Es gibt in den Tiefen der deutschen Sprichwörterkiste viele versteckte Bonmots. Eines davon: „Auf jeden Weisen kommen tausend Narren.“ Auf jedes lesenswerte Buch kommen Regale voll von Groschenromanen, auf jeden Flugpionier kommen Dutzende Hobbybastler, die sich im Laufe der Geschichte armrudernd von Dutzenden Klippen gestürzt haben.
Auch im Netz ist das natürlich nicht anders. 9.282.359 Leserbeiträge zählte das Forum von Spiegel Online am Sonntagabend. Eine ganze Bibliothek voll Beiträgen, die nicht nur sang- und klanglos in den Tiefen des Archivs verschwinden, sondern auch durchaus Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Diskussion durch und mit den Lesern aufkommen lassen können. Es tummelt sich Absurdes – „Wozu brauchen wir eigentlich eine Bundeswehr? Wenn wir von Aliens angegriffen werden, kämpfen sowieso die Amis für uns. “ – neben Hobbysatirikern: „Wohin es die amerikanische (Ess-)Kultur gebracht hat, sieht man an der grundehrlichen Kartoffel. Diese wurde geschnipselt und geraspelt in ungesunde und süchtig machende Chips – man kann nicht mehr aufhören zu essen … und es entsteht Fett ohne Mehrwert. Genau wie in der Wirtschaft.“
Wild Wild Web
Schrammel schrammel, der Leser schlägt zurück. Und das alles, nachdem die beleidigenden, kruden, grammatikalisch einfallsreichen und verschwörungstheoretischen Posts es erst gar nicht an den redaktionellen Türstehern vorbei geschafft haben. „Wie das Universum ist die menschliche Blödheit wohl unbegrenzt, so einer der SPON-Leserbriefschreiber. Wie sagte der Pfälzer Dicke doch so treffend: „Wichtig ist, was hinten bei rauskommt.“ Und hinten raus kommt eben oftmals ein Mix aus Plattitüden, Populismus und rhetorischem Rowdytum. Der Griff zur Tastatur erfolgt, bevor der Gedanke zu Ende gedacht ist. Man wird ja wohl noch alles sagen dürfen, selbst wenn es nicht viel mehr zu bieten hat als intellektuelle Grütze. Es gilt der bewährte Trinkspruch: Hauptsache, es ballert.
So groß ist der Graben also vielleicht doch nicht zwischen der politischen Debatte im Netz und dem Meinungsbiotop unter jedem x-beliebigen Youtube-Video. Ist es also legitim zu bilanzieren: So frustrierend die mediale Berichterstattung ist, so viel frustrierender sind die Reaktionen darauf? Wenn ich den ganzen Schmarrn lese, der unter diversen Pseudonymen oder anonym in den Kommentarspalten verzapft wird, wünsche ich mir fast schon die analoge Zeit zurück, in der ein Leserbrief immerhin noch einer Briefmarke und des Gangs zum nächsten Postamt bedurfte.
Aber eben auch nur fast. Philip Faigle von der „Zeit“ hat kürzlich einen der eigenen Leserbriefschreiber besucht, um den Leserbriefen buchstäblich ein Gesicht zu geben. Er hat einen Menschen erlebt, der zum einen von einem Ohnmachtsgefühl angesichts der eigenen politischen Gestaltungsmöglichkeiten getrieben ist – und dessen knappe Leserbeiträge gleichzeitig nur Schlaglichter einer deutlich differenzierteren Auseinandersetzung mit grundlegenden Themen der Politik und der politischen Kultur sind und sein können.
Ramba Zamba gegen die Apathie
Bei allen Fehlern und Verfehlungen hat der mediale Diskurs im Netz zumindest das Potenzial, verkrustete Strukturen aufzuweichen. Allzu oft ist die parlamentarische Politik synonym mit der Zähmung politischer Energie und der Lähmung des Diskurses durch Parteiräson und parteipolitische Maulkörbe. Und allzu oft bewegen sich auch die Medien irgendwo zwischen Empörung und Mainstream – und überspringen dabei die Debatten, die vielleicht nicht unbedingt als plakative Aufmacher taugen, aber letztlich genau Ausdruck jener politischen Kreativität sind, die schon in der antiken Polis einen Grundbestandteil des öffentlichen Diskurses bildete. Kreativität ist der Wille, Neues zu schaffen und die Akzeptanz von Fehlern, schreibt Aristoteles.
Das wilde Leben ist besser als das zahme. Und der politische Diskurs ist notwendigerweise eine halbwegs wilde Sache. Wo Meinungsverschiedenheiten herrschen, ist die Keimzelle des politischen Diskurses zu finden. Wo diese Meinungsverschiedenheiten artikuliert werden, wird der Apathie ein erster Widerstand geboten. Und wo diese Meinungsverschiedenheiten im Diskurs ernst genommen werden, erwacht die Debatte zum Leben. Während in Ägypten ein Volk darum kämpft, ein protodemokratisches System mit Demokraten zu füllen, diskutieren wir hierzulande gleichzeitig, ob denn nicht die Grenzen der Partizipation wohl bald einmal erreicht seien, ob denn nicht das Netz voll von Gefährdern und Demagogen sei. Beziehungsweise: Die Politik diskutiert, und manchmal machen wir von den Medien noch mit. Wir reden wieder einmal über Menschen, nicht mit Menschen. Es ist einfacher so und es ist auch eleganter. Wo das Gegenüber nicht zu Wort kommt, siegt die eigene Meinung außer Konkurrenz immer.
Danke fürs Mitmachen
Ein Lob also auf alle, die die Versuchung der kognitiven Dissonanz durchbrechen und gerade auch im Internet die Auseinandersetzung mit Andersdenkenden suchen, selbst wenn es eine Sisyphosaufgabe ist. Ein Lob auf alle, die der Flut des Unsinns und des plakativen Draufhauens einen Damm aus Argumenten entgegenstellen. Die positive Kehrseite der plakativen Vereinfachung ist die gleichnishafte Erklärung komplexer Systeme und Phänomene. Die Kehrseite des penetranten Kommentierens ist energisches Diskutieren. Die Verneinung der Diskussion dagegen ist und bleibt die Verneinung der Diskussion.
Die Narren gibt es immer, der Diskurs ist ohne den Populismus und Opportunismus wahrscheinlich nicht zu haben. Doch die Präsenz der Letzteren sollte niemals der Hingabe zu Erstem abträglich sein. Wenn sich weiterhin Narren ohne Flügel von populistischen Klippen stürzen, den Pluralismus verdammen, über Integration zetern oder den Griechen Pest und Cholera auf den dekadenten Hals wünschen (und dabei im schlimmsten Fall noch einen ganzen Pulk anderer mitreißen), dann braucht es gleichzeitig die Stimmen, die Unsinn auch Unsinn nennen. Ich glaube daran, dass es mehr als nur einer pro Tausend ist. Falls sich einer dieser Leserbriefschreiber doch offline unterhalten will, sei er hiermit herzlich eingeladen.

















Ein wunderbarer Artikel. Wenn es um politische Meinungen geht, ertappe ich mich selbst, dass ich nur versuche die Vorredner anzugreifen und das Gegensätzliche plausibel zu begründen. Für eine fundierte Diskussion ist das Internet ungeeignet. Viele wirtschaftspolitische Fragen können auch nicht von “Bürgern” beantwortet werden, teilweise noch nicht einmal von Experten (dafür aber immer von Politikern).
Liebe/r B.B.,
trotzdem sollten uns die Hürden einer Diskussion per Netz nicht davon abhalten, es doch zu versuchen. Ich glaube immer noch daran, dass Unsinn vielleicht viel Zustimmung unter Unsinnigen produziert, aber eben wenig Überzeugungskraft nach außen entwickelt.
“denn irgendwann verfängst du dich in deinem eigenen Strick /
dann ist egal wie sehr du schreist du brichst dein eigenes Genick”
Das Ziel des Diskurses im Netz ist also weniger die Bekehrung der Narren als vielmehr ihre Brandmarkung als ebensolche.
Zur Frage nach Experten: Es bedarf nicht des vollständigen Durchblicks, um emotional, gedanklich oder instinktiv zu reagieren. Das ist auch nicht unbedingt verkehrt: Das Ohnmachtsgefühl des ZEIT-Lesers ist nicht weniger legitim, nur weil er vielleicht keinen intimen Einblick in politische Prozesse hat. Wenn nur die Expertenmeinung zählt, können wir den Laden hier auch gleich dichtmachen und uns wieder der Aristokratie zuwenden (die dann in der Realität wohl doch eher eine oligarchische Autokratie werden dürfte). Die demokratische Politik sollte niemals vergessen, dass sie durch die Summe der Nicht-Experten erst legitimiert wird.
MfG,
Martin Eiermann
Die drei klassischen Staatsgewalten Gesetzgebung, Vollziehung und Rechtsprechung sind in weiser Voraussicht deshalb voneinander getrennt worden, damit sich nicht zu viel Macht in einer Hand konzentriert. Und so wacht auch die eine über die andere. Das funktioniert ganz gut. Was überhaupt nicht funktioniert, ist die Überwachung der vierten Gewalt in unserem Lande.
Die Medien und hier insbesondere die Presse sehen sich als vierte Gewalt im Staat und führen sich auch so auf. Dieser Macht steht keine klassische Instanz gegenüber, die einem eventuellen Machtmissbrauch der Medien Einhalt gebietet. Eine solche Instanz würde sich auch von vornherein verbieten, da dies ansonsten einer Zensur gleichkäme.
Wer wacht also darüber, dass die immense Macht der Presse nicht doch immer wieder missbraucht wird? Diese Aufgabe kann nur der Leser selbst übernehmen. Indem er sich zu Wort meldet. Genau das tut er. Und zwar reichlich. Es hat sich so etwas wie eine AMO, eine außermediale Opposition gebildet, die über die Kommentarfunktionen oder über kritische Beiträge in Weblogs so manches hinterfragt, was da so an Meinungen und Artikeln durch die Presse abgesondert wird.
Noch kennt diese AMO, diese außermediale Opposition ihre Macht zu wenig, aber irgendwann wird sie sich besser organisieren und strukturieren und dann kommt es hoffentlich auch zu einer besseren Qualität der Debatten und des Diskurses.
Danke, sehe ich genauso. Wir wollen und müssen kontrolliert und hinterfragt werden. Gerade deshalb halte ich die Instinktreaktion für falsch, aufgrund von populistischen und persönlich angreifenden Postings (die es in allen Diskussionsforen gibt und geben wird) den Diskurs als solchen zu verteufeln oder sich aus der Diskussion zurückzuziehen. Ein bisschen Kulturoptimismus schadet nicht.
MfG,
Martin Eiermann
Ist ihnen da ein kleiner Fehler unterlaufen als sie sagten Populisten würden über Integration zetern oder ist das Absicht, um ihr Weltbild zu sichern? Von ihnen als Populisten Abgewertete beschweren sich über zu wenig Integration. Es ist seltsam dass ausgerechnet dies ständig umgedreht wird, damit Weltverbesserer, Gutmenschen und Journalisten auf angeblich böse Menschen zeigen können.
Schade im Übrigen dass bisher kein Journalist meiner Einladungen folgte, sich einmal die Parallelgesellschaften anzuschauen, mit der wir Normalbürger täglich konfrontiert werden.
Außerdem empfehle ich ihnen die Theorien über den hundertsten Affen http://www.wowzone.com/monkey.htm und über Minority Rules http://www.physorg.com/news/2011-07-minority-scientists-ideas.html , ein kleiner Einstieg für wissenschaftliche Hintergründe zu dem von ihnen angekratzten Thema.