Die meisten Amerikaner hören Arabisch nur, wenn im Fernsehen ein wütender Mann mit Gewehr herumzetert. Omar Offendum

Das Märchen von der Kostenloskultur

Während wir über ACTA und die „Kostenloskultur“ streiten, bezahlen anderswo die Menschen den tragischen Preis für guten Journalismus.

Im April 2008 tippte der ehemalige Herausgeber des “Wall Street Journal”, Gordon Crovitz, eine Grundsatzkolumne in seinen Computer – einen dieser Texte, die sich durch das andauernde Zitieren und Weiterverlinken so tief im Netz festsetzen, bis sie irgendwann – pars pro toto – als Ausdruck eines gewissen Zeitgeistes gelten dürfen. Der Titel: Optimism and the Digital World. Das Thema: Die permanente Verfügbarkeit von Informationen zu jedem Thema, aus jeder Region dieser Welt. Wenn der Telegraph den Beginn der Moderne signalisierte, dann ist das Internet scheinbar deren Vollendung – und der Übergang in ein neues Zeitalter, in dem die Menschen dank Informations- und Kommunikationstechnologie “mehr Optionen, mehr Kontrolle, mehr Freiheit” haben, wie Crovitz schreibt.

Ins Extrem verfolgt besagt diese Sichtweise: Informationen sind keine Währung mehr, ihr Wert sinkt mit ihrer zunehmenden Verfügbarkeit. Was zählt, sind Kontextualisierung, Analyse und Zusammenführung von Datensätzen. Es werde Licht, sprach das Netz, und es ward Licht.

Der Preis des Wissens

Doch natürlich weiß auch der überzeugteste Techno-Optimist, dass die informationelle Weltkarte weiterhin weiße Flecken aufweist, die sich auch nicht von alleine füllen. Der vielbeschworene Filter im Netz ist nur dann von Nutzen, wenn er mit einem stetigen Strom an Rohdaten versorgt wird. Diese Informationen haben immer noch einen Preis – und der kann enorm hoch sein.

Vor einer Woche erst ist der Pulitzer-Preisträger Anthony Shadid in Syrien ums Leben gekommen. Ein Mann, der, so schreibt der Londoner Bürochef der New York Times, “in Erinnerung bleiben wird, so lange es Kriegsberichterstatter gibt.” Im Schutz der Nacht war er über die Grenze gegangen, um aus der umkämpfen Region um Homs zu berichten. Abgeschnitten von medizinischer Versorgung starb er an einer Asthma-Attacke. Ein paar Tage später gerieten mehrere Reporter in Homs unter Beschuss. Scheinbar gezielt feuerten syrische Truppen auf das Gebäude, in dem sich die verdeckt arbeitenden Journalisten versteckt hielten. Einige konnten verletzt entkommen, für drei – die Amerikanerin Marie Colvin, den Franzosen Rémi Ochlik und den syrischen Blogger Remi al Sayyed – kam jede Hilfe zu spät. Colvin, die Veteranin des Journalismus von der vordersten Front, hatte noch kurz vor ihrem Tod mit ihrem Arbeitgeber gehadert: Ihre Berichte erschienen bei der “Times of London” hinter einer Paywall. Doch warum sollte man bezahlen müssen, um sich ein Bild vom Sterben in Syrien machen zu können? Ist es zu rechtfertigen, dass die Berichterstatter an der Front ihr Leben riskieren für das Sammeln von Informationen, die dann für viele Leser tabu bleiben? “Wir müssen die Story in die Welt tragen, dafür ist der Journalismus da”, so Colvin.

Wessen Kostenloskultur?

Diese Schicksale sind leider keine Einzelfälle. Nach Recherchen der Organisation “Reporter ohne Grenzen” kamen im vergangenen Jahr 66 Journalisten bei der Arbeit ums Leben, 1044 wurden verhaftet, 1959 angegriffen oder bedroht. Nicht darin mitgerechnet sind die zahllosen “Citizen-Journalists”, die mit ihren Handys oftmals die einzigen Bilder aus umkämpften Gebieten dieser Welt liefern. Rami al Sayyed ist nur einer von vielen Syriern, die auf Kanälen wie Syria Pioneer hunderte von verwackelten Aufnahmen ins Netz stellen oder über Webseiten wie Bambuser per Livestream an den Zensoren vorbei in die Welt hinaus senden.

Während wir uns hier auf der Konsumentenseite also über die Kostenloskultur ereifern und uns im Akronym-Dschungel zwischen ACTA, SOPA und PIPA den Kopf heißreden, ducken sich die Journalisten vor Ort lieber hinter die nächste Mauer – vor den Granaten in Syrien, vor Vergeltungstaten der Kartelle in Mexiko, vor der staatlichen Zensur in China. Die Liste lässt sich beliebig fortführen. Es muss nicht immer ein Spiel um Leben und Tod sein, oftmals reichen schon Zensur und die Androhung von beruflichen und privaten Konsequenzen, um den Berichterstattern einen hohen Preis abzuverlangen. 499 Medien in 68 Ländern wurden alleine 2010 zensiert.

“Freedom is not free”, lautet die Inschrift am Mahnmal für den Koreakrieg in Washington DC. Solange die Verteidigung der Pressefreiheit weiter Opfer fordert, sind auch Informationen nicht umsonst zu haben. Irgendjemand bezahlt irgendwo den Preis dafür. Unser Luxus – für die Verlage, die kassieren und Verbraucher, die klicken – ist es, uns darüber keine Gedanken machen zu müssen.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Martin Eiermann: Besser ohne

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