Samstagabend gegen 22.30 Uhr war es geschafft. Mit dem 3:1 in der 69. Minute hatte David Villa den Sack zugemacht, der FC Barcelona wurde zum vierten Mal Champions-League-Sieger. Auf sieben Seiten lieferte Spiegel Online am Sonntag Hintergründe zum Sieg der Katalanen über die Elf aus Manchester. Die unterschiedlichen Spielphilosophien der beiden spanischen Clubtrainer Guardiola (Barça) und Mourinho (Madrid) kamen zur Geltung. Der Stolz der Katalanen, für die der Fußball immer auch ein Bollwerk gegen die Dominanz des spanischen Staates war. Die Lehren aus dem Pokalfinale der spanischen Liga. Die letzten Vorbereitungen von Manchester und Barcelona auf das Endspiel der Champions League – und die Verzweiflung der Briten, die sich einem schnell und dynamisch kombinierenden Gegner anscheinend hilflos ausgeliefert sahen. Dies sei, so gab Alex Ferguson nach dem Abpfiff ebenso niedergeschlagen wie anerkennend zu, die wohl beste Elf der Welt, vielleicht der beste FC Barcelona aller Zeiten.
Spanien ist Fußball
Warum das alles wichtig ist für einen Beitrag, der sich doch eigentlich mit Politik und Medien beschäftigen sollte? Weil dieser Hintergrundtext zum Fußball – knapp 5.000 Wörter lang – bezeichnenderweise das Beste und inhaltlich Tiefgreifendste war, was ich in den letzten Tagen bei Deutschlands führendem Nachrichtenportal zum Thema Spanien gelesen habe. Dabei ist es wohl kaum wahr, dass der Rest des Landes sich mit den Regionalwahlen am vergangenen Wochenende in die Siesta verabschiedet hat. Auch nach dem Votum kampieren die Aktivisten der Bewegung Democracia Real Ya noch auf den Plätzen der spanischen Metropolen. Zur ersten Pressekonferenz der Demonstranten am 15. Mai kamen nach Angaben der ZEIT gerade einmal drei Journalisten, inzwischen nehmen beide großen Parteien den Druck der Straße ernst. Es geht um die Chancen der jungen Generation, das Wahlrecht, die Öffnung der miefigen Zwei-Parteien-Politik, Korruption, die Sparprogramme der Regierung und so vieles mehr. Die Ziele mögen teils unklar und unvorhersagbar sein, der Protest jedoch ist real.
Vier Beiträge hat Spiegel Online seit dem Urnengang am vorvergangenen Sonntag dazu veröffentlicht, etwa 2.200 Wörter insgesamt. Neben einem Lagebericht von der Puerta del Sol in Madrid gab es ein kurzes Gemengelage aus Agenturmeldungen zum Wahlergebnis, eine Meldung zur möglichen Privatisierung der Staatslotterie und – wieder kurz und knackig – einen Text zur gewaltsamen Räumung eines Protestcamps in Barcelona am Freitag. Der einzige genuin eigenständige Text in dieser Sammlung ist der Bericht der spanischen Schriftstellerin Eugenia Rico aus Madrid. Die Abteilung „Hintergrund und Recherche“ ist offensichtlich von Hamburg aus kollektiv unterwegs in den Urlaub.
Nur zum Vergleich: Die spanischen Gurkenexporte – beziehungsweise der Ärger der dortigen Bauern, zum Herd der Ehec-Epidemie abgestempelt und entsprechend gemieden zu werden – bekamen im gleichen Zeitraum fünf Artikel eingeräumt.
Im Interview mit dem Magazin Newsweek hat der ehemalige US-Innenminister James Watt einmal lamentiert, man holze gesunde Bäume ab, nur um daraus schlechte Zeitungen zu machen. Am Wahrheitsgehalt dieser Aussage hat sich auch durch den Medienwandel nicht unbedingt etwas geändert. Und tatsächlich drängt sich angesichts der Diskrepanz zwischen Länge und Tiefe der Berichterstattung von Sport und Politik wieder einmal der Eindruck auf, dass Letztere schlichtweg den Anschluss zu verlieren droht. Klar: Politik stärkt die eigene Reputation, sie ist das Aushängeschild des deutschen Qualitätsjournalismus, das Objekt der medialen Aufmerksamkeit und das Subjekt der Tischgespräche im Borchardt und im Café Einstein. Das Problem mit Aushängeschildern ist jedoch mitunter, dass sie relativ wenig über die eigentlichen Inhalte aussagen. Und so ist es möglich, dass selbst die großen deutschen Politikmagazine zwar groß und magazinig sind, aber eben auch oftmals nur oberflächlich politisch. Es fehlt dabei weniger an der Masse – Spiegel Online macht vor, wie sich aus wenigen Agenturmeldungen schnell eigene Nachrichtenbeiträge zusammenkopieren lassen – als an der inhaltlichen Tiefe. Welche Konsequenzen ziehen die etablierten Parteien aus der Wahl? Lässt sich der lose Forderungskatalog der Demonstranten in eine konkrete politische Programmatik übersetzen? Wie kann vermittelt werden zwischen den Zwängen der Sparpolitik und den Sorgen der Menschen? Darüber ist wenig zu lesen, und noch weniger Neues und Hintergründiges.
Was ist uns wichtig?
Am 19.5. bereits berichtete der Spiegel schon einmal über die Bewegung Democracia Real Ya: Der Wandel sei greifbar, so der Tenor damals. „Viele haben das Gefühl, dass endlich der Moment gekommen ist, etwas zu tun. ,Jetzt und hier‘ hat jemand in roter Schrift auf ein Plakat an der Puerta del Sol geschrieben.“ Ist das nicht gerade das Spannende am Journalismus? Jene Situationen, in denen gefestigte Gefüge aufbrechen und die Grenzen des Möglichen sich verschieben, in denen sich mit den Institutionen auch die Geisteshaltung der Menschen und die Normen des Diskurses ändern. Hier kann die Berichterstattung eingreifen, Analysen bereitstellen und vor allem aktiv und intelligent aufklären (Es ist kein Zufall, dass einige der ältesten deutschen Zeitungen aus der Hochzeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert datieren).
Diese Anforderungen sollten wir auch weiterhin an den Journalismus zu stellen bereit sein. Man darf sich freuen für den FC Barcelona und über die Spielanalyse. Und doch sollten wir fragen dürfen, warum wir nicht nach mehr verlangen, warum guter Politjournalismus gleichzeitig ein Inselphänomen zu werden droht. Das ist das Paradoxe an der aktuellen Situation: Wir sind überzeugt von der Dynamik der Proteste in Spanien, wir glauben an ihre Relevanz – und wissen doch erstaunlich wenig darüber.














Schöner Artikel und nur allzu wahr. Viele haben sich anscheinend, auch einige Journalisten, so an die nichtssagenden hochtrabenden Worte der Politkier gewöhnt, dass sie es genaus so machen. Niemandem zu nahe kommen, nicht zu viele Details oder Hintergründe, damit man niemandem auf den Schlips tritt oder wichtiger, damit man sich nicht selber soviel arbeit machen muß zu recherchieren was gesagt werden kann und was nicht, was wen stören könnte. Dann lieber nichts sagen und viel schreiben. Damit die breite Masse, jeder, zufrieden ist. Gratulation!
Zunächst mal: der Artikel über den FC Barcelona ist ziemlich gut, für Spiegel- und Cordt-Schnibben-Verhältnisse sowieso (eine tiefgehende Analyse wie bei “Zonal Marking” kann man nicht erwarten), und klar freut es mich, daß “mein” Verein jetzt die längst verdiente Aufmerksamkeit in den Mainstream-Medien bekommt ;-).
Jetzt wäre es natürlich wünschenswert, wenn der “spanishrevolution” ebenfalls die überfällige Aufmerksamkeit zukommt, und ebenfalls so umfangreiche Analysen stattfänden. Deutsche Medien und gerade der Spiegel hätten ja mehrere Anschlußmöglichkeiten:
- der übergeordnete Kontext “Revolution 2011/2.0”, also der Versuch, eine aktuelle Bewegung wie in Spanien in ein zumindest zeitlich korrelierendes übergeordnetes Muster zu integrieren und Gemeinsamkeiten und Verbinsungen zu finden – im Grunde haben die Proteste in Spanien weder mit denen in Ägypten zu tun noch sind sie “nur” durch Facebook/Twitter möglich – aber OHNE diese beiden Faktoren wären sie vermutlich nicht oder nicht in dieser Form aufgetreten! Dies in der bekannten Schnibben`schen Ausführlichkeit zu analysieren wäre Qualitätsjournalismus.
- Kooperation mit Medien wie der New York Times – die haben, was Analyse und Visualisierung des “arabischen Frühlings” angeht, Vorbildliches geleistet. Von sowas kann man beim Spiegel nur träumen… aber warum eigentlich? Ein bißchen mehr über den Tellerrand gucken, vielleicht mal einen Hospitanten nach New York schicken, so schwer kann das doch nicht sein?
- die in Deutschland gerne genommene, wenn auch auf wackeligen Füßen stehende inhaltliche Verknüpfung von Fußball und Politik. Was wurde da im Vorfeld der letzten beiden Weltmeisterschaften teils für ein schräger Käse verzapft über die “Ballackhaftigkeit der deutschen Mentalität” und was nicht alles. Jetzt, wo der große Sieg von Barca und die Proteste IN Barcelona zeitgleich zusammenfallen, wo im Artikel ja zumindest (wenn auch überzeichnet) die Rolle des FC Barcelona als “linke” Identifikations- und Projektionsfläche für das politische Selbstverständnis der Katalanen beschrieben wurde, bietet es sich doch an, ein größeres Thema draus zu machen.
Vielleicht ein Vorschlag für den nächsten Interviewpartner des “European”: einen Spiegel-Journalisten zu befragen, warum bestimmte Themen (anscheinend) mit weniger Beachtung behandelt werden, als ihnen (vermutlich) zukommt?
Wie (fast) immer ist auch dieser kritischen Bewertung der Berichterstattung von Spiegel Online durchaus Recht zu geben. Dennoch ist es langsam auffällig, wie häufig der Spiegel seit dem Start von S.P.O.N. an diesem Platz Ziel der Kritik ist…
Lieber Herr Manke,
es stimmt, dass SPON hier oftmals Thema ist und auch weiterhin sein wird. Das ist (sie müssen mir dieses Bekenntnis einfach glauben) nicht der Versuch, den Großen der deutschen Medienlandschaft einmal herzlich ans Bein zu pissen. Wenn legitime Kritik zur Kampagnenform verkommt, ist keinem geholfen. Mir geht es vor allem um folgendes: SPON ist neben Bild Online die trafficstärkste Nachrichtenseite im deutschen Raum. Wenn die Qualität des Spiegel-Journalismus sinkt, sind Millionen von Deutschen schlechter informiert, oftmals ohne das überhaupt zu merken. Die Tendenzen des sog. “Qualitätsjournalismus” hin zur Boulevardisierung halte ich für kurzsichtig und fehlgeleitet. Dagegen anzuschreiben ist die Aufgabe vieler Journalisten und Blogger, und auch ich versuche dazu mit einer gewissen Portion Idealismus und konkreten Fallbeispielen einen kleinen Beitrag zu leisten. Solange mich beim Lesen von SPON konkrete Texte oder Phänomene stören, wird das auch hier behandelt werden – genauso übrigens wie positive Aspekte. Sascha Lobo hat beileibe nicht nur Freunde; mir aber gefallen seine Texte auf SPON zum Großteil. Dass SPON nicht allein auf weiter Flur bzw in der Kritik steht, ist u.a. heute auf faz.de nachzulesen.
Wer darüber hinaus andere Ideen oder Kritikpunkte – auch an anderen Medien oder an unserer eigenen Arbeit hier auf The European – hat, sollte sich immer eingeladen fühlen, das auch per Mail (eiermann@theeuropean) oder hier in den Kommentaren vorzutragen. Solange die Kritik fundiert ist, sollten wir alle bereits sein, uns damit auseinander zu setzen. Nobody’s perfect.
Mit freundlichem Gruß,
Martin Eiermann
Lieber Herr Eiermann,
vielen Dank für die ausführliche Reaktion. Das Bekenntnis glaube ich Ihnen gern. Tatsächlich rutscht Spiegel Online leider zunehmend in den Boulevard – fatalerweise, denn es ist (schon allein aus Angewohnheit) weiterhin für viele Twentysomethings (mich eingeschlossen) ein – wenn nicht das – Leitmedium. Kritik daran ist zweifellos wichtig.
Oft hilft es schon, die legitime Kritik ein wenig zu streuen (zeitlich oder in der Wahl der reichlich vorhandenen Objekte), um den Verdacht einer Kampagne gar nicht erst aufkommen zu lassen.
Mit den besten Grüßen,
Christoph Manke