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Ich sehe was, was ihr nicht seht

In Kairo kommt es zu neuen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Armee. Wir dürfen uns schon auf die Stimmen freuen, die nach dem Euro auch den Arabischen Frühling für gescheitert erklären.

Zwanzig Tote, Hunderte Verletzte – es ist schwer zu glauben, dass in Ägypten schon in der kommenden Woche Wahlen stattfinden sollen, zum ersten Mal seit dem Sturz Mubaraks. Nur dieses Mal geht das Volk gegen das Militär auf die Straße, gegen die einstigen Garanten der Revolution. Im Frühjahr war auf dem Tahrir-Platz zu hören: „Das Volk und das Militär sind vereint.“ Heute: „Die Armee ist mit Mubarak verbündet.“ Auf den Dächern der umliegenden Gebäude wehen die Fahnen des neuen Ägyptens und drehen sich munter im Wind.

Es passiert, was von vielen befürchtet und von einigen geradezu herbeigeschrieben worden ist: Der Arabische Frühling ist nach einem langen (und, im Falle Syriens, einem blutigen) Sommer in den heißen Herbst gemündet. In Damaskus regiert ein Despot mit brutaler Trotzigkeit, in Tunis sind Debatten um einen liberal-säkularen Staat längst abgelöst worden von Diskussionen um die Rolle islamischer Traditionen und Rechtsprechung. Und aus der redaktionellen Sofaecke heraus fragen wir uns: Waren wir zu enthusiastisch? Haben wir das drohende Chaos nicht sehen wollen, das vielleicht unweigerlich an den Zusammenbruch einer jahrzehntealten Autokratie folgen musste?

Prophezeiungen sind schwierig, vor allem über die Zukunft

In seinem hervorragenden Essay zum „Sog der Masse“ hat (der ebenfalls hervorragende) Harald Martenstein kürzlich in der „Zeit“ geschrieben: „Prophezeiungen sind schwierig, weil die Geschichte nicht immer in die gleiche Richtung marschiert.“ Hegel dreht sich im Grabe herum, wenn der große Narrativ des Fortschritts an der harten Realität zerbricht. Doch instinktiv wollen wir schreiben, oder gar schreien: Ich habe es schon immer gewusst, dass das alles nichts werden kann mit der Demokratisierung, dass der Terror von Rechts schon immer unterschätzt worden ist, dass Griechenland ein hoffnungsloser Fall ist und Mario Gomez doch noch das Tor treffen kann.

Es ist schließlich so verführerisch einfach, rückblickend zu urteilen: über Chaos im Nahen Osten genauso wie über die deutsche Haltung zum Militäreinsatz in Libyen oder das Ende der Atomkraft. Doch wenn wir jetzt also anfangen statt von der Demokratisierung vom langen Abdriften ins Chaos zu schreiben, ist das meistens kein Zeichen von Weisheit oder plötzlicher Einsicht, sondern zuallererst einmal eine bequeme Ausrede. Es ist so einfach, nachträglich zum Skeptiker zu werden. Wer in die Zukunft hinein prophezeit, tut das immerhin auf Basis der gesamten Bandbreite menschenmöglicher Überzeugungen, Sorgen, Hoffnungen und bekannter Fakten. Wer trotz der Unwägbarkeit für eine Sache eintritt – sei es der Sturz eines Autokraten oder die Rettung einer Währung –, macht deutlich, dass sich der Wert menschlichen Handelns nicht allein an Konsequenzen messen lässt – vor allem, weil diese Konsequenzen nie komplett erfassbar und planbar sein können. Was heute wahrscheinlich ist, kann morgen schon illusorisch klingen.

Wir leben inmitten einer nimmer endenden Baustelle des Wissens. Dreckig und verschwitzt stehen wir im Matsch und sehen rund um uns herum viele unverputzte Wände (Was wird nach den Wahlen in Ägypten?), ungedeckte Dachbalken (Was passiert, wenn die Griechen aus der Euro-Zone gekegelt werden?) und baumelnde Stromkabel (Deutschlands brauner Sumpf). Sobald ein Problem gelöst ist, kriselt es an zehn weiteren Ecken. Wir leben im Hier und Heute, in einer Welt des permanenten Zwischenfazits.

Wer sich allein der rückblickenden Kritik widmet, spielt mit gezinkten Würfeln. Es ist ein Zeichen guter Historiker, dass die moralische Keule normalerweise nicht zur Anwendung kommt.

Ein Lob auf den Wendehals

Eine Tendenz des Journalismus ist es, jede Meinungsänderung von Politikern als Schwäche abzutun und dann abschätzig von Wendehälsen zu schreiben. Wir berichten lieber, dass jemand wie Hans-Olaf Henkel im Brustton der Überzeugung das Ende der Euro-Zone herbeiargumentiert – und ebendieses Ende mit jeder rhetorischen Klatsche ein Stück weit wahrscheinlicher macht. Dabei ist doch erst einmal nichts daran auszusetzen, wenn ein Volksvertreter vor die Mikrofone tritt und bekennt, seine Meinung geändert zu haben. Kommt vor, bei mir oft mehrmals am Tag.

Womit wir schlussendlich beim eigentlichen Problem angelangt wären. „Rationalität muss sich ständig selbst hinterfragen“, so der italienische Oppositionelle und Journalist Paolo Flores d’Arcais. Wenn wir uns einer Sache zu sicher sind, wenn wir zu überzeugt von der eigenen Meinung werden, ist die Grenze zur Dogmatik überschritten. Wir pressen die Welt in unsere Überzeugungen, anstatt unsere Meinungen in der Welt zu formen. Die allwissende Rückschau liefert uns Heldenbilder und tragische Geschichten. Und wir, die wir uns sicherlich nicht vorwerfen lassen wollen, nichts aus der Geschichte gelernt zu haben, lernen, diese Figuren zur Maßgabe künftigen Handelns und Urteilens zu machen. Wir kreieren neue Geschichten auf Basis des rückblickenden Urteils: Dass Ägypten verloren sei, Griechenland sowieso, dass die Geschichte sich bestätigt hätte, und so weiter. Das zu sagen ist unanständig und unehrlich, mitten im Matsch auf der Baustelle.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Martin Eiermann: Besser ohne

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