Nur von Gott kommt die wirkliche Revolution. Joseph Ratzinger

Wir Opfer

Deutschen Debatten zur Zukunft der Medien fehlt der innovative Impuls. Anstatt alte Weisheiten über Bord zu werfen, ergötzen wir uns an den eigenen Tränen.

Drei Kurzmeldungen aus den vergangenen Wochen: Kanzlerin Merkel konstatiert, dass beim Thema „Leistungsschutzrecht“ ein Riss durch die Union laufe. Der „Stern“ erlebt Ende Mai mit 232.848 verkauften Einzelexemplaren einen Negativrekord, der „Spiegel“ erzielt in der gleichen Woche das drittschlechteste Verkaufsergebnis seit den 90er-Jahren. Die GEZ bekommt einen neuen Namen zum ramponierten Image und soll künftig unter der Bezeichnung „ARD ZDF Deutschlandradio Beitragsservice“ agieren.

Jede dieser drei Meldungen kann dienen als Erinnerung an die Unabwendbarkeit des viel zitierten „Medienwandels“ und sollte uns gleichzeitig vor Augen führen, wie weit die dazugehörige Debatte hinter dem Tempo der auf uns zukommenden Veränderungen zurückbleibt.

GEZ, das staatseigene Inkassounternehmen

Die GEZ, das staatseigene Inkassounternehmen der Öffentlich-Rechtlichen, hat zumindest insoweit die Zeichen der Zeit erkannt, als dass künftig nicht mehr der Besitz eines Radios oder Fernsehers ausschlaggebend sein wird – zahlen soll ab 2013 jeder Haushalt. Das ist erst einmal sinnvoll. Wenn Journalismus immer mehr über das Netz (ob fest oder mobil) verbreitet wird, ist das Festhalten am Wohnzimmerkino als Beitragskriterium schlicht archaisch. Was bleibt, ist die hinter der GEZ stehende Geisteshaltung: Finanziert wird aus einem großen Topf und ganz bürokratisch auf Basis von Paragraf 9 des Rundfunkfinanzierungsstaatsvertrags. Das heißt konkret: Während sich der Rest der journalistischen Welt auch aufgrund der sich ändernden wirtschaftlichen Realitäten nach neuen Finanzierungsmodellen umschauen muss, überdauert das etablierte Modell der Öffentlich-Rechtlichen in seinen Grundzügen den digitalen Wandel.

Es muss eine deutsche Eigenart sein, dass die dazugehörige Debatte vor allem vom gegenseitigen Futterneid am Leben gehalten wird: Die Privaten wittern instinktiv eine Wettbewerbsverzerrung und erfinden sich mit Leistungsschutzrecht und Mediatheks-Beschränkungen eine ganze Palette von angeblich verzerrungsentzerrenden Reparationszahlungen und Angebotsbremsen, die zielgenau an der digitalen Realität vorbeischießen. Das wirklich Bedauerliche daran ist vor allem, dass angesichts des Lamentierens und Lobbyierens die Frage etwas außer Acht gerät, wie denn vielleicht öffentliche und private Angebote auch künftig sinnvoll koexistieren können. Stattdessen wird viel geredet, fast genauso viel polarisiert und polemisiert, und unter dem Strich vor allem heiße Luft produziert.

An die Adresse vieler Verlage will man fast schon mit geballter Faust rufen: Nicht jede abgebrochene Brücke symbolisiert einen Rückzug, und nicht jeder Vorstoß bringt uns wirklich voran. Aber warum akzeptiert ihr eine Opferrolle, die ihr euch selbst geschaffen habt? Ihr habt heute deutlich mehr mögliche Geschäftsmodelle zur Auswahl als noch vor zehn Jahren, von Paywalls bis hin zu Querfinanzierungsmodellen. Ihr habt, im besten Sinne des Wortes, die Qual der Wahl. Ihr habt die einmalige Chance, nicht mehr auf Leser angewiesen zu sein, die für all das bezahlen wollen, was ihr so tagtäglich ins Netz hinausposaunt. Warum also begnügt ihr euch damit, mit erhobenem Zeigefinger auf Medien zu schimpfen, deren Finanzierung und Aufgaben sich schon immer von den eurigen unterschieden haben, anstatt eure Webseiten endlich mit solchen Inhalten zu füllen, auf die zu klicken oder für die zu bezahlen es sich auch lohnen würde, oder ganz andere Finanzierungsmodelle einfach einmal auszuprobieren. Wer auf den Markt pocht, muss sich auch dem Wettbewerb um Qualitätsvorsprünge und Innovationen unterwerfen. Es lässt sich viel Geld im Netz verdienen: Warum wollt ihr diesen Wandel nicht aktiv mitgestalten?

Dass es auch anders geht, zeigt beispielsweise das US-amerikanische Radiokonglomerat NPR. „Öffentlich-rechtlich“ bedeutet dort aktuell, aggressiv in digitales Neuland vorzustoßen, ohne dass sich auch nur ein privates Medienunternehmen daran stoßen würde. Ich bezahle inzwischen wieder für einige Medien im Netz – nicht weil ich muss, sondern weil ich kann und will. Deutsche Webseiten sind nicht dabei: weil ich nicht will, aber vor allem auch, weil ich gar nicht kann.

Anders geht immer

Sicher ist lediglich – hier sind wir wieder bei den sinkenden Auflagen fast aller deutschen Print-Titel – dass sich der Wandel weder aufhalten lässt noch aufhalten lassen sollte. Die wichtigste Richtungsentscheidung ist daher gar keine: Journalismus ohne aktive, offensive, innovative Digital-Ausrichtung ist in den allermeisten Fällen eine Sackgasse. Doch gleichzeitig tun wir uns extrem schwer damit, diese bereits reale Richtungsänderung auch auf Verlagsebene in strategische Richtungsentscheidungen umzumünzen. Beim „Spiegel“ erleben wir mit dem hausinternen Disput zwischen Print und „Spiegel Online“ aktuell das genaue Gegenteil einer integrativen und vorausschauenden Geschäftsplanung – einen Disput, den das gedruckte Magazin auf lange Sicht nur verlieren kann. Es ist eine Frage der Zeit, bis „Luxusprobleme“ zu existenziellen Fragen werden und ausbleibende Antworten weitreichende Konsequenzen haben. Die Grundzüge der Fragen sind dabei genauso bekannt wie die verhärteten Fronten, an denen sich die Debatte stößt und aufreibt. Offen ist, ob wir die Konsequenzen der Veränderung erleben oder erleiden werden.

Thomas Edison, dem Erfinder der Glühbirne, wird der folgende Satz zugeschrieben: „Hier gibt es keine Regeln. Wir versuchen schließlich, etwas zu erreichen.“ Und wieder will man an das Verlagsportal pochen und brüllen: Verleger dieser Welt, schaut auf diesen Mann! Vielleicht könnt ihr etwas von seiner Geisteshaltung mitnehmen.

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