Schlager ist so eine Art Flucht für die Menschen. Dagobert Jäger

Die Stimmen der Anderen

SPIEGEL Online liefert das journalistische Dauerfeuer zu tagesaktuellen Themen. Über 100 Beiträge, Videos und Kommentare gibt es bereits nach einer Woche zum Tod von Osama bin Laden. Dass diese Inhalte oftmals die Gedanken anderer recyceln und eher wenig inhaltliche Neuigkeiten bieten, wird dabei leicht übersehen. Doch reines Copy and Paste war noch nie Teil des journalistischen Selbstverständnisses.

Obama hier, Osama da, die USA dominierten in der vergangenen Woche die deutsche Medienlandschaft. Ganze 103 Artikel hat der SPIEGEL zum Tode Bin Ladens bis Anfang dieser Woche veröffentlicht, dazu kommt diverses Kleinvieh aus dem amerikanischen Raum. Menschenskind, denkt man sich, die Herren in New York und Washington schieben wieder Überstunden.

In der Tat dürften die SPIEGEL-Statthalter dort in der vergangenen Woche eher wenig Schlaf bekommen haben, genauso wie viele der amerikanischen Kollegen. Direkt am 2. Mai lieferten Marc Hujer und Marc Pitzke eine detaillierte Aufschlüsselung der Ereignisse und Reaktionen aus den USA. Und nicht zuletzt dank SPIEGEL Online konnte die deutsche Netzöffentlichkeit quasi in Echtzeit mitverfolgen, wie sich die Darstellung der Kommandoaktion mit jeder Pressekonferenz wandelte und selbst korrigierte. Dass es sich bei diesen Berichten oftmals um die ungefilterte Weitergabe von Presse- und Falschinformationen gehandelt hat, ist anderorts schon von Johannes Boie aufgeschrieben worden:

„Solange sich Offizielle der amerikanischen Regierung selbst und gegenseitig widersprechen, bleibt Journalisten kaum anderes übrig, als über die Widersprüche, die dabei entstehen, zu berichten. Zahlreiche Quellen widersprechen sich derzeit auch in simplen Details, und man darf annehmen, dass Geheimdienste und Regierungen in diesem speziellen Fall vieles dafür tun, Wahrheiten und Fakten zu verschleiern.“

Informationsmangel ist Teil des Geschäfts

So weit, so schlecht. Journalismus bedeutet eben immer auch die Verwaltung des Informationsmangels. Wenn das Schweigen der Presse die einzige Alternative ist, dann lobe ich mir die häppchenweise Verbreitung von Teilinformationen. Dass eine Pressemeldung des US-Verteidigungsministeriums nicht für bare Münze genommen werden darf … so viel kritische Emanzipation darf dem Leser schon zugemutet werden.

Schade ist, wenn sich auch acht Tage nach dem Tod Bin Ladens an der Qualität dieser Berichterstattung wenig verbessert hat. Dabei hatte es der SPIEGEL sogar geschafft, kurzfristig einen Reporter nach Abbottabad zu verfrachten, und sogar über den Informationsmangel vor Ort zu berichten. Trotzdem liegt das Magazin immer noch mit einem akuten Fall von Abschreiberitis darnieder.

„Je weniger die Leute wissen, wie Würste und Gesetze gemacht werden, desto besser schlafen sie“, schrieb Bismarck einmal (dessen Fähigkeiten als politischer Halsabschneider ja nun wirklich über jeden historischen Zweifel erhaben sein sollten). Den Journalismus darf man getrost der Liste hinzufügen. Man nehme sich einen beliebigen Artikel auf SPIEGEL Online, der entfernt etwas mit den Geschicken des US-Präsidenten oder Alltagsanekdoten aus Übersee zu tun hat. Für heute sollte dieser hier ausreichen. Knapp 3.500 Zeichen ist der Beitrag lang – und kommt leider ohne einen einzigen eigenen Gedanken aus.

Die Quellenangabe ist immerhin vorhanden. Mit einem galanten „Wie die New York Times berichtete …" zieht die Auslandsredaktion immer wieder dankbar den Hut vor dem großen Ideen- und O-Ton-Geber aus New York – und pappt schnell das eigene Logo drauf, bevor jemand den Etikettenschwindel bemerken kann. (In diesem Fall sind die Originalquellen sogar direkt verlinkt. Chapeau.)

Und dann geht es los: “Little is known about what may be the nation’s most courageous dog” wird flugs zu „… rätselt die amerikanische Öffentlichkeit nun über ein weiteres Detail der Kommandoaktion: den einzigen Teilnehmer auf vier Beinen“. Auch zur Rasse des tierischen Söldners hat man sich offensichtlich größere Gedanken gemacht. „Belastbare Fakten sind kaum bekannt – weder zur Rasse des Hundes, noch zu seiner genauen Aufgabe. Es könnte sich um einen Deutschen Schäferhund handeln oder um einen Belgischen, berichtet die New York Times (“NYT”) unter Berufung auf ungenannte Quellen aus dem Militär.“ Die Quelle? “Even its breed is the subject of great interest, although it was most likely a German shepherd or a Belgian Malinois.”

Das erste Textdrittel ist geschafft, jetzt kommt bestimmt der Spin, das Besondere an der SPIEGEL-Geschichte, die menschliche Komponente, die eigene Expertenmeinung – irgendwas Eigenes, egal was!

Zu früh gefreut. „Major William Roberts bildet für das US-Verteidigungsministerium Militärhunde aus. Beim Zugriff im pakistanischen Abbottabad könnte der Hund das Gelände nach Bomben oder Türgriffe auf Sprengfallen untersucht haben, sagte Roberts der NYT.“ Stimmt, das hat Major Roberts der New York Times gesagt – wie dort im Wortlaut nachzulesen ist: “Maj. William Roberts, commander of the Defense Department’s Military Working Dog Center at Lackland Air Force Base in Texas, said the dog on the raid could have checked the compound for explosives and even sniffed door handles to see if they were booby-trapped.”

Die Copy-und-Paste-Gesellschaft

Ich gebe auf. Der Bericht, dass 600 Hunde in Afghanistan und dem Irak im Einsatz sind? Die Neuanschaffung von vier Kampfwesten für die Vierbeiner? Die interne Einschätzung des Militärs, welche Hunderassen besonders geeignet für den Kampf gegen Mann und Maus seien? Alles in der New York Times nachzulesen und akkurat im SPIEGEL zitiert. Google Translate hätte es besser nicht machen können.

Das Verwursten anderer Texte ist durchaus ein legitimes Mittel des Journalismus. Die Huffington Post hat das Abschreiben zum Kronjuwel des eigenen Geschäftsmodells erkoren (was inzwischen auch bei den Suchalgorithmus-Experten von Google für Unzufriedenheit sorgt). Doch gerade ein Nachrichtenmagazin darf durchaus den Anspruch haben, über die bloße Aggregation hinaus einen journalistischen und informationellen Mehrwert liefern zu wollen. Dazu muss man nicht einmal Zugang zu den Souffleuren der Macht haben. Die New York Times hat zig Reaktionen zu Bin Ladens Tod in einer interaktiven Infografik gebündelt. Ein Stimmungsbild der amerikanischen Psyche in Bildschirmgröße – und eine intelligente Art, neue Darstellungsmöglichkeiten im Netz für den Journalismus nutzbar zu machen. Nur eine technische Regression gibt es: Copy and Paste ist nicht mehr möglich.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Martin Eiermann: Politische Partizipation in den USA ist ein Minderheitenphänomen

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