Ich kann mir vorstellen, Minister zu werden. Christoph Metzelder

Kreuzzug zum Mitnehmen

Der Treibstoff für hitzige Debatten: ein starkes Bauchgefühl ohne lästige Realitätschecks, frei nach dem Motto: Suche Thema, biete Meinung.

Es gibt Themen, bei die Aufregung vorprogrammiert ist. Die Gleichberechtigung von Frauen und Homosexuellen gehören dazu, Geschlechterbilder, der Antisemitismus und Israel und alles, was irgendwie mit Stammzellenforschung, Präimplantationsdiagnostik und Abtreibung zusammenhängt. Das Paradoxe daran: Alles das sind Debatten, deren Ausgang kaum konkrete Auswirkungen auf das Leben derjenigen Diskutanten haben dürfte, die sich besonders laut in den Vordergrund drängen. Kein Heterosexueller hat persönliche Nachteile zu befürchten, wenn Schwule und Lesben endlich heiraten dürften. Kein Mann (und auch keine Frau) wird durch die Gleichberechtigung in Beruf und Bezahlung einem Gender-Diktat unterworfen. Keine werdenden Eltern müssen ihre Kinder anders erziehen, nur weil PID und Abtreibung legalisiert sind. Mit der Verteidigung handfester Eigeninteressen lässt sich die Hysterie also nicht erklären. Doch womit sonst?

Mit Verachtung gestraft

Vielleicht erklärt sich die Hysterie mit einer Schadenfreude, die sich aus dem Gefühl der Überlegenheit nährt und die uns heimlich triumphieren lässt, wenn der Dackel dem Nachbarn in die Hauseinfahrt scheißt, wenn der drängelnden Frau im Supermarkt die Tasche platzt, oder wenn ein Mann keinen Mann heiraten darf, sondern sich stattdessen bitte schön an die Konventionen halten solle wie jeder andere auch. Eine Schadenfreude, hinter der gar nicht unbedingt böse Absichten stehen müssen, sondern lediglich ein leicht pedantischer Ordnungs- und Traditionsfetischismus, aus dem der Konservatismus der deutschen Provinz immer noch seine Energie zu beziehen scheint. Wer sich nicht an Normen hält, wird bestraft – manchmal vom Schicksal, manchmal von der Staatsmacht, und manchmal vom digitalen Kommentariat. Die „Ärzte“ haben es auf den Punkt gebracht: „Jetzt wirst du natürlich mit Verachtung gestraft / Bist eine Schande für die ganze Nachbarschaft / Du weißt noch nicht einmal genau, wie sie heißen / Während sie sich über dich schon ihre Mäuler zerreißen.“

Oder aber es ist die Möglichkeit des Moralisierens, also einer Argumentation, bei der empirische Fakten und wissenschaftliche Meinungen herzlich egal sein können, solange man sich auf ein Weltbild oder – besser noch – auf überirdische Instanzen berufen kann und sich derart bewaffnet in die politische und mediale Schlacht stürzt. Man muss kein fundiertes Wissen besitzen, mit dem sich beispielsweise die medizinischen Vorteile der Stammzellenforschung bestätigen oder Argumente über negative Konsequenzen homosexueller Adoptionen entkräften ließen, solange man rufen kann: „Gott ist groß, und ihr habt unrecht!“

Ein Teilsieg ist für Vertreter dieser Argumentation keine Option, weil es immer gleich um alles geht: Die Forderung nach der Homo-Ehe, die niemandem schadet, sondern nur zwei Menschen Freude bringt, wird plötzlich zur Gefahr für die Familie und die menschliche Fortpflanzung. Stammzellenforschung verneint den Wert der Schöpfung, Präimplantationsdiagnostik ebenfalls. Abtreibung ist Mord, und die Grünen wollen Deutschland vom pansexuellen Wächterrat kontrollieren lassen. Es geht um die Wahrheit, die ganze Wahrheit, und nichts als die Wahrheit, direkt aus der Bauchgegend hochgerülpst und „nicht erst durch rationales Denken gefiltert“ (Stephen Colbert).

Aus der Bauchgegend hochgerülpst

Dem Moralisierer geht es nicht um die Debatte, sondern um die Deklaration des eigenen Rechthabens und um die Verteidigung eines Weltbildes – digitale Einwegkommunikation also. Selbst vermeintliche Randthemen werden zu Gassenhauern im Netz, wenn es nicht mehr um konkrete Fragen geht, sondern um diffusere Vorstellungen davon, wie die Gesellschaft auszusehen habe – frei nach dem Motto: Suche Thema, biete Meinung.

Das erklärt auch, warum bestimmte Themen nicht nur viel diskutiert werden, sondern viel mehr als andere Themen. Fünfzehn Jahre digitaler Journalismus haben die Hemmschwelle zur Partizipation und Diskussion universal gesenkt, die Aufmerksamkeit bleibt trotzdem extrem ungleich verteilt: Während ein durchschnittlicher Blog-Beitrag auf der Webseite der „Huffington Post“ nach Kalkulationen des Nieman Lab weniger als 1000 Leser und kaum Leserbriefe anzieht, sind unter anderen Texten Tausende von Antworten zu finden. Wer sich durch Kommentare und Blogs wühlt, merkt: Für Hobby-Kreuzritter ist das Netz ein wahrer Abenteuerspielplatz.

Es verwundert daher nicht, dass sich zu bestimmten Themen gerade im Netz sehr laut- und meinungsstarke Lobby-Gruppen herausbilden, deren Ziel jedoch nicht in guter alter Bundesverbandsmanier die Verteidigung steuerlicher oder politischer Vorteile ist, sondern die sich positionieren als Bollwerke gegen die vermeintliche Diktatur progressiver Gedanken und den Verfall von Sitten und Moral, tapfer bemannt von selbsternannten Freidenkern.

Aber vielleicht ist es gar nicht so schlecht, wenn die lieben Mitbürger ihre Energie künftig in der Tiefe des Netzes verpulvern, anstatt brennende Kreuze aufzustellen oder Abtreibungs-Kliniken anzugreifen oder andere üble Dinge zu tun, mit denen man sich sonst seine Freizeit vertreiben könnte, wenn man nicht wirklich an der Diskussion interessiert ist. Diskussionen, die, wie man sich bewusst machen sollte, keinesfalls überflüssig sind und unbedingt geführt werden sollten: über den Beginn und Wert menschlichen Lebens, über Chancengleichheit, über das, was wir gemeinhin „Fortschritt“ nennen, oder über die Gesellschaft, in der wir leben wollen.

Das Netz ist nicht zwangsläufig die nächste Front im Kampf um vorwärts blickende Reformen, sondern oftmals ein Rückzugsort für Gedanken, die offline immer weniger anschlussfähig sind. Denn ein Argument wird schließlich auch nicht dadurch valider, dass es von einem Smartphone aus ins Netz gestellt wird.

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