Größtenteils unbeachtet ist am Donnerstag eine weitere Hürde im deutschen Online-Journalismus gefallen. Jahrelang haben viele große Medien auf ihren Webseiten gezielt gegen die Dynamik des Netzes gehandwerkt und sich konsequent nach außen abgeschottet. Links werden von vielen Redaktionen kaum gesetzt – und wenn doch, dann meistens auf eigene Inhalte und nicht auf externe Medien oder Primärquellen. Oder es gilt das andere Extrem: Um die Verweildauer auf einer Seite nach oben zu treiben und für die Crawler der Suchmaschinen zu optimieren, wird ein Text sinnlos mit Links vollgepackt, die auf diverse Texte aus dem redaktionseigenen Archiv verweisen. Den Vogel abgeschossen hat dabei oftmals „Spiegel Online“: Gerne werden Sätze wie „… wie auf Twitter zu lesen ist“ mit einem Link unterlegt, der den verdutzten Leser nicht etwa zu dem zitierten Tweet führt, sondern auf einen Beitrag älteren Datums über Twitter. Penetranter kann man die eigenen Leser nur schwer für dumm verkaufen.
Überflüssig, aufwendig, teuer
Das bedeutet auch: Viele Inhalte sind doppelt und dreifach vorhanden. Anstatt auf eine bereits vorhandene Agenturmeldung oder den Text einer anderen Nachrichtenseite zu verlinken, werden Inhalte parallel produziert und veröffentlicht. Im Zeitalter des gedruckten Wortes mag das sinnvoll gewesen sein – nicht jeder Käufer einer Zeitung hatte gleichzeitig Zugriff auf andere Blätter –, doch heute erscheint eine solche Praxis zunehmend als Anachronismus. Wenn „Spiegel Online“ einen Beitrag der „New York Times“ über Mitt Romneys Besuch in London mit wenigen Änderungen erneut veröffentlicht, kann man die Übersetzungsleistung eventuell noch honorieren. In den meisten anderen Fällen ist die reine Replikation von Informationen überflüssig, zeitaufwendig und in Zeiten medialer Sparzwänge auch unnötig teuer. Ein einfacher Link hätte genügt – und Kapazitäten freigeschaufelt, um beispielsweise die Außenpolitik Romneys ernsthaft journalistisch aufzuarbeiten.
Das Netz, so scheint es, ist für viele Redaktionen vor allem: gefährlich. Jeder Link auf die andere Seite der Mauer lockt potenzielle Leser aus dem real existierenden Utopia der großen Nachrichtenseiten ins wilde Internet und drückt die beiden Vitalfunktionen Klicks und Verweildauer nach unten. Das ist schlecht für die eigene Bilanz, vor allem, wenn ein Link sinnvollerweise zur Konkurrenz führen müsste. Kontrollieren lassen sich die Inhalte der verlinkten Seiten auch nicht, und einer journalistischen Verifizierung kann man sie nur schwer unterziehen. Das ist schlecht für den Leser und erklärt, warum jeder von uns früher oder später über Passagen wie diese hier gestolpert ist:
„Mit Urteil vom 12. Mai 1998 – 312 O 85/98 – ,Haftung für Links‘ hat das Landgericht (LG) Hamburg entschieden, dass man durch das Setzen eines Links, die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann – so das LG – nur dadurch verhindert werden, dass man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Hiermit distanzieren wir uns ausdrücklich von den verlinkten Seiten.“
Verlagsdenken und Kleingedrucktes haben also über Jahre hinweg dazu geführt, dass die sich neu herausbildenden Konventionen des Netzes in vielen großen Medien konsequent ignoriert wurden. Die „Süddeutsche“ hat jetzt den Sprung ins (angeblich) kalte Wasser gewagt: Links nach draußen sind ab sofort nicht nur möglich, sondern explizit und chefredakteurlich gewünscht. Stefan Plöchinger, Leiter der Onlineredaktion der „SZ“, schreibt dazu:
„Millionen Menschen in aller Welt empfehlen ihren Freunden und Bekannten auf Facebook und Twitter täglich interessante Artikel, die sie auf renommierten Nachrichtenseiten lesen. Wenn es gut läuft, zeigt sich hier die sogenannte Schwarmintelligenz, die Weisheit der vielen: Die Nutzer erstellen durch ihre Empfehlungen kollektiv eine Art Live-Rangliste der interessantesten Texte der Welt. Eine digitale Presseschau, erstellt von Internetnutzern. […] Viel zu selten verlinken deutsche Nachrichtenseiten auf die Konkurrenz, viel zu oft aus Faulheit oder aus Angst, dass Leser dann irgendwie untreu werden. Das ist Unsinn.“
Politik der kleinen Schritte
Eine Presseschau ausgewählter Medien ist unter sz.de/leserempfehlen zu finden sowie – in abgespeckter Form – auch rechts auf der Startseite in der Sidebar. Man kann jetzt anmerken, dass die Form der Ankündigung etwas stark nach PR in eigener Sache riecht („Wieso sollten wir Ihnen, unseren Lesern, diese Presseschau eigentlich vorenthalten?“), dass es letztendlich eben doch um die Bindung von Lesern an die eigene Seite geht oder dass die „SZ“-Redaktion in vielen Texten immer noch sinnfreie und selbstreferenzielle Links setzt (zum Beispiel hier). Man kann auch Nicholas Carr zitieren und bemängeln, dass die ohnehin sinkende Aufmerksamkeitsspanne im Netz durch die permanente Präsenz von Links weiter nach unten getrieben wird und wir immer häufiger Gefahr laufen, Informationen nur noch oberflächlich wahrzunehmen.
Alles richtig – aber wir gehen den Weg der kleinen Schritte. Und auf diesem Weg, steinig, wie er ist, kommt die Ankündigung der „SZ“ zur rechten Zeit. Sie sagt: Das Netz ist kein feindlicher Ort, vor dem man sich hüten und von dem man sich (auch institutionell als Verlagshaus) abgrenzen muss. Das Netz ist wild, ja, aber eben auch eine sprudelnde Quelle für Informationen, Meinungen, Analysen und Katzenbilder. Für den Journalismus ist dieses mentale Umdenken enorm wichtig: Denn kein journalistisches Zukunftsszenario kommt ohne das Internet aus.
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