Wenn man will, könnte man sein Leben entgooglefizieren. Jeff Jarvis

Am Anfang war das Wort

Der Antisemitismus-Vorwurf an Grass ist absurd. Was bleibt uns eigentlich noch, wenn wir es wirklich mit Judenhass zu tun haben?

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Wörter sind wichtig. Es macht einen Unterschied, ob wir Anders Breivik als „rechtsradikalen Attentäter“ („SPON“ am 21. Dezember 2011) oder als „Terroristen“ (Breiviks Vater) bezeichnen; vor allem wenn man bedenkt, mit welcher Euphorie wir sonst vom „islamischen Terror“ oder vom „Linksterrorismus“ sprechen. Denn mit Wörtern, schreibt der Sprachkritiker Wolf Schneider in seinem Buch „Wörter machen Leute“, ordnen wir die Welt: „Wir kleben Namensschilder auf die Fülle der Erscheinungen und den Strom der Gefühle, wir machen uns die Umwelt durch Benennung handhabbar.“ Und weiter:

„Wörter verführen und attackieren uns: laut und erkennbar durch Befehl, Drohung, Hohn und Fluch, heimlich durch Sprachlenkung und Manipulation. So viele Wörter, so viele Vorurteile: ob der Finanzminister bei einer Inflationsrate von sechs Prozent die Wahrung der Stabilität verspricht oder ob wir ein Kind, das sich am Löwenzahn freut, mit der Wortkeule Unkraut auf Vertilgung programmieren. Ungeziefer? Die Natur kennt nichts dergleichen; eine willkürlich umgrenzte Gruppe von Tieren benennen wir so, damit es uns leichter fällt, sie zu zertreten. Wörter können Vorboten der Hinrichtung sein: Menschen sagten zu anderen Menschen Barbaren, Heiden, Nigger, Juden, Kulaken – und schlugen sie tot.“

Nicht umsonst sprechen wir bei einer besonders akkuraten Beschreibung davon, den Finger „in die Wunde zu legen“, dorthin, wo es am meisten schmerzt. Wörter haben Macht, und wer sie dazu noch geschickt einzusetzen weiß, dem ist damit mehr als bloß eine (wiederum sprichwörtliche) „Macht des Wortes“ gegeben. Wer seine Worte kennt, kann Taten folgen lassen – oder wird durch die Worte anderer am Handeln gehindert. Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort (Johannes 1.1).

Vorsicht mit den großen Wörtern

Das heißt auch, dass Vorsicht angebracht ist bei der Wortwahl, vor allem dann, wenn Begriffe negativ besetzt sind (die Kritik stellt uns vor größere Probleme als das Lob, gegen das, wie Freud schon wusste, wir sowieso machtlos sind). Wer Demonstranten pauschal als „Chaoten“ abkanzelt, verkennt das verbriefte Recht auf Protest. Chaoten, das waren bereits die Leipziger Montagsdemonstranten aus der Sicht des SED-Regimes. Wer von „Pleite-Griechen“ und „Sozialschmarotzern“ schreibt, dem geht es nicht um die Information, sondern um die Aufwiegelung von Emotionen, um Kampagnenjournalismus schlechter Schule. Und wer Günter Grass instinktiv als Antisemiten geißelt, der hat offensichtlich die Debatte verpennt.

„Denn der Antisemitismus ist überall. Grass? Ganz klar – Antisemit! Das ZDF? Antisemiten! Claudia Roth? Antisemitin! Die Deutschen, von denen nur vier Prozent Grass der Judenfeindlichkeit verdächtigen? Antisemiten! Und selbst Barack Obama, der (wie Grass) vor einem Erstschlag Israels gegen den Iran warnt, ist: Antisemit! […] Broder braucht seine Antisemiten wie die Luft zum Atmen.“

Mark Fliegauf hat diese Sätze hier am Mittwoch polemisch aufgeschrieben, und sich dafür viel Kritik eingefangen – was angesichts des Textes wiederum zu erwarten war.

Es gibt Begriffe, die hierzulande eine Instinktreaktion hervorrufen und dabei ein so lautes Echo erzeugen, dass die eigentliche Diskussion im Keim erstickt wird. Wenn der Antisemitismus einmal von der Kette gelassen ist, wird jedes weitere Argument schnell zum Zerrbild seiner selbst. Das ist das Paradoxe an solchen Kampfbegriffen: Sie provozieren die eine Diskussion, um eine andere zu vermeiden. Die Nazikeule ist innerhalb dieses Repertoires immer noch die effektivste.

Dabei sollte es uns vernunftbegabten Wesen doch eigentlich möglich sein, auch über den Nahost-Konflikt zu sprechen (der uns, um es ehrlich zu sagen, im allergrößten Teil der Fälle persönlich gar nicht berührt), ohne in infantiles Geschrei oder verbalkannibalistisches Gehacke zu verfallen. Es sollte uns möglich sein, zu sagen: Wer Israel kritisiert, ist damit nicht automatisch ein Antisemit. Wer die Politik eines Landes infrage stellt, diffamiert damit nicht notwendigerweise die Religion der dort lebenden Menschen, oder gar die Menschen selbst. Wer von „allesvernichtenden Sprengköpfen“ schreibt, der hat vielleicht eine Rüge für Brachialrhetorik verdient, aber sicherlich kein staatlich verhängtes Einreiseverbot und keinen öffentlichen Gegenschlag vom Kaliber eines Henryk M. Broder. Wer die Okkupation der Palästinensergebiete kritisiert, legitimiert dadurch weder die Rassengesetze von Nürnberg noch die Hassrhetorik rechter und rechtspopulistischer Parteien.

Auch Wörter können unter Abnutzungserscheinungen leiden. Wer überall Antisemiten sieht, der verliert die Fähigkeit, den echten von den vermeintlichen zu unterscheiden. Mit der steigenden Kakophonie geht nicht nur die Fähigkeit zur produktiven Diskussion verloren, sondern auch die Möglichkeit, wirklich Verwerfliches anzuprangern. Alles wird über den gleichen Kamm geschoren: der braune Sumpf der NPD, die versteckten Vorurteile der NRW-Linken, die Israelkritik. Konservative haben das eigentlich erkannt und kritisieren zu Recht den inflationären Gebrauch beispielsweise des Rassismus- und Sexismusvorwurfs.

Antizionist, Antimilitarist – Antisemit?

Aber was ist, wenn die Bedeutung sich geändert hat? Nicht ganz ohne Grund kritisieren wir schließlich 2012 das als sexistisch (oder zumindest chauvinistisch), was in der Welt der „Mad Men“ in den 1960ern noch vollkommen normal war? Was, wenn der Antisemitismus einen vergleichbaren Begriffswandel durchlaufen hat? Zeitweise war der Begriff des Antisemitismus in bestimmten gesellschaftlichen Kreisen positiv besetzt: Wer Antisemit war, stand ein für den Widerstand gegen (ein weiterer widerlich klingender Begriff) die „Rassenschande“. Die „Protokolle der Weisen von Zion“ waren im frühen 20. Jahrhundert nicht ohne Grund ein veritabler publizistischer Renner. Warum aber sollte die Abwesenheit dieses virulenten, mörderischen Antisemitismus bedeuten, dass uns das Wort für weniger drastische Formen abhanden kommt? Wir wollen reden können über das, was sich auch heute noch unter der „dünnen Decke der Zivilisation“ (Christa Wolf) verbirgt und ab und an seine hässliche Fratze zeigt.

Ja – aber Begriffswandel bedeutet nicht, wild loskeulen zu können. Sexismus beschreibt die Diskriminierung zum Beispiel von Frauen aufgrund ihres Geschlechts, Rassismus ist der Hass auf andere aufgrund ihrer Rasse (oftmals mit der Hautfarbe als Proxy) – und Antisemitismus bezeichnet den Hass auf Juden qua ihrer Herkunft und Religion. Ein Hass, der weder aus dieser Welt verschwunden ist noch aus unserer Erinnerung getilgt werden sollte. Doch diese Geisteshaltung lässt sich aus dem Grass’schen Gedicht beim besten Willen nicht herauslesen.

Antizionist? Vielleicht. Antimilitarist? Sehr wahrscheinlich. Aber wer sich der Einfachheit halber mit der dicksten Wumme im Arsenal bewaffnet, dem geht es nicht um diffizile Gedanken. Dem geht es nicht um die Analyse, sondern um die Agitation, um den rhetorischen und moralischen Gegenschlag. Wer so argumentiert, der vereinnahmt einen Begriff, dessen Geschichte seit 1945 zutiefst doch eigentlich mit dem Widerstand gegen die Diffamierung verbunden ist – und der anderorts noch gebraucht wird; dort, wo es wirklich brennt.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Martin Eiermann: Besser ohne

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