Bundesligatrainer ist ein sehr viel sicherer Job als SPD-Vorsitzender. Christian Wulff

Mediale Planwirtschaft

In der Medienlandschaft wird Vielfalt nur noch vorgegaukelt. Was bleibt, ist Planwirtschaft: zentrale Produktion von Inhalten, Mangelwirtschaft, monopolistische Vermarktung.

Dunkle Zeiten brechen an. Die Guardian Media Group, Herrin über prominente Zeitungen wie „The Guardian“ und „The Observer“, hat diese Woche angekündigt, aus Kostengründen bis zu 100 der 650 Redakteure einsparen zu wollen. Das sind über 15 Prozent der journalistisch arbeitenden Belegschaft. Auch in Deutschland ist die Zahl der angestellten Redakteure seit 2000 um 15 Prozent gesunken, von insgesamt 15.300 auf 13.000. Internationale Korrespondentennetze sind seit Jahren von Kürzungen betroffen; viele Medien übernehmen heute die Auslandsberichte der großen Agenturen (deren Mitarbeiter wiederum beklagen, dass sie immer größere Gebiete für immer mehr Kanäle – Print, Online, Radio, Video – abdecken müssen).

Gleichzeitig haben sich auch auf Verlagsebene neue monopolistische Strukturen herauskristallisiert: 58,8 Prozent der in Deutschland verkauften Zeitungsexemplare kamen im ersten Quartal 2012 aus nur zehn Verlagshäusern – ein historischer Rekord. Kleinere, unabhängige Zeitungen sind entweder eingegangen, haben an Reichweite und Auflage verloren, oder sind in große Verlage eingegliedert worden.

Das Ergebnis: Immer weniger Menschen und Unternehmen sind verantwortlich für einen großen Prozentsatz dessen, was Otto und Erna Normalbürger tagtäglich an Nachrichten und Analysen konsumieren.

Das Internet ist kein Heilsbringer

Auch das Internet fungiert dabei nicht notwendigerweise als Heilsbringer von Dezentralisierung und Wissensvielfalt: Die Vielzahl der verfügbaren Informationsquellen täuscht leicht über die Tatsache hinweg, dass die Mehrzahl der Menschen sich weiterhin an einigen wenigen Webseiten orientiert – Webseiten, die ihrerseits mit sinkendem Personal auskommen müssen und oftmals nicht viel mehr sind als Zweitverwertungsmaschinen für Agenturmeldungen. Stefan Niggemeier hat das schon 2011 am Beispiel von stern.de detailliert aufgedröselt.

Die vier reichweitenstärksten deutschen Nachrichtenportale – „Spiegel Online“, „Bild.de“, „Focus Online“, „Welt Online“ – erreichen laut aktueller Zahlen 38,7 Millionen Unique Visitors pro Monat. Das sind mehr, als die nächsten zwölf Webseiten zusammen. Nicht mitgerechnet dabei sind die trafficstärksten Portale wie T-Online oder Web.de, deren Nachrichten sich nahezu vollständig aus fremdem Content generieren.

Die scheinbar diversifizierte Medienlandschaft gleicht in ihrem Kern eben doch eher der Plan- und weniger der Marktwirtschaft: Zentrale Produktionsketten, Mangelwirtschaft, monopolistische Vermarktung und Verbreitung. Eine Ausnahme mag der boulevardske Herdentrieb sein, der aber, wie wir alle wissen, nicht unbedingt zu den herausragenden Vorteilen des freien Marktes gehört. Doch eine Planwirtschaft kann kein Vorbild für die Medienindustrie sein. Es gilt in ihr das Gesetz des Fünf-Jahres-Plans, nicht das der Relevanz oder Richtigkeit. Wenn unsere Informationslandschaft einer zentral organisierten Wirtschaft gleicht, sollten die Alarmglocken angehen.

Womit wir bei der Filterblase wären. Das Problem bezeichnet häufig das versteckte Diktat von Algorithmen: Präsentiert werden uns im Newsfeed von Facebook oder in den Kaufempfehlungen von Amazon genau jene Informationen, die aufgrund unseres Nutzerverhaltens aus statistischer Sicht am besten zu uns passen. Je engmaschiger der Filter, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass wir mit Informationen konfrontiert werden, die genuin überraschend sind oder stark konträre Standpunkte vertreten. Die Psychologie spricht in diesem Fall von „kognitiver Verzerrung“: Wir überschätzen, wie weit verbreitet unsere eigenen Auffassungen sind und unterschätzen die Bandbreite alternativer Meinungen, Interpretationen und Interessen.

Doch wer die Filterblase lediglich als Phänomen der Digitalisierung ansieht, irrt gewaltig. Jahrzehntelang wurde Journalismus vor allem von alten, weißen Männern bestimmt, die pflichtbewusst die Weltsicht alter, weißer Männer in den Äther hinausposaunt haben. Ganze Generationen durften sich zur besten Sendezeit in den Abendnachrichten vergewissern, dass Politik und Wissenschaft Männersachen seien und die armen Neger ohne Starthilfe aus dem Westen wahrscheinlich immer noch ziellos durch die Savanne rennen würden. Und vom Zusammenbruch der Sowjetunion wurde wahrscheinlich niemand mehr überrascht als die armen Fünf-Jahres-Planer selbst, die sich so wohl fühlten zwischen Zentralismus und Mangelverwaltung und die Zeichen der Zeit gar nicht erst ignorieren mussten, weil sie innerhalb der Blase schlichtweg nicht sichtbar und diskutabel waren.

Die Filterblase ist also mehr als ein technologisches Problem, das sich durch intelligentere Algorithmen oder menschliche Kuratoren im medialen Web relativ einfach lösen ließe. Sie ist ein kulturelles und strukturelles Problem.

Vorgetäuschte Vielfalt

Ein kulturelles Problem, weil die klassischen journalistischen Instanzen weiterhin Bindungskraft entfalten. Die digitale Elite (also Sascha Lobos Freundeskreis und all diejenigen, die sich in Berlin mit viel Macchiato durchs Leben co-worken) kann gerne auf Blogs und Hashtags und Twitter-Listen pochen und die Demokratisierung ehemaligen Herrschaftswissens feiern. Für die meisten Menschen ist das jedoch (noch?) keine Alltagsrealität. Wenn also Redaktionen zusammengekürzt und Inhalte vielfach verwertet werden, dann hat das ganz reale Auswirkungen auf die Bandbreite dessen, was viele von uns als journalistisches Tagesgericht aufgetischt bekommen. „Der Verlust an Vielfalt wird öffentlich kaum wahrgenommen“, bemerkt Carta resignierend.

Ein strukturelles Problem, weil die Vielfachverwertung immer mehr zum Alltag wird. Es ist noch nicht lange her, als beispielsweise das „Hamburger Abendblatt“ – einst eine journalistische Instanz an der Elbe – mit der Ankündigung für Schlagzeilen sorgte, dass man künftig „Synergiepotenziale“ mit der ebenfalls zum Axel-Springer-Verlag gehörenden „Welt Hamburg“ nutzen wolle. Im Klartext: Axel Springer plante, einen Teil seiner Inhalte zentral zu produzieren und dann über das gesamte Produkt-Portfolio hinweg zu verbreiten. Es geht um Kosten, Effizienz, Managersprech und die Verwaltung des finanziellen Mangels.

Das „Abendblatt“ ist dabei kein Einzelfall: Seit Jahren schon ist es normal, dass viele Zeitungen – vor allem kleinere Regionalausgaben – ihre Nachrichtenmeldungen direkt von den Agenturen übernehmen. Die stündlichen Radionachrichten vieler Sender werden zentral eingesprochen, beispielsweise bei der DPA in Berlin, und von dort aus in die hintersten Winkel der Republik geblasen. Viele Lokalredaktionen von Zeitungen produzieren Nachrichten auch immer häufiger im Verbund: Ein und dieselbe Meldung läuft unter Umständen unter drei verschiedenen Überschriften in drei verschiedenen Regionalzeitungen. Betroffen sind also nicht nur internationale Nachrichten, sondern auch solche Inhalte, die man bei ausreichendem Personal und Budget problemlos vor Ort recherchieren könnte und sollte.

Alexander Görlach hat kürzlich hier vom Tod der Kulturindustrie geschrieben und davon, dass der Journalismus es nicht geschafft habe, „aus sich selbst heraus zu wachsen“ und die Leser von der Wertigkeit der eigenen Produkte zu überzeugen. Worte (ein Begriff, der hier einmal stellvertretend für journalistische Inhalte fungieren muss) seien machtlos in einer immer stärker von Zahlen zwangsdominierten Welt. In der Tat: Das, was uns momentan als innovativ präsentiert wird – und ich schreibe das als ausdrücklicher Freund eines offensiv digitalen Journalismus und technologiegetriebener Neuerungen – hat selten mit Inhalten zu tun: es geht stattdessen um SEO-Optimierung, personalisierte Angebote, bessere Algorithmen. „Relevanz ist verzichtbar, solange die Reichweite stimmt“, schreibt Niggemeier.

Doch was nützt die beste Präsentation, wenn ihr Ziel vor allem darin besteht, von der inhaltlichen Leere abzulenken? Und welchen Wert hat das digitale Versprechen von Vielfalt und der Demokratisierung des Wissens, wenn sie einhergeht mit der Re-Monopolisierung des Medienmarktes und der zentral gesteuerten Produktion und Verbreitung von Inhalten? Die Filterblase ist kein neuzeitliches Phänomen, aber sie lässt sich auch nicht einfach durch mehr und bessere Technologien aus der Welt schaffen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Martin Eiermann: Politische Partizipation in den USA ist ein Minderheitenphänomen

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Journalismus, The-guardian, Filter

Kolumne

Medium_45c47f9584
von Gunnar Sohn
25.11.2015

Debatte

Wie neutral kann Journalismus sein?

Medium_17a915982a

Deine Zeitung lügt!

Echte Neutralität im Journalismus kann es nicht geben, zu viele Faktoren beeinflussen unsere Wahrnehmung. Mit Transparenz und Selbstreflexion müssen wir dies aufzeigen. Doch auch die Leserschaft so... weiterlesen

Medium_95354864a4
von Imre Balzer
28.07.2015

Kolumne

Medium_1d4b1b030e
von Heinrich Schmitz
25.07.2015
meistgelesen / meistkommentiert