Kein Mensch kommt zu großen Vermögen nur durch seine eigene Arbeit. Uwe Knüpfer

Vom Gefühl, plötzlich konservativ zu sein

Die Medien als Bastion linker Politik? Schwachsinn. Politik passiert aktuell woanders – und wir hinken der Debatte drei Schritte hinterher.

Ach, diese Medien! Prall gefüllt mit linkem Gedankengut, mit alternden 68ern in den Feuilleton-Redaktionen und jungen Nachwuchsredakteuren, die sich nach zehn Semestern Sozialtheorie entschlossen haben, mal „irgendwas mit Medien“ zu machen. Redaktionen, welche die Revolution mit anderen Mitteln vorantreiben und einen gepflegten Hass auf den Konservativen im Allgemeinen und die CDU/CSU im Besonderen an den Tag legen. Jan Fleischhauer wird nie müde, die Einseitigkeit der Berichterstattung zu betonen, „besonders im Kulturbetrieb und in den Medien, mit wenigen Ausnahmen“. In den USA ist die Idee der „liberal media“ sogar schon zum geflügelten Wort geworden. Doch dieser Mythos hat in den vergangenen Wochen wieder einen ordentlichen Dämpfer erhalten.

Etwas kühl heute …

Die wichtigen, richtungsweisenden Debatten werden allesamt außerhalb der Medien geführt. Der Umgang mit der europäischen Schuldenkrise und die Zukunft der EU? Die Diskussion dazu gab es im Netz und als ritualisierten Showdown im Bundestag. Systemkritik findet auf den Plätzen dieser Welt statt, wenn Zehntausende unter dem Banner der Occupy-Bewegung gegen wachsende Ungerechtigkeiten und für die Demokratie auf die Straße gehen. Und die letzten Weckrufe für die deutsche Parteipolitik kamen nicht von Seiten des „Spiegel“ oder der „Zeit“, sondern von einer Handvoll Berliner Piraten und den Aktivisten des Chaos Computer Clubs.

Die Medien haben darüber berichtet – manchmal betont neutral, oftmals ablehnend, fast immer abwartend. Doch bis die Themenvorschläge durch die Redaktionskonferenzen geprügelt waren und die Scharen der Reporter ausschwärmen durften, war die Diskussion bereits wieder drei Schritte weiter. Während die großen Fragen der politischen und gesellschaftlichen Richtungsfindung sich wie Gewitterwolken auftürmen, holen die Medien zögerlich den Pullover raus – es könnte sich ja abkühlen. Es spricht Bände, dass der „Independent“ noch gestern über die Proteste schrieb, man habe ursprünglich „nicht viel davon erwartet“.

Seit Samstag habe ich mich im Camp der Demonstranten vor der Londoner Börse herumgetrieben – und mich seltsam konservativ dabei gefühlt. Konservativ nicht in meinen Ansichten, sondern in der Realisierung, dass hier offensichtlich eine ganze Reihe von Menschen besser verstanden hat als jede klassische Redaktion, welche Veränderungen wir durchleben. Dass die Aufgabe der Medien, „zu berichten und Kritik zu üben“ inzwischen offensichtlich von anderen erfüllt wird. Dass die Argumentationsstränge der Politik nicht primär von Journalisten hinterfragt werden, sondern von einer Gruppe, deren wichtigste Waffen die Netzaffinität und eine ehrliche Frustration zu sein scheinen.

In welcher Welt wollen wir leben?

Das, was man einmal als “Leitmedienjournalismus” bezeichnet hat, ist passé. Wir setzen keine Agenda mehr – auch keine Agenda links der Mitte -, sondern schreiben höchstens noch ab von den Sitzungsprotokollen der anderen. Wenn linke Politik sich in dem erschöpfen würde, was in den Zeitungen zu lesen ist, dann wäre diese Revolution schon heute ein totgeborenes Kind. Was jetzt im Umkehrschluss nicht bedeuten soll, den Journalismus ideologisch auf Linie zu trimmen. Im Gegenteil: Die Energiewende, eine Neudefinition des Wachstumsbegriffs, die Zähmung des exzessiven Finanzkapitalismus, die Umkehr der seit den 1970ern wachsenden globalen Ungleichheiten, die Reform der parlamentarischen Technokratie – all das sind Fragen, die genauso wenig alternativlos sind wie der bekannte Kanon aus Laufzeitverlängerung oder innerer Sicherheit. Der US-Politologe Roberto Unger hat es im Interview so umschrieben: „Die Geschichte folgt keinem Drehbuch, jeder Moment ist umgeben von einer Hülle an angrenzenden Möglichkeiten.“ Die Integration der EU ist genauso umkehrbar wie die Deregulierung der Finanzmärkte.

Das Ergebnis der aktuell geführten Debatten kann also nicht sein, Denk- und Redeverbote nach rechts oder links zu verteilen und Kritik so abzukanzeln, wie es unser Herr Innenminister gerne einmal tut. Dazu sind die Debatten zu bedeutsam. Bedeutsamkeit, das heißt allerdings auch, sich an genau diesen Themen abzuarbeiten und sie nicht erst zu verschlafen – und dann beim Klingeln des Weckers verwundert nachzufragen, was das denn alles zu bedeuten habe und ob es denn wirklich so wichtig sei.

„Ein leidenschaftlicher Journalist kann kaum einen Artikel schreiben, ohne im Unterbewusstsein die Wirklichkeit ändern zu wollen“, hat Rudolf Augstein einmal gesagt (und nicht nur unter Linken ist der Satz populär: Auch Matthias Döpfner zitiert ihn bei Gelegenheit gerne einmal). Jetzt leben wir schon in sich ändernden Zeiten und dürfen daher auch mit Recht von uns selbst und dem Rest der eigenen Zunft fordern: Mehr davon! Mehr Schreiben am Puls der Zeit. Denn wer die großen Fragen scheut, kann auch nicht auf Antworten hoffen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Martin Eiermann: Politische Partizipation in den USA ist ein Minderheitenphänomen

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