Ich bin ein Jedi. Jón Gnarr

Das Ende einer Liebe

Es herrscht Katerstimmung: Das erste TV-Duell zwischen Romney und Obama ist der metaphorische Eimer kalten Wassers auf die heiße und oftmals blinde Liebe der deutschen Medien zu Obama.

Der Waschlappen schlägt zurück. Mitt Romney, der „Kandidat ohne Eigenschaften“ („Süddeutsche“), der ewige „Neinsager“ (Spiegel Online), der Mann der „Patzer und Pannen“ (Zeit Online) ist wieder wer. Fast einhellig ist man an diesem Donnerstagmorgen der Meinung, dass Romney das erste TV-Duell mit US-Präsident Obama gewonnen habe. „In der ersten von drei TV-Debatten konnte [der Präsident] seinen Favoritenstatus nicht bestätigen. Obama wirkte angespannt und leidenschaftslos“, bilanziert SPON. Romney habe seine „letzte Chance“ genutzt und nach Wochen voll rhetorischer Patzer und taktischer Fehltritte wieder Fuß gefasst. Ein „klarer Sieger“ sei der Mann, schreibt die „Süddeutsche“.

Eigentlich ist es absurd: Nach Monaten der medialen Dauerpräsenz soll sich das politische Schicksal der USA in drei Mal 90 Minuten entscheiden. Schon das Gerede vom TV-Duell zeigt, wie archaisch die zugrunde liegende Vorstellung von Politik ist: Statt in Dreispitz und mit Pistole stehen sich die Kandidaten heute eben in Anzug und mit Krawatte gegenüber. Dann wird scharf geschossen. „Inhalte sind sekundär,“ beklagt der britische Soziologe Colin Crouch, „es geht vor allem darum, ob sich ein Politiker in […] Gladiatorenzweikämpfen gegen seine Gegner durchsetzen kann. Die Diskussion wird trivialisiert.“

Von der Traumwelt in die Realität

Trotzdem – nur in diesem einen Fall! – danke für die TV-Debatte: Vor allem für deutsche Medien fungiert der gestrige Abend als Realitätscheck, als metaphorischer Eimer voll kalten Wassers auf die heiße und oftmals blinde Liebe zu Obama. Fakt ist: Romney war vor zwei Wochen ein ernsthafter Kandidat und er ist es auch heute noch. Obama – der gleiche Obama, der über Pakistan Drohnen kreisen lässt und bei den Sozialsystemen den Rotstift ansetzen muss – war vor zwei Wochen kein Messias, und er ist es auch heute nicht.

Die Wandlung des Kandidaten Romney ist also vor allem ein Sinneswandel derjenigen, die ihn beobachten, und die jetzt aus der Traumwelt des Amerika-Bashings („Viele Amerikaner beklagen den Zustand ihres Landes. Doch das heißt nicht, dass sie bereit wären, höhere Steuern zu bezahlen“) zurückplumpsen in die volatilen letzten Wochen des Wahlkampfes.

Ein Blick auf die Umfragezahlen des Gallup-Polls zeigt, wie eng Obama und Romney teilweise beieinander liegen und – das ist besonders wichtig – wie schnell sich diese Zahlen verändern können. Es ist daher auch irreführend, im Nachklapp der ersten TV-Debatte die Hände über dem journalistischen Haupt zusammenzuschlagen und eine Krise von Obama herbeizuschreiben. Obama müsse „jetzt kämpfen“, meint die „FAZ“, als ob der gute Mann sich bisher im Oval Office habe zurücklehnen können und zufrieden an seinem präsidialen Schnuller genuckelt habe. An der grundlegenden Dynamik des Wahlkampfes hat sich wenig geändert.

Zu Recht warnt Zeit Online davor, dem Duell zu viel Bedeutung beizumessen:

Zwar gelten TV-Debatten als wichtige Ereignisse im Wahlkampf und als großes Medienspektakel. Doch Experten warnen davor, ein Duell überzubewerten. Studien zeigten, dass es in den vergangenen 50 Jahren bestenfalls zwei Debatten gegeben habe, die tatsächlich erheblichen Einfluss auf das Wahlergebnis gehabt hätten.

Es gibt Ausnahmen: Nixon sah gegen Kennedy sehr schlecht aus (auch wenn, wie Adrienne LaFrance schreibt letztendlich andere Faktoren wahlentscheidend waren), auch George H. W. Bush machte gegen Bill Clinton keine gute Figur. Und erst kürzlich musste Rick Perry während der republikanischen Vorwahlen erfahren, wie schnell ein Wahlkampf nach einem rhetorischen Missgeschick implodieren kann. Wirklich entscheidend für den Wahlausgang sind aber meistens andere Faktoren.

In seinem Buch „The Victory Lab“ untersucht Sasha Issenberg, mit welchen Taktiken und datengetriebenem Micro-Targeting die einzelnen Wahlkampfteams um Stimmen werben. Sein Fazit: Nur etwa zehn Prozent der Amerikaner sind wirklich „up for grabs“ und lassen sich in ihrer Wahlentscheidung umstimmen, der Rest ist fest im demokratischen oder republikanischen Lager verankert. Diese Zahl wird weiter geschmälert durch die Eigenheiten des amerikanischen Wahlsystems: Nicht die Mehrheit der abgegebenen Stimmen entscheidet über Sieg oder Niederlage, sondern die Mehrheit der Stimmen im „Electoral College“, das sich wiederum durch komplizierte Schlüssel aus den Wahlergebnissen der einzelnen Bundesstaaten berechnet. Konsequenz #1: Wechselwähler in Texas oder Kalifornien sind aus strategischer Sicht nutzlos. Zu fest zementiert sind die politischen Mehrheiten in diesen Bundesstaaten (republikanisch in Texas, demokratisch in Kalifornien). Konsequenz #2: Die meisten Wahlen werden mit knappen Mehrheiten gewonnen. Früh abschreiben lässt sich kaum ein Kandidat.

Unknown Unknowns

Ein Blick auf die politische Landkarte der USA verdeutlicht das große Problem der Republikaner im Jahr 2012: Es fehlt an Optionen – doch nicht, weil Romney gesichts- und rückgratlos wäre und Obama dementsprechend heller strahlend. Von den acht wichtigsten „Swing-States“ tendieren sieben derzeit in Richtung Obama, zum Teil relativ deutlich. Hier zeigt sich, dass die amerikanischen Konservativen ganze Wählergruppen durch Brachialrhetorik vergrault haben. Mitt Romney muss North Carolina gewinnen und Obama in mehreren anderen Staaten schlagen, um auf die Mindestzahl von 270 Wahlmannstimmen zu kommen, die für den Sieg notwendig sind. Obama kann es sich leisten, Stimmen an Romney zu verlieren, solange er beispielsweise in Ohio und Virginia triumphiert. Er kann sogar eine Niederlage in allen vier größten Swing States (Ohio, Florida, Virginia, North Carolina) abfedern, wenn dafür die vier kleineren Staaten mehrheitlich für ihn stimmen. Mathematische Simulationen des Blogs „FiveThirtyEight“ der New York Times sagen in 86,1 Prozent der Fälle einen Wahlsieg von Obama voraus.

Landesweite politische Trends sagen im Zweifelsfall mehr über den Wahlkampf aus als eine einzelne Debatte. Medial übersättigt mit Bildern der Kandidaten ist Amerika sowieso.

Und dann bleibt das, was Donald Rumsfeld einmal als „known unknowns“ und „unknown unknowns“ bezeichnet hat: Die Unwägbarkeiten, mit denen man rechnen kann (beispielsweise die monatlichen Arbeitslosen- und Konjunkturzahlen) und Ereignisse, die ohne Vorwarnung über den Wahlkampf hereinbrechen. Also all das, was uns daran erinnert, dass Politik eben doch keine reine Zahlenschieberei ist und kein Prozess, der sich strategisch durchplanen lässt; dass das ewige Gerede von Gewinnern und Verlierern eben genau das ist: Gerede!; und dass wir allem Berufspessimismus zum Trotz vielleicht doch darauf vertrauen können, dass der Wähler, diese unbekannte Kreatur, schlussendlich intelligent genug ist, seine Entscheidung nicht allein an 90 Minuten Schaukampf festzumachen.

Die Personalisierung des Wahlkampfes – da sind wir wieder bei Colin Crouch – hat nicht nur eine trivialisierende, sondern auch eine verzerrende Wirkung. Sie lehrt uns mehr über die Sympathien, Antipathien und Hysterien der schreibenden Zunft als über das Innenleben und die Unwägbarkeiten der Politik. Das Spiel dauert 90 Minuten. Ein Wahlkampf dauert länger.

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