Nur von Gott kommt die wirkliche Revolution. Joseph Ratzinger

Klaus W. und die wilde 15

Die Berliner Medien kämpfen sich am Phänomen Piratenpartei ab. Können diese Chaoten denn wirklich Politik?

Können Sie sich an die Situation bei der Einschulung erinnern, am Anfang des ersten Semesters, bei der ersten Vorstellungsrunde mit den lieben Kollegen? Wer sich gleich zu Anfang als Klassenclown versucht, wird dieses Image auch nicht so schnell wieder loswerden. Der Streber bleibt der Streber, der Nerd bleibt Nerd, und wer seine Mütze nicht auszieht, ist wahrscheinlich sowieso zu cool für tiefgründige Unterhaltungen. Erster Eindruck und so.

Ein wenig beschreibt das die verdatterten Reaktionen auf den sonntägigen Wahlerfolg der Piratenpartei in Berlin. „Noch vor wenigen Monaten war der 33-Jährige völlig unbekannt“, schreibt SPON über den Spitzenkandidaten der Berliner Piraten, Andreas Baum. Und plötzlich steht der junge Mann vor der Kamera und erklärt den Vertretern der anderen Parteien, warum das Rote Rathaus ausgelüftet werden muss. Nie sahen die Grünen so bürgerlich-gesetzt aus wie dort, neben den jungen, dynamischen, basisdemokratischen … ja, neben wem eigentlich? Die erste Aufgabe der Medien war es seit den 18-Uhr-Hochrechnungen, das „Phänomen Piratenpartei“ zu erklären. Wer ist das eigentlich? Und wo zur Hölle kommen die neun Prozent her?

Die mediale Schnitzeljagd kann beginnen.

Hot or Not?

Die Piraten seien eine „inhaltsleere Partei“, eine „Form der Protestwahl“, hatte der Berliner SPD-Chef Michael Müller mit steifer Oberlippe vor der Wahl verlauten lassen. Aber der muss das ja sagen, immerhin waren die Piraten zur ernsthaften Gefahr für die Wunschoption Rot-Grün geworden. Der „Spiegel“ versucht es daher mit vorsichtiger Sympathie. Die Piraten seien ein „völlig neues Phänomen“, parlamentarische Neulinge, „14 Männer und eine Frau, viele unter 30 Jahre alt und mit naturwissenschaftlichem Studium“. Es gehe ihnen vor allem um die Öffnung verkrusteter Strukturen, und auf die Arbeit im Abgeordnetenhaus habe man sich auch schon eingestellt. „Verwaltungs-Klein-Klein“ eben, ein Experte habe das erklärt.

Zugegeben: Die Partei hat es nicht immer einfach gemacht, in ihr eine seriöse politische Kraft zu sehen. Der Spitzenkandidat Andreas Baum hat sich zwar tapfer durch sein RBB-Kandidateninterview gestottert, dem Image seiner Partei dabei allerdings nicht unbedingt einen Dienst getan. Der Bundesverband hat sich mit internen Rangeleien beschäftigt, anstatt die netzpolitische Agenda mit zu gestalten. Und auch die Fotos der 15 Listenplatz-Piraten versprühen noch eher den amateurhaften Charme der außerparlamentarischen Opposition. Piraten? Das sind doch die mit den langen Haaren und kruden Vorschlägen.

Genauso wie bei den Klassentreffen und Antrittsvorlesungen und ersten Arbeitstagen ist der erste Eindruck wahrscheinlich der beständigste. Millionen von Deutschen – wahrscheinlich sogar eine Million Berliner – haben eigentlich gar keine Ahnung, wer denn da plötzlich in den Abgeordnetensesseln Platz nimmt und die Hauptstadt mitregieren soll. Gerade jetzt ist also die Zeit, in der solche Beschreibungen immens wichtig sind – die Zeit, in der sich beim Souverän neben dem Bild der neuen Partei auch die Erwartungshaltung verfestigt.

Ehre, wem Ehre gebührt

Die Hauptaufgabe der Piraten wird es in den kommenden Wochen und Monaten sein, offene Kritik in konstruktive, progressive Politik umzumünzen. Und die Aufgabe der Medien ist es, diesen Prozess auch journalistisch zu begleiten, ohne dabei in die immer gleichen Kerben zu hauen. Viel deutet darauf hin, dass die Piraten momentan selber noch gar nicht genau wissen, wie denn mit dem plötzlichen Erfolg umzugehen sei, und wohin man denn jetzt eigentlich wolle. Warum sollten es die Medien besser wissen?

Das ist neben dem Vorsprung an Wählerstimmen der zweite Vorteil der Piraten gegenüber der FDP: Sie sind ein relativ unbeschriebenes Blatt. Die Liberalen haben die Imagewende versucht und sich dabei die Karre erst richtig in den Graben gelenkt. Dafür gibt es zu Recht Kritik, Spott, Hohn et cetera. Und das alles unter der wichtigen Prämisse, dass die FDP aller Bedeutungslosigkeit zum Trotz weiterhin zum Kanon der ernsthaften politischen Parteien gehört und dementsprechend von den Medien behandelt wird.

Über die Partei „Die Partei“ können wir angesichts der Absurdität des Ganzen herzlich lachen. Bei der FDP kann man selbst als überzeugter Nicht-FDPler eigentlich nur noch weinen. Und bei den Piraten wissen wir noch gar nicht genau, was denn eigentlich einmal werden kann aus dem Potenzial der vielen Stimmen und mutigen Ideen. Transparenz oder Trallala, beides ist drin.

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