Ein Präsident ist wie ein Friedhofswächter: er hat viele Leute unter sich, aber keiner hört zu. Bill Clinton

Warum Islamisten keine Pyramiden sprengen

Eine Falschmeldung aus Ägypten sorgt für Aufregung – und zeigt, wie leicht uns die Tyrannei des Augenblicks den passenden Rahmen vergessen lässt.

Syrien, so scheint es, steht vor dem Umbruch. Den genauen Zeitpunkt will kaum jemand vorhersagen, die Konsequenzen schon gar nicht. Sicher scheint lediglich, dass die Tage des Baschar al-Assad gezählt sind. Während im Land verbissen gekämpft wird, köchelt bei uns die Gerüchte- und Nachrichtensuppe. Und wie bereits im Arabischen Frühling, dürfen wir uns mit vier Problemen auseinandersetzen:

1. Unabhängige Quellen innerhalb Syriens gibt es kaum. Ein Großteil der Bilder und Videos, aber auch der Statusmeldungen aus verschiedenen Landes- oder Stadtteilen, kommt über die Kriegsparteien selbst. Die staatliche syrische Nachrichtenagentur SANA twitterte fleißig auf Englisch mit (zumindest bis zum 24. Juli – seitdem herrscht abrupte Funkstille), mehrere Anführer der oppositionellen Rebellen melden sich ebenfalls per Twitter oder per Skype zu Wort. Leicht verifizierbar sind ihre Angaben nicht. Wie man die Aufgabe trotzdem sinnvoll angehen kann, steht beispielsweise hier.

2. Ein Großteil der Primärquellen sind auf Arabisch. Die meisten Journalisten, die westliche Liveblogs bestücken oder im Minutentakt auf neue Meldungen reagieren müssen, sind daher auf übersetzte Retweets, englischsprachige Blogger oder andere Sekundärquellen angewiesen. Doch auch deren Identität (oder die Richtigkeit einer Übersetzung) lässt sich nicht einfach bestätigen, ohne dabei die Nachrichtenmaschinerie zu entschleunigen.

3. Es geht nicht mehr um Tage, sondern um Sekunden. Die jüngste Entscheidung des obersten Gerichtshofes der USA zu Obamas Gesundheitsreform hat gezeigt, wohin das führen kann: Weniger als eine Minute nach Veröffentlichung des Urteils durch die Richter verkündeten CNN und FOX beide, dass das Gesetz gekippt sei. Eine Fehlmeldung, denn die Korrespondenten hatten nur die erste Seite des Urteils überflogen (auf der die Richter die Haltung der Regierung für juristisch falsch erklärten, nur um dann auf Seite zwei mit einer eigenen Argumentation nachzulegen und das Gesetz in seinen Grundzügen aufrechtzuerhalten). Der Druck, konstante Schlagzeilen zu produzieren, ist enorm. Doch welche Meldungen lassen sich wirklich verifizieren? Und welche davon haben nebenbei die notwendige Relevanz? Wenn alles schlagzeilenträchtig ist, geht das Gefühl für eigentlich Richtiges und Wichtiges verloren. Moritz Rinke hat dafür in der „Zeit“ einmal den schönen Begriff von der „Tyrannei des Augenblicks“ verwendet.

4. Die Rollen sind in der öffentlichen Wahrnehmung klar verteilt: Assads Regime sind die Schurken, die Rebellen ihre aufrichtigen Widersacher. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt einer solchen Einordnung stehen wir also vor dem Problem der kognitiven Verzerrung: Schenken wir Meldungen deshalb Glauben, weil sie einer kritischen Prüfung standhalten – oder weil sie in unser Welt- und Meinungsbild passen?

Virale Zeitungsente

Dazu ein Beispiel aus den vergangenen Wochen: Islamisten, so konnte man lesen, wollten die ägyptischen Pyramiden sprengen, diese heidnischen Monumente, genauso wie auch bereits die afghanischen Buddha-Statuen von den Taliban in die Luft geblasen wurden. Schnell landete die Meldung auf internationalen Titelseiten. Allein der Beitrag von Raymond Ibrahim im „Frontpage Mag“ (einer der ersten englischsprachigen Artikel zum Thema) wurde über 400.000 Mal geklickt. Gestimmt hat die Geschichte allerdings nicht.

Ihren Anfang genommen hat sie mit einem (angeblichen) Tweet vom 24. Juni, der von dem Spaß-Account @amahmood2011 unter dem Namen eines prominenten bahrainischen Geistlichen ins Netz gestellt wurde und von der militärnahen ägyptischen Zeitung „Rose el-Yussef“ aufgegriffen wurde (einer Zeitung, die sich in der Vergangenheit einen Ruf als kaum verkapptes Propagandaorgan des Mubarak-Regimes gemacht hatte und gegenüber den Muslimbrüdern nicht gerade wohlgesinnt ist). Ob der Tweet überhaupt existiert hat, ist unklar. Im Netz ist er nicht zu finden, dafür hat @amahmood2011 inzwischen beklagt, die Meldung sei auf Basis eines manipulierten Screenshots in die Welt gesetzt worden:


Alles also sehr undurchsichtig. Zu stoppen war die Meldung trotzdem nicht mehr. Von Raymond Ibrahim auf Englisch veröffentlicht, wurde sie über 20.000 Mal über soziale Medien verbreitet, auf diversen Blogs zweitveröffentlicht, weiter rezipiert und von mehreren Zeitungen aufgegriffen. Für mehrere Tage ließ sich mit Islamophobie gut Stimmung machen im Netz.

Eine Ewigkeit im Netz

In diesem Fall haben die journalistischen Schranken letztendlich allerdings funktioniert. Die „Huffington Post“ und die „New York Times“ griffen (nach mehreren Tagen) die Richtigstellung einer großen englischsprachigen Zeitung aus Ägypten auf. Auf Twitter überwiegt – zwei Wochen nach dem Aufkommen der Gerüchte! – die Warnung vor der Zeitungsente. Zwei Wochen: Im Netz ist das eine lange Zeit, in der sich auch mit Falschmeldungen viel Porzellan zerschlagen lässt.

Der Journalist ist daher nie lediglich Sender, sondern immer auch Kontrollinstanz – umso mehr, je stärker die Berichterstattung von schwer verifizierbaren (Sekundär-) Quellen abhängt. Auch dann, wenn es brenzlig wird und Nachrichten im Minutentakt über die digitalen Verstärker ins Netz gejagt werden. Auch in Ägypten. Auch in Syrien.

Es war übrigens nicht das erste Mal, dass Ägypten mit falschen Gerüchten zu kämpfen hatte. In der heißen Phase des Wahlkampfes machte die Meldung die Runde, dass ein neues Gesetz es erlauben solle, bis zu sechs Stunden nach dem Tod der Ehefrau mit ihr Sex zu haben. Gestimmt hat sie nicht.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Martin Eiermann: Politische Partizipation in den USA ist ein Minderheitenphänomen

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