Alle Schriftsteller sind egomanische, manisch-depressive, drogenabhängige Alkoholiker. T.C. Boyle

Requiem für die Wahrheit

Der amerikanische Wahlkampf und die deutsche Beschneidungsdebatte zeigen, wie erschreckend weit sich die mediale Debatte von belastbaren Fakten entfernt hat.

journalismus wahrheit beschneidung paul-ryan

In der fünften Staffel der Fernsehserie „The Wire“ stehen sich an einer Stelle ein (fiktiver) Journalist der „Baltimore Sun“ und ein obdachloser Armee-Veteran gegenüber. Der Journalist hat eine Geschichte über den Veteranen geschrieben, die zu großen Teilen erfunden und effekthascherisch aufgebauscht ist, und soll jetzt eine Richtigstellung veröffentlichen. Er drängt den Veteranen, darauf zu verzichten: „Ich will doch nur deine Seite der Geschichte erzählen.“ Die Reaktion: Kopfschütteln, und die Feststellung: „A lie ain’t a side of the story. It’s a lie.“

Eine Lüge bleibt eine Lüge bleibt eine Lüge. Warum man das so eindrücklich betonen muss? Weil es im politischen Diskurs nicht selbstverständlich ist, dass nicht gelogen wird oder dass die Aussagen des politischen Gegners nicht bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und verzerrt werden.

Fakten werden für Stimmen geopfert

Paul Ryan, der Vizepräsidentschaftskandidat der Republikaner, hat in seiner Rede auf dem Nominierungsparteitag der US-Konservativen in der vergangenen Woche eine Rede gehalten, die vor allem aufgrund einer geradezu dreisten Faktenblindheit in Erinnerung bleiben dürfte. Ryan hat Präsident Obama unter anderem für die Schließung einer Auto-Fabrik verantwortlich gemacht, in der mehrere Monate vor Obamas Amtsantritt die Lichter ausgingen. Er hat den Präsidenten für Sozialstaatskürzungen in Höhe von 716 Milliarden Dollar kritisiert, die unter anderem auf Initiative von Paul Ryan vom US-Kongress verabschiedet wurden. Er hat Obama Handlungsfeigheit in der Schuldenkrise vorgeworfen, ohne dabei zu erwähnen, dass er selbst Teil der zuständigen Arbeitsgruppe zur Haushaltskonsolidierung war, die dem Präsidenten bis heute keinen einzigen Vorschlag unterbreitet hat.

Als die großen US-Zeitungen am nächsten Tag über die Rede schrieben, war davon zuerst wenig zu lesen: „Paul Ryan Convention Speech Boosts Mitt Romney“ („Huffington Post“), „Paul Ryan Accepts Vice-Presidential Nomination“ („New York Times“). Nur „Ryan Brutally Tortures Truth for Partisan Gain“, das hat niemand geschrieben. (US-Medien haben seitdem erstaunlich schnell und viel Kritikbereitschaft bewiesen, zum Beispiel hier, hier und hier.)

Ryan befindet sich mit seiner Herangehensweise in guter Gesellschaft. Niall Ferguson, renommierter Historiker und Darling der konservativen Intelligentia, hatte erst Mitte August im Magazin „Newsweek“ mit einer Titelgeschichte für Furore gesorgt, die so viele Breitseiten gegen Obama verteilte, dass Sinn und Verstand irgendwo im Pulverdunst untergingen. Die Wahrheit als Kollateralschaden im Wahlkampf: Nur eine intellektuelle Autorität wie Ferguson kann sich eine so stümperhafte und tendenziöse Interpretation wirtschaftlicher Statistiken erlauben, ohne dass sein Text von der Redaktion als unbrauchbar einkassiert wird.

Die Reaktion der Chefredakteurin von „Newsweek“ auf Kritik an Fergusons Artikel? Man sei auf Balance bedacht. Nach einer positiven Titelgeschichte über Obama sei es an der Zeit für eine kritische Analyse gewesen, und man habe damit offensichtlich eine wunde Stelle getroffen. Ach so. Mit diesem Argument lässt sich fast alles rechtfertigen, was für ein ausreichend starkes Echo sorgt, Wahrheitsgehalt hin oder her.

Lügen funktioniert

Vielleicht ist die Lektion also, niemandem mehr zu trauen. Der Gradmesser für politische Argumente sei nicht der faktische Wahrheitsgehalt, so konstatierte ein Blog-Beitrag in der „Washington Post“ kürzlich, sondern die Möglichkeit, politisches Kapital aus ihnen zu schlagen. Anders ausgedrückt: Lügen bringt Wählerstimmen.

Für ein politisches System ist es aber ein Problem – ein erhebliches Problem! –, wenn wir weder darauf vertrauen können, dass Politiker und Kommentatoren die Wahrheit sagen, noch auf die journalistische Leistung, angebliche Fakten zu hinterfragen und bei Bedarf zu berichtigen. Das oftmals zitierte Credo, dass eine Gegenüberstellung konträrer Aussagen allein ausreiche, um die Qualität des Diskurses zu garantieren, gilt nur in der Traumwelt, in der sich alle Beteiligten gleichzeitig zur Aufrichtigkeit bekennen. Und die Tatsache, dass beispielsweise die ideologische Haltung und parteipolitische Bindung eines Niall Ferguson gut bekannt sind (und dem Leser damit bei der Einordnung helfen sollten), verändert nichts an der Tatsache, dass sein Text keinen rigorosen Faktencheck überlebt hätte – ein redaktioneller Schritt, der nach Aussage der „Newsweek“-Chefredakteurin ersetzt worden ist durch das Vertrauen, dass „Autoren uns Inhalte abliefern, die faktisch korrekt sind“. A lie ain’t a side of the story. It’s a lie.

Die Ferguson-Story verdeutlicht außerdem einen zweiten Aspekt des Problems: Das gefährliche an Halbwahrheiten ist, dass oftmals die falsche Hälfte geglaubt wird. Häufig sind es keine offensichtlichen Lügen, sondern tendenziöse Interpretationen, die uns instinktiv sauer aufstoßen. Doch wer manipulative Aussagen als Teil des politischen Diskurses akzeptiert, bekommt die Quittung dafür in Form von Politik, die sich der Manipulation von Massen und Meinungen bedient. Siehe Ryan, siehe Ferguson, siehe Chuck Norris (der besser weiterhin Bösewichte jagen sollte, anstatt großkalibrige Statements abzugeben).

Die Antwort darf also weder ein achselzuckendes „So ist das eben“ sein, noch die entschuldigende und naive Antwort, dass man in einer pluralistischen Gesellschaft auch abwegige Meinungen akzeptieren müsse. „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ ist und bleibt die Waffe der Populisten; das Totschlagargument derjenigen, die nicht auf Basis belastbarer Fakten argumentieren können und wollen. Das Recht auf die eigene Meinung beinhaltet nicht das Recht, politische Diskussionen in argumentative Müllkippen zu verwandeln.

Wer sich mehr für das Thema interessiert, dem sei an dieser Stelle ein Beitrag (auf Englisch) von Jay Rosen ans Herz gelegt, oder dieser Text von „SPON“ zu den Zahlenspielen von Bundesarbeitsministerin von der Leyen.

Sind Beschneidungsgegner Religionshasser?

Ich hatte ursprünglich nicht geplant, all das hier aufzuschreiben – zu jammernd, zu idealistisch. Ich habe mich anders entschieden: Es ist ein Zeichen von Selbstverständlichkeit – nicht von Idealismus –, sich gegen Lügen und Manipulationen zur Wehr zu setzen und zu fragen, ob der Journalismus sich auf die Rolle als Multiplikator von Meinungen reduzieren lassen sollte (vor allem, wenn man für ein Meinungsmagazin arbeitet, das sich zu Recht und mit einer gewissen Portion Stolz auf die Fahnen schreibt, mehr zu sein als ein Ringrichter des täglichen Hauens und Stechens).

Die Debatte um die rituelle Beschneidung von Jungen zeigt, wie notwendig die einordnende und evaluierende Funktion des Journalismus weiterhin ist (mit Journalismus meine ich hier sowohl klassische Redaktionen als auch die journalistisch agierende Twitter- und Blogosphäre). Es ist falsch, dass Befürwortern der Beschneidung das Wohl des Kindes prinzipiell egal ist. Es ist falsch, dass Gegner der Beschneidung allesamt verkappte Antisemiten oder Religionshasser sind. Es ist falsch, dass beschnittene Männer aufgrund psycho-sexueller Störungen automatisch zu Vergewaltigern werden, oder dass Ohrlochstechen plötzlich eine Verletzung des Rechts auf körperliche Unversehrtheit darstellt. Wenn einer von unkalkulierbaren medizinischen Risiken schreibt, und ein anderer von erwiesenen medizinischen Vorteilen, dann erzählt keiner der beiden die ganze Wahrheit. Auch das gezielte Weglassen von Fakten kann manipulativ wirken.

Es ist schön, dass wir nicht alle einer Meinung sind. Für die Demokratie ist das sogar lebenswichtig. Aber es gilt trotzdem weiterhin, mit den Worten des US-Soziologen Daniel Patrick Moynihan: „You’re entitled to your own opinions. You’re not entitled to your own facts.“ Und man will hinzufügen: Ein Anrecht auf Manipulation, das gibt es auch nicht.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Martin Eiermann: Politische Partizipation in den USA ist ein Minderheitenphänomen

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