Wir sind reich genug, um uns Klimaschutz zu leisten - und zu arm, um darauf zu verzichten. Sigmar Gabriel

So nicht, Herr Joffe!

Josef Joffe veröffentlicht einen Artikel im Handelsblatt, der Passagen aus einem Beitrag der New York Times zu übernehmen scheint. Ein offener Brief voller Bedenken.

Sehr geehrter Herr Joffe,

Sie sind zweifelsfrei ein viel beschäftigter Mann, Publizist einer großen und bedeutenden Zeitung und gefragter Politik-Experte. Sie tanzen auf vielen Hochzeiten. Ist es nicht trotzdem fair, zu verlangen, dass Sie Ihre Tanzschritte beherrschen?

Am 3.11. ist unter Ihrem Namen ein längerer Beitrag mit den Titel „Wir machen uns selbst überflüssig“ im Handelsblatt erschienen. In dem Artikel geht es auf 5.000 Zeichen um die Konsequenzen der Automatisierung unseres Alltags. Ihre These ist, dass sich einfache Arbeiten „nach oben“ verschieben: Jobs, die früher einmal von Hilfskräften erledigt wurden, macht heute der Chef per Handy selbst.

Der Text ist thematisch interessant, prägnant geschrieben, lesenswert. Nur ein Problem gibt es: Er scheint nicht vollständig von Ihnen zu stammen. Ein sehr ähnlicher Beitrag ist auf den Meinungsseiten der „New York Times“ zu finden, veröffentlicht am 30.10. (online am 29.10.) unter dem Titel „Our Unpaid, Extra Shadow Work“.

Gleiche Beispiele, gleiche Geschichten

Beispiele gefällig? Im ersten Absatz schreiben Sie:

Wer wissen will, warum viele Jobs nach dieser Krise nicht mehr zurückkommen werden, muss im Supermarkt Safeway von Menlo Park einkaufen. Da steht ein Stanford-Professor, der an die 200.000 Dollar im Jahr verdient, vor der neuesten Errungenschaft der „Dienstleistungsgesellschaft“. Er scannt die Milch, das Obst selbst; dann stopft er einen 20-Dollar-Schein in eine Maschine, die auch Wechselgeld und Quittung herausgibt.

Es geht Ihnen offensichtlich darum, den Wandel der Dienstleistungsgesellschaft episodenhaft zu beschreiben. Doch das, Herr Joffe, ist so fast wortgleich im Original nachzulesen, nur dass dort eine Juristin anstelle des Professors auftritt:

The other night at the supermarket I saw a partner at a downtown law firm working as a grocery checker, scanning bar codes. I’m sure she earns at least $300,000 per year. Even so, she was scanning and bagging her purchases in the self-service checkout line.

Zufälle gibt’s. Aber wann hört ein Zufall auf, ein Zufall zu sein? Sie erwähnen in den folgenden Absätzen exakt die gleichen Beispiele, um den Trend zur Automatisierung und Selbstbedienung zu beleuchten: das selbstständige Zapfen an der Tankstelle, das E-Mail-Scheiben im Büro, das Einchecken am Flughafen, den Aufbau eines Ikea-Regals, die Arbeit im Krankenhaus oder den Einkauf im Supermarkt. Alle diese Beispiele auch im Beitrag der „New York Times“ zu finden, teilweise sogar in der gleichen Reihenfolge.

Die Passage „There was a time when a gas station attendant would routinely fill your tank […] Today, all those jobs have been transferred to the customer: we pump our own gas, […]“ wird bei Ihnen zum Beispiel verkürzt zu „An der Tankstelle zapfen wir eigenhändig seit eh und je.“ Ihr Erlebnisbericht vom Zusammenschrauben eines Ikea-Regals findet sich im Original in der folgenden Passage wieder: „Research on the “Ikea effect”, named for the Swedish furniture manufacturer whose products often require home assembly, indicates that customers value a product more highly when they play a role in constructing it.“

Der Zwerg sieht weiter als der Riese selbst

Auch der theoretische Überbau des Artikels ist deckungsgleich. Doch wo im Original die Schriften des österreichischen Sozialphilosophen Ivan Illich als Ursprung der Idee einer „Schattenarbeit“ zitiert werden, übernehmen Sie den Begriff – in Anführungszeichen – als Teil Ihrer eigenen Argumentation:

Wir, das sind die neuen „Schattenarbeiter“, die nicht einmal wie auf dem Schwarzmarkt unversteuerten Lohn kriegen, sondern umsonst schuften. Das ist die neue Tauschwirtschaft: Ich gebe der Firma meine Arbeitszeit, und sie gibt mir dafür nicht einmal einen schlappen Händedruck.

In einer Antwortmail schreiben Sie mir, dass sie selbst der erwähnte Stanford-Professor seien. Die restlichen Beispiele seien nicht abgeschrieben, sondern entsprängen Ihrem täglichen Lebensalltag, beziehungsweise Ihrer „urpersönlichen Erfahrung“ aus 20 Jahren in der Medienwelt. Andere Ihrer Beispiele, darauf weisen Sie zu Recht hin, sind im Artikel der New York Times nicht zu finden. Sie schreiben mir, dass „Fantasie und selektives Lesen“ erforderlich seien, um das nicht zu sehen. Ich glaube, es ist umgekehrt: Nur mit selektivem Lesen können Sie zu einer solchen Schlussfolgerung gelangen.

Natürlich wissen auch Sie, dass alle klugen Gedanken nicht im Vakuum entstehen. Damit der Zwerg auf den Schultern des Riesen weiter in die Ferne blicken kann, braucht es die Riesen, die das Fundament legen. Es ist durchaus legitim, sich bei anderen Autoren zu bedienen und dann im Text darauf hinzuweisen. Das haben Sie bei einem Beispiel auch getan:

Die frohe Botschaft des Computer- und Roboter-Zeitalters hat sich als frommer Techno-Mythos entpuppt. Sollten uns die Maschinen nicht von der drögen Knochenarbeit befreien? Im Gegenteil: Sie haben sie an uns Menschen weitergegeben, schreibt der Redakteur des „Harvard Magazine“.

Der „Redakteur des Harvard Magazine“ heißt Craig Lambert. Er ist nicht nur die Quelle des von Ihnen paraphrasierten Satzes, sondern der Autor des Beitrages in der „New York Times“. Leider weisen Sie an den meisten Stellen nicht darauf hin, dass Ihre Wortwahl und Argumentationsketten auch anderorts zu finden sind.

Und wie es bei Brüdern im Geiste der Fall ist, kommen Sie und Herr Lambert in der Mitte Ihrer jeweiligen Beiträge zum gleichen Zwischenfazit: „The robots have won“ – oder, von Ihnen im Handelsblatt nachzulesen, „Gegen den Roboter kann sie nicht konkurrieren.“

Wenn da nicht der letzte Absatz Ihres Textes wäre: Craig Lambert ist offensichtlich im falschen Supermarkt unterwegs gewesen, um sich ein Bild der modernen Arbeitswelt zu machen. Er beschreibt seine Erlebnisse bei den Discountern Target und Wal-Mart, wo es kaum noch möglich sei, einen qualifizierten Verkäufer zu finden. Da hat es Sie wohl besser getroffen. Sie sind ebenfalls im Supermarkt unterwegs gewesen und haben ebenfalls nach den Verkäufern gesucht. Und Sie sind anscheinend fündig geworden: bei Trader Joe’s, „eine halbe Meile vom Safeway“, nahe beim Stanford-Campus. Die Mitarbeiter dort, schreiben Sie, „helfen freundlich bei der Suche nach einem abstrusen Artikel, die Kassen stehen in Reih und Glied (anders als bei Aldi-D). Die Roboter haben den Krieg noch nicht gewonnen.“ Ihr Fazit unterscheidet sich vom Fazit in Lamberts Artikel. Aber ist das ein ausschlaggebendes Kriterium für die Eigenständigkeit eines Beitrags?

An welchen Standards lassen wir uns messen?

Seit Guttenberg wird heftig gestritten, was genau wir als Plagiat definieren. Die Universität Zürich benutzt folgende Definition:

„Unter einem Plagiat ist die ganze oder teilweise Übernahme eines fremden Werks ohne Angabe der Quelle und des Urhebers bzw. der Urheberin zu verstehen. Das Plagiat ist im Grunde genommen eine Verletzung des Urheberrechts. Kürzere Passagen eines fremden Werkes dürfen zitiert werden. Dies setzt aber eine Kennzeichnung des Zitats und eine Angabe der Quelle voraus.“

Unsere gemeinsame Alma Mater Harvard benutzt eine ähnliche Definition, die jedem Studenten und Professoren in Schriftform vorgelegt wird. Eine weiter gefasste Interpretation des Plagiatsvorwurfes findet sich unter anderem in einem Urteil des Verwaltungsgerichtshofes Baden-Württemberg. Die Kernaussage aller dieser Definitionen ist, dass ein Autor seine Quellen detailliert genug offenlegen muss, damit die Herkunft zitierter oder paraphrasierter Passagen für den Leser ersichtlich wird. Geliehenes Material muss von eigenem Gedankengut unterschieden werden können. Was meinen Sie? Erfüllt Ihr Beitrag diese Kriterien?

Es kann sein, dass Sie Ihre Texte nicht unbedingt selber recherchieren. Das wäre schade, da doch der Leser erwarten können sollte, dass auch Josef Joffe drin ist, wo Josef Joffe draufsteht. In dem Fall verdienen Ihre zuarbeitenden Redakteure eine ordentliche Klatsche und – wenn sie sich davon erholt haben – ein Aufbauseminar „journalistische Standards“. Falls Sie den Text tatsächlich selbst geschrieben haben sollten, darf ich Ihnen eine Teilnahme an selbigem Seminar ans Herz legen.

Wenn Sie meine Artikel hier auf The European lesen, werden Sie merken, dass ich immer noch mit einer gehörigen Portion Idealismus in die weite Medienwelt hinausblicke. Ich glaube an die staatstragende Macht der Medien und an ihre Bedeutung für den demokratischen Prozess. Das setzt jedoch voraus, dass wir uns an den gleichen Standards messen lassen, die wir bei den eigenen Urteilen anlegen. Abschreibejournalismus gehört nicht dazu.

Als junger Journalist bin ich mit Namen wie dem Ihren groß geworden. Sie waren – pars pro toto – für mich oftmals die Inkarnation des deutschen Publizistentums. Sie konnten uns die Weltmacht USA erklären, das innenpolitische Kleinklein in Deutschland sowieso. Sie mögen oftmals eine andere Meinung vertreten haben als ich, aber das immer überzeugend und anscheinend aufrichtig. Sie haben die deutsche Medienlandschaft entscheidend geprägt. Aber auch Sie wissen, dass weder die eigene Biografie noch die eigene Unwissenheit vor Strafe schützen. Ich würde sogar argumentieren, dass ein Credo in Ihrem Fall ganz besonders gilt: Wer Ethos predigt, kann nicht unethisch handeln. Wer von Verantwortung spricht, kann sich ihr nicht entziehen.

Die Verantwortung für das geschriebene Wort liegt bei dem, der es aufschreibt. Das sind in diesem Fall Sie.

Mit Dank an einen Hinweisgeber.

Update 2: Josef Joffe reagierte auf diesen Artikel mit einer Stellungnahme, die wir in vollständiger Länge veröffentlicht haben: „Ein Zwerg verneigt sich vor dem Riesen“

Update: Martin Eiermann hat Herrn Joffe geschrieben mit der Bitte, die Ähnlichkeit in den beiden Artikeln zu kommentieren. Der Emailverkehr der beiden wird hier, auch auf ausdrücklichen Wunsch von Herrn Joffe, gezeigt:

Am 6. November schrieb Josef Joffe an Martin Eiermann:

Natuerlich hat mich der Artikel von Craig Lambert in der NYT inspiriert, und ich habe ihn auch zitiert, was ihnen in Ihrem Ermittlungseifer offenbar entgangen ist.
Nur: Der “Professor” am Checkout, das bin ich, der zurzeit in Stanford unterrichtet. Die Beispiele? Selber meine Briefe schreiben, Benzin zapfen, selber einchecken, Fluege bei Expedia suchen, Ikea-Regale selber schrauben, meine Abwesenheiten im Buero selber tabulieren – das “schreibt man nicht ab”, sondern erlebt es taeglich selber.
Als Redakteur Arbeiten zu verrichten, die einst Setzer und Layouter gemacht haben, eine urpersoenliche Erfahrung, erlebe ich seit 20 Jahren. Fuer Vattenfall den Zaehler ablesen, bei Amazon statt bei Borders (juengst Pleite gegangen) Buecher kaufen – diese Beispiele finden Sie bei Craig Lambert auch nicht.
Auch nicht meinen Schlussabsatz, der Lamberts Kulturpessimismus sanft korrigiert.
Schliesslich geht es mir in meinem Handelsblatt-Artikel um eine ganz andere These: um Outsourcing nicht nach China, sondern an uns selber – um Jobs, die nicht mehr zurueck kommen, wenn in Asien die Loehne steigen.
Daraus einen Plagiat-Strick zu drehen , erfordert Fantasie und selektives Lesen. Ihr
Josef Joffe

Am 5. November schrieb Martin Eiermann an Josef Joffe:

Sehr geehrter Herr Joffe,
Ihr Beitrag im Handelsblatt vom 3.11.2011 gleicht in weiten Teilen einem Beitrag in der New York Times (online am 29.10., Print am 30.10.). Sie verwenden neben der gleichen Argumentationslinie auch die gleichen Beispiele wie der Autor des Beitrags in der New York Times, einzelne Absätze sind fast deckungsgleich. Den Originalbeitrag finden Sie hier: http://www.nytimes.com/2011/10/30/opinion/sunday/our-unpaid-extra-shadow-work.html?_r=1&pagewanted=all
Schon länger beobachten wir die Tendenz deutscher Medien, sich speziell bei der New York Times zu bedienen, ohne ausreichend auf die Quellen hinzuweisen. Wir würden gerne morgen einen Kommentar veröffentlichen, der Ihren Beitrag mit dem Beitrag von Herrn Lambert vergleicht. Wir würden uns freuen, wenn Sie uns kurz erläutern möchten, wie die Übereinstimmungen zustande gekommen sein könnten. Wir würden Ihr Statement dann unter dem Beitrag veröffentlichen.
Mit freundlichem Gruß,
Martin Eiermann

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Martin Eiermann: Politische Partizipation in den USA ist ein Minderheitenphänomen

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