine oder gegen das andere zu argumentieren. Das Problem dabei: Wenn klare Stimmen durch die allgemeine Kakophonie und das kollektiv-verlegene Räuspern dringen, sind es oftmals einseitig plakative Stakkatosätze. Und währenddessen sitzen wir ratlos im Kreis und schauen uns gegenseitig beim Achselzucken zu.

Blind und ratlos in die Krise

Ich bin ein Fan der tieferen europäischen Integration, des Euro und der Idee europäischer Solidarität in Krisenzeiten. Ich sehne mich beinahe nach einem Artikel, der mir die innere Überzeugungsarbeit erleichtert und mir darlegen kann, ob und warum diese Haltungen auch in einer sich kaskadenhaft vertiefenden Krise Bestand haben sollten.

Bisher suche ich umsonst. Die Politik betreibt Aktionismus auf dem Niveau des kleinsten gemeinsamen Nenners, während die Medien den jeweils neuesten Vorschlag zur Lösung der Euro-Krise ungefiltert und inklusive aller Fragezeichen an den Leser durchwinken. Die verrückten Gedanken der Euro-Skeptiker sind dazwischen weniger als Geistesblitze erkennbar, sondern bringen als Donnerschläge zusätzliche Unruhe in die ganze Diskussion.

Wem soll ich glauben? Was soll ich glauben? Ich weiß es wirklich nicht. Und ich glaube, dass es vielen Journalisten – sogar den Fachjournalisten – ähnlich geht. Wir versuchen die Reparatur per Ferndiagnose, ohne den genauen Schaden überhaupt zu kennen – oder versinken gleich in Schockstarre. Die abstrakte Komplexität der Realität überfordert unser Urteilsvermögen. Die Geschichte der Krise lässt sich höchstens noch personalisieren („Merkel gegen Sarkozy“) oder episodenhaft-verkürzt erzählen. Den Blick für das große Ganze haben wir schon lange verloren. Dabei ist es doch genau das große Ganze, das aktuell auf dem Spiel zu stehen scheint. Einzig das Kollektivwissen des Netzes bringt etwas Licht ins Dunkel.

Der Hoffnungsschimmer dabei? Entgegen aller Befürchtungen ist Apollo 13 am Ende sicher gelandet.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    gisbert Schnackselgruber – 29.11.2011 - 17:05

    Dieser Autor schreibt mir zwar aus der Seele, allerdings würde ich trotzdem gern was anderes lesen… Wohltuend vor allem die journalistische Selbstreflektion.

  • Theeuropean-placeholder
    P. Feldmann – 29.11.2011 - 22:58

    Lieber Martin Eiermann, mir wäre (um bei Ihrer Parabel zu bleiben) lieber, wir hätten es mit Apollo 13 als mit der Union der 17 zu tun. Denn zwar gab es da wir nun hier schier unlösbare Probleme und Unwägbarkeiten, zwar grenzte damals das Denken der Rettung an Wahn, aber damals redeten alle zur Lösung des Problems. Heute und hier haben wir einen erheblichen Teil von Menschen, die (wahnhaft allemal) auf den Untergang spekulieren oder ihn ignorant und menschenverachtend tolerieren. Es gibt viel zu viele feiste Geister (und der griechische Finanzminister erscheint da nur wie ein übersättigtes MeneTekel), die meinen, ihr persönlicher Profit lasse sich aus dem zusammenstürzenden Haus tragen.
    Heute ist es nicht die Wahrscheinlichkeit, die gegen uns arbeitet, sondern eine Engstirnigkeit der Menschen, die ans Bösartige grenzt.

    EliteBonds sind da genau die richtige Antwort- Sie werden die Kernstruktur eines neuen Euro mitbegründen.

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