Viel ist in den letzten Tagen über die Berichterstattung über den Anschlag in Norwegen geschrieben worden. Die Fuldaer Zeitung betreibt Panikmache im Affekt, Karim El-Gawhawy kritisiert dass Irrlichtern angeblicher Terrorismus-Experten, Niggemeier auch, Bildblog sammelt Schlagzeilen und Michael Vosatka vom Standard aus Österreich (einem Kooperationspartner von The European) beobachtet die Leserkommentare auf der eigenen Webseite. Und wenn auf n-tv in Ermangelung wirklicher Neuigkeiten in den Stunden nach dem Anschlag “ein bisschen spekuliert” wird, dann weiß natürlich auch dieses journalistische Spekulantentum ganz genau, in welche Richtung die Herde zwangsläufig rennen wird.
Der Journalismus hat hyperventiliert, überreagiert und prophylaktisch schon einmal den Pranger für die üblichen Verdächtigen auf dem medialen Marktplatz aufgestellt. Traurig ist das; überraschend ist es nicht.
Es war einmal, vor gar nicht allzu langer Zeit…
“Die Reaktionen und Reflexe zeigten, wie sehr es Al Qaida gelungen ist, unser Denken zu bestimmen. Es ist auf eine perverse Art ein Erfolg für sie, wenn Menschen ihr automatisch jeden Anschlag zuschreiben”, schreibt Stefan Niggemeier in der FAZ. Die Tatsache, dass wir dieses Argument in den letzten Jahren mit schöner Regelmäßigkeit gehört haben, bedeutet nicht, dass es an Aussagekraft verloren hat. Und doch bleibt festzuhalten, dass sich ein Klima der Angst und des Misstrauens nur dort verfangen kann, wo die Menschen sich zu fürchten und zu misstrauen bereit sind. Die Hartnäckigkeit anti-islamischen Schubladendenkens ist weniger ein Zeichen für den perfiden Siegeszug des Terrorismus als vielmehr eine Niederlage für den aufgeklärten Diskurs unsererseits.
Medien erzählen zwangsläufig Geschichten: Informationshappen werden zu Berichten, aus der Summe der Twittermeldungen und Augenzeugenberichte ergibt sich ein bestimmtes Stimmungsbild, in der Abfolge von Artikeln werden Entwicklungen deutlich. Die Berichterstattung passt sich ein in das, was vorher war und antizipiert bereits im Moment der Veröffentlichung das, was kommen wird. Jede Meldung fußt auf ihren Quellen und wird durch das nächste Update selbst Teil der neuesten Geschichtsschreibung. “The press ist the rough draft of history”, so der Journalist Alan Barth im Jahr 1943. Wie gehen die Medien mit der Tatsache um, dass der liebgewonnene Narrativ von der islamischen Bedrohung nicht mit der traurigen Realität in Norwegen übereinzustimmen scheint?
Das erste Anzeichen gibt es gleich beim morgendlichen Gang am Kiosk vorbei. “Die irre Welt der Mordmaschine”, wie ein Berliner Revolverblatt gestern titelte. Während jeder verblendete, islamistische Schläfer ein Teil des global operierenden und durchorganisierten Dschihads zu sein scheint, wird Anders Behring Breivik medial als psychopathischer Einzelkämpfer seziert. Spiegel Online vermeidet inzwischen sogar konsequent den Begriff “Terrorist” und spricht vom “Attentäter”, der sich eine krude Parallelwelt aus dem Gedankengut islamophober und antiliberaler Plattformen zusammengezimmert hat.
Während Anschläge mit islamistischem Hintergrund (ganze drei Anschläge in der EU im Jahr 2010, wie der Standard weiß) ihren Nachrichtenwert aus der Einbettung in den Kontext der Bedrohung des Westens und der freiheitlichen Gesellschaft durch den Islam oder die Zuwanderung von Muslimen beziehen, ist es in diesem Fall genau umgekehrt: Was Anders Breivik besonders macht, ist seine Abnormalität. Es sind das Fehlen eines Kontextes und seine Einzeltäterschaft, die das Blutvergießen erklärbar machen und für die nötige narrative Form sorgen. “Einer für alle, alle für einen” – das ist innerhalb der journalistischen Aufarbeitung des Terrorismus immer noch ein Alleinstellungsmerkmal von Al Qaida und Konsorten.
Wir denken in Schubladen
Norwegen war nach dieser Logik eine Ausnahme, welche die Regel von der Bedrohung Europas durch den Terrorismus und die üblicherweise damit zusammenhängenden Angstszenarien und Stammtischparolen zu bestätigen scheint: ‘Der Terror ist real – und doch anders, aber nur dieses eine Mal. Wir dürfen nicht an Wachsamkeit sparen, dürfen nicht zögern, neue Gesetze durchzuwinken. Wir müssen ankämpfen, anschreiben gegen den Islam, dessen moderateste Verästelungen doch immer noch genug Nährboden bieten für die Dschihadisten von morgen. Wir müssen die Opfer von Oslo und Utøya betrauern dürfen, um dann wieder zurückzufinden in bekanntere Schemata von Gut und Böse.’
Der Terroranschlag in Norwegen wird relativ schnell in der medialen Versenkung verschwinden. So ist das mit Ausnahmen: Ihr Aufmerksamkeitspotenzial ist punktuell und begrenzt. Was bleiben wird, sind die Warnungen vor dem Terrorismus und die immergleichen Erzählstränge von Islamisten und Gotteskriegern, die nur darauf warten, blutige Vergeltung zu üben für alles, was gut ist am Westen. Das ist oftmals das perfide an Erzählungen: Ihr Repertoire ist das Schubladensystem, innerhalb dessen alles seine Regel und jeder seinen Platz hat.




















Nicht nur Journalisten sind nicht vor Schubladendenken geschützt, sondern leider auch viele Politiker neigen zu reflexhaften Äußerungen. Aktuelles Beispiel: Frau Roth packt im Zusammenhang mit den aktuellen Ereignissen in Norwegen wieder die Forderung aus, die NPD für illegal zu erklären. Das ist bequem und oberflächlich.
Dankeeeeee!! Und erstaunlicherweise hat das ARD Wort zum Sonntag (sic!) das wunderbar herausgestellt. Oslo hatte genauso wenig mit 99,9999% des Christentums zu tun wie der Jihad mit dem Islam. Beide sind davon diskriminiert zu analysieren. Dann kann man auch die Unterscheidung Organisation vs. Einzeltäter genauer untersuchen.
der Oslote hat nie etwas christliches von sich gegeben – die Jihadisten schreien dagegen bei Jedem Attentat, daß Allah groß und mächtig sein soll
“Schubladendenken” und “Vorurteile” können beim Vorhersagen von Ereignissen eine Hilfe sein. Erinnern wir uns kurz: Als die Identität des Attentäters noch nicht bekannt war, wussten wir nur, dass sich Norwegen im Fadenkreuz islamistischer Terrororganisationen befand. Auch bekannte sich eine Terrorgruppe zu dem Anschlag und al-Quaida-Anhänger jubelten in Internetforen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um einen Täter mit islamistische Hintergrund handelte, war also sehr hoch, was das voreilige Aufstellen des “Prangers für die üblichen Verdächtigen” erklärbar macht. Hier bestätigte die Ausnahme die Regel.
So ein Unsinn. Vorurteile helfen nur Leuten, die nicht zu differenzierten und zugleich raschen Einschätzungen in der Lage sind.