Die Erhöhung der Hartz-IV-Sätze ist ein Anschub für die Tabak- und Spirituosenindustrie. Philipp Mißfelder

Nichts als die Wahrheit

Einer der bekanntesten Blogs zum Arab Spring hat sich als Fälschung herausgestellt – und alle Nachrichtenagenturen sind darauf hereingefallen. Dem Journalismus fehlt oftmals das Handwerkszeug, um Berichterstattung in Echtzeit mit dem eigenen Qualitätsbekenntnis zu vereinbaren.

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Was zählt als Journalismus? Dass René Pfister der diesjährige Henri-Nannen-Preis aberkannt wurde, ist sicherlich nicht als Kritik an der Qualität seines Textes über Horst Seehofer zu verstehen, sondern als Versuch der Verteidigung allgemeiner journalistischer Qualitätsstandards: Kolportieren, so die „Taz“, ist eben nicht gleich Reportieren. Dem Journalisten, so ließ sich aus der Mitteilung des Preiskomitees herauslesen, sollte es um die Abbildung von Realitäten gehen, nicht um deren effektorientierte Inszenierung.

Der Journalismus ist in dieser Hinsicht eine konservative Zunft: Quellen müssen gegeneinander abgeglichen werden, die Herkunft von Informationen sollte offen ersichtlich sein, Authentizität allein ist schon gar nicht hinreichend als Qualitätskriterium der schreibenden Zunft. Dem Journalismus geht es um Akkuratheit, um eine faktengetreue Abbildung der Realität. „Comment is free, but facts are sacred“, wie die britische Zeitung „The Guardian“ in ihren Redaktionsstatuten schreibt.

Auf dem Boden der Realität

Nur wie so oft hat gerade diese viel beschworene Realität wieder einmal nach anderen Regeln gespielt und Nachrichtenagenturen am Montag zu hektischen und zerknirschten Nachkorrekturen gezwungen.

Warum? Amina Abdallah Arraf, die als Gay Girl in Damascus in der vergangenen Woche für Schlagzeilen sorgte, ist nicht real. Ihr Blog, ihre anklagenden Worte, ihr mutiges Eintreten für den Wind der Veränderung, ja sogar ihre Entführung und unklares Schicksal – alles geschrieben aus der Sicherheit der Universitätsstadt Edinburgh von einem 40-jährigen Amerikaner. Seit Februar war der Blog aktiv, seit Februar wurden die Texte weiterverbreitet und über die Webseiten der „New York Times“, CNN, Al Jazeera oder des „Spiegel“ einer Weltöffentlichkeit präsentiert. Knapp eine Million Besucher zählte der Blog, viele mehr dürften die Hilferufe nach der angeblichen Entführung sonst wo gelesen haben.

Der Schaden ist angerichtet, die Blamage groß. Alle Offenlegungen à la „… konnte die Richtigkeit der Angaben nicht verifizieren“ zählen wenig, wenn sich die Nachricht selbst als Hoax, als Schwindel herausstellt. Das Transparenzgebot stößt an seine Grenzen, wenn es die Verbreitung von Halb- oder Nichtwissen nicht zu verhindern weiß.

Doch: Wem oder was sollten wir trauen? Nur den Dingen, die wir mit eigenen Augen gesehen haben? Den Fakten, die uns von Personen unseres Vertrauens erzählt worden sind, oder deren Authentizität durch solche Dritte verbürgt ist? Angesichts der drastischen Veränderungen unserer Kommunikationsmöglichkeiten und unseres Kommunikationsverhaltens erscheinen solche Forderungen so ewiggestrig wie Federkiel und Schreibmaschine. Und trotzdem bleibt die Frage: Welche Alternativen gibt es, um mit der Glaubwürdigkeit der Quellen auch die Qualitätsansprüche des Journalismus zu verteidigen?

Nach wie vor gibt es bei Twitter keine Möglichkeit, Retweets rückwirkend zu korrigieren und so der Verbreitung solcher Falschmeldungen zumindest einen kleinen Riegel vorzuschieben. Es gibt kein System, um die exponentiell wachsende Informationsmenge zu überprüfen und trotzdem in Echtzeit zu berichten. Auch die viel beschworene Schwarmintelligenz des Netzes, so zeigt der aktuelle Fall, kann nicht immer als Antwort herhalten und dort in die Bresche springen, wo starre Redaktionsstatuten dem technologischen Fortschritt hinterherhinken. Wir haben leider allzu oft eine Situation erreicht, in der das Spektrum der Möglichkeiten und des Informationsangebots nicht hinreichend kanalisiert und kritisch diskutiert werden kann. Den Herausforderungen von heute wird mit Antworten von gestern begegnet.

Ratlosigkeit und Improvisation

Am Ende steht vor allem die große Ratlosigkeit – und das für einen Meinungsbeitrag eigentlich unzureichende Eingeständnis, dass es mit der Meinungsfindung manchmal eine verflixt komplizierte Kiste ist. Wie geht der Journalismus mit neuen Formen der Kommunikation, mit Blogs, Kurzmeldungen, verwackelten Videos und den zahllosen Einsendungen der citizen journalists um? Was nutzt das Transparenzgebot, wenn unter dem Credo der Offenheit auch Unwahrheiten in die Welt hinaus posaunt und von der nimmersatten und nimmermüden Twittergemeinde in Windeseile weiter verbreitet werden? Und kann ein Nachrichtenmedium Meldungen aus Zweifeln an der Richtigkeit ignorieren, wenn dieselbe Meldung gleichzeitig über zig andere Kanäle in den öffentlichen Diskurs hinein diffundiert?

Dieser Diskurs ist im Gange, genauso wie die Improvisationsarbeit im Alltag. Und es bleibt zu hoffen, dass unsere Antworten nicht sofort wieder durch neue Fragen obsolet zu werden drohen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Martin Eiermann: Politische Partizipation in den USA ist ein Minderheitenphänomen

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