Wer auf dem Weg in den Kinosaal die überall ausliegenden Zeitschriften mitnimmt, tut das bestimmt nicht wegen der Inhalte. Wer es trotzdem tut, wird bitter enttäuscht. Die kostenlosen Film-Magazine sind nichts anderes als neu verpackte PR-Schleudern der Filmverleihe, in denen selbst der hirnloseste Mist noch als „Erlebnis für die ganze Familie“ oder „erfrischende Unterhaltung“ verkauft wird. Der Informationsgehalt der Interviews gleicht dem Nährwert eines Glases Wasser. Dafür sind die Bilder zahlreich und bunt und regen zum Nachdenken an, für welche Filme man denn sonst noch zehn Euro hinlatzen könnte. Und wenn man die Cola auf den Nachbarn schüttet, saugt das Magazin zur Not auch etwas Flüssigkeit auf.
Mit anderen Worten: Erwartungshaltung null.
„Fetter Auspuff, lass mal Klickstrecke machen“
Ähnliches geht mir durch den Kopf, wenn ich in einem Anfall von langeweilegetriebenem Herumvagabundieren auf den Auto-Seiten von Spiegel Online strande (wie zum Beispiel gestern Nachmittag). Ob es sich überhaupt lohnt, über etwas so Offensichtliches zu schreiben? Ach was, sei’s drum, irgendwann muss es raus.
Das Auto-Ressort ist für mich das Pendant zur Kinozeitschrift: der Informationsgehalt eher spärlich, die journalistische Eigenleistung vernachlässigbar, das Ergebnis entsprechend vorhersehbar. Im Reise-Ressort gibt es immerhin noch Geschichten über Europas krude Leuchtturmwärter und Reisen abseits der Norm.
Ich frage mich ja wirklich, wie die Inhalte ressortintern produziert werden. Sitzen da einige testosteronschwangere Redakteure vor ihren Bildschirmen, bis einer irgendwann zum anderen sagt: „Guck mal, neuer Audi. Fetter Auspuff. Lass mal Klickstrecke machen.“ Oder entstehen die meisten Storys aus Probefahrten, wenn dank der beigefügten PR-Mappe das notwendige Info- und Bildmaterial nicht erst aufwendig zusammenrecherchiert werden muss? Im Endeffekt ist es wahrscheinlich egal. Und wenn mal wieder etwas Politik ins Portfolio muss (man schreibt immerhin unter dem Dach von Deutschlands politischem Wochenmagazin), dann hat der Ramsauer sicherlich wieder irgendwelche klugen Worte gesprochen. Helmpflicht für Radfahrer vielleicht, oder irgendwas mit Autobahnen. Das Leben kann so schön simpel sein.
Was zählt?
Um fair zu sein: Um ihren Job beneide ich die dort sitzenden Redakteure nicht. Man muss schon ein arger Materialismus- und Markenfetischist sein, um sich tagtäglich neu für Chromräder und PS-Zahlen begeistern zu können. Oder bin ich einfach ein bisschen zu engstirnig – Politik ist ja schließlich auch nicht immer eine aufregende Angelegenheit, und trotzdem stürzen sich die Politik-Redaktionen jeden Tag aufs Neue ins Getümmel?
Moment; immer langsam mit den jungen Pferdestärken. „Ich bin zum Ergebnis gekommen, dass Politik zu wichtig ist, um sie den Politikern zu überlassen“, hat Charles de Gaulle einmal formuliert. Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Demonstrationsfreiheit oder Streikrecht sind heute noch verbriefte Konsequenzen dieser zentralen Maxime der Demokratie. Mit anderen Worten: Politik zählt. Selbst wenn wir nicht wählen gehen – wir sollten es eigentlich tun. Wir sollten uns engagieren, interessieren, aufregen und all die ganzen anderen Dinge tun, die nun einmal wichtig sind in einer repräsentativen Demokratie. Ein Auto dagegen ist … ein Auto. Frei definiert als Kasten mit vier Rädern, Wumms unter der Haube und Blingbling außendrum. Ein Konsumgegenstand, Statussymbol, Medikament gegen die Mid-Life Crisis. Und eigentlich unwichtig.
Wenn wir also das eine Ressort mit dem anderen vergleichen, sind wir bei der klassischen Situation mit den Äpfeln und Birnen angekommen. Oder im Kinosaal. Das beste Rezept gegen die Enttäuschung ist es daher vielleicht, von vorneherein erst gar nichts zu erwarten.
Leserbriefe
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Ich gehöre an und für sich nicht zu der Riege derjenigen, die sich arrogant in dem suhlen, was man gemeinhin in unglaublichem Euphemismus als “kritisches Hinterfragen” bezeichnet. Bei diesem Artikel komme ich allerdings nicht umhin, es doch mal zu versuchen (es gibt ja für alles ein erstes Mal ;-) ).
Was möchten Sie, Herr Eiermann, uns mit diesem Artikel sagen? Dass Sie mit der automobilen Berichterstattung der Wochenmagazine nichts anfangen können? Geschenkt! Dann lesen Sie die doch einfach GAR nicht mehr und wechseln zu den Zeitschriften, bei denen diejenigen schreiben, die Ahnung vom Thema haben: “auto, motor und sport” sowie “AutoBILD”. Eigentlich gar nicht so schwer, oder? ;-)
In hohem Maße unlogisch ist es in meinen Augen aber, den Vorwurf, es gebe in der angesprochenen Sparte nur inhaltsleere Artikel, mit einem ebenso sinn- und inhaltsentleerten Artikel zu beantworten. Es mag natürlich sein, dass das eine von Ihnen intendierte Art der Humorübermittlung war, die sich mir nicht erschloss, aber dann kann man sich durchaus Weltbewegenderes zum Ironisieren suchen. Daran mangelt´s ja zur Zeit nicht.
Es beschäftigt ja kaum ein Titel mehr schreibende Autoredakteure, die kaufen – von Spiegel Online über Focus bis zum Stern – ihre Artikel bei Agenturen, hauptsächlich Büro 504 aus Hamburg und Press Inform aus München. Die Jungs wiederum dürfen sich von den Auto- und Reifenherstellern pampern lassen bis zum Gehtnichtmehr, sie arbeiten ja im Hybridfeld von Journalist und PR-Texter. So lesen wir durchweg schöne, huldvolle Autorezensionen, und zumindest für die Anzeigenabteilungen macht es wirklich Sinn – die Autohersteller sind die weltweit stärksten Werbe-Spender, da hängt eine Riesenindustrie dran, auf die wir, ehrlich gesagt, in Deutschland auch nicht verzichten können… Wer guten, ehrlichen Autorjournalismus lesen will, kann das ja auch zB in der FAZ tun.
Lieber HErr Eiermann,
“Ein Auto dagegen ist …” … ein rollender Gegenstand. Und es macht eine Aussage über das Wesen des Menschen in unserem Teil der Neuzeit, dass man eine physische Bewegung für die eigentliche Bewegung nimmt. Damit wird die physische Bewegung dann zur politischen Bewegung und leider nicht ERsatz, sondern Wesen politischer Bewegung.
Der Fetische sind viele, aber nur wenige erreichen diesen Gültigkeitsstatus. Man merkt das in diesen Zeiten, in denen Kreti und Pleti Rad fahren, u.a. daran, wie sie Rad fahren: so als führen sie in Ihrem SUV – mitten auf der Straße. Und sie tun das nicht aus der Angst, sonst am Rand verloren zu gehen, sondern im Bewusstsein, eigentlich Autofahrer zu sein.
Natürlich sind die Auto-Seiten übelste Platz-Verschwendung … doch die Auto-Anzeigen bezahlen es ja.
Spätere Generationen werden uns komplett auslachen (oder auch hassen), das wir dieser Öl-Verplemperung dermaßen gehuldigt haben.
Ja, auch ich fand den Artikel noch nicht prägnant genug. Nein, inhaltlich ist die Kritik am Fetisch des letzten Jahrhunderts absolut angebracht.
Sich schon ’mal gefragt, warum auch z.B. morgens kostbare Zeit im Radio für “Staumeldungen” verschenkt wird, selbst bei Qualitätsprogrammen. Schon mal dagegen protestiert?
Lieber JS, die stündlichen Staumeldungen selbst auf den Kultursendern des Radios sind ebenso sinnlos wie nervend- absolut d`accord!
Dass unsere Nachrichten schon seit Jahren zu 50% aus Wetter, Staumeldungen und Börsennachrichten bestehen, ist wiederum eine gültige Aussage über die Malaise unserer Zeit: Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass diese Melange (insbesondere Stau u. Börse) schon lange vor der offensichtlichen Krise neurologisch gebahnt wurde. Eigentlich ist das die Antipropaganda einer von Dynamik besessenen Zeit: seht her- Bewegung ist eigentlich Stillstand! Und unter dieser Sicht freue ich mich jeden Tag über diesen besoffenen Potpourri, der mich aber trotzdem immer wieder zum wilden Senderwechsel auf der Suche nach Sinngehalt veranlasst.
Natürlich sind die Auto-Seiten übelste Platz-Verschwendung … doch die Auto-Anzeigen bezahlen es ja.
Spätere Generationen werden uns komplett auslachen (oder auch hassen), dass wir dieser Öl-Verplemperung dermaßen gehuldigt haben.
Ja, auch ich fand den Artikel noch nicht prägnant genug. Nein, inhaltlich ist die Kritik am Fetisch des letzten Jahrhunderts absolut angebracht.
Sich schon ’mal gefragt, warum auch z.B. morgens kostbare Zeit im Radio für “Staumeldungen” verschenkt wird, selbst bei Qualitätsprogrammen. Schon mal dagegen protestiert?