Ich spare durch Wachstum. Norbert Röttgen

„Die Causa Brender hat mich gefordert“

Intendant Markus Schächter wird sich 2012 vom ZDF verabschieden. Im Interview mit Alexander Görlach erinnert sich der Journalist an die Causa Brender, bestätigt seinen Willen zur Fortführung von “Wetten, dass …?” und skizziert die Herausforderungen des digitalen Wandels für das Fernsehen.

The European: Wenn Sie Ihre Amtszeit einmal Revue passieren lassen: Was hat sich in dieser Zeit am öffentlich-rechtlichen Fernsehen verändert?
Schächter: Das Tempo der Veränderung hat sich verändert. Die digitale Welt bringt mit dem Kampf um neue Plattformen und neue Technologien eine ungeheure Beschleunigung. Auch die Zuspitzung von Nachrichten hat das News-Geschäft in einer Weise verändert, die nicht mehr vergleichbar ist mit der weniger komplexen, weniger kompetitiven Welt noch zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts.

The European: In Ihre Zeit fällt auch die erste Konfrontation des öffentlich-rechtlichen Fernsehens mit den neuen Medien. Würden Sie sagen, dass Sie sich gut auf die digitale Wende eingestellt haben oder haben Sie noch ein paar Dinge, von denen Sie sagen, dass sie unbedingt verwirklicht werden müssen?
Schächter: Fernsehmacher sind für die Zukunft nie ohne Wünsche. Aber eines ist klar: Wir sind weitgehend in der digitalen Welt angekommen. Es wird einerseits noch sehr lange klassisches lineares Fernsehen geben, aber wir können andererseits sagen, dass die digitale Welt nicht ohne uns stattfindet. Jetzt liegt es an uns, die weiteren Beschleunigungen gestaltend mitzugehen. Die nächste Station ist das Hybrid-Fernsehen.

The European: Mit Hybrid meinen Sie, dass man nur noch einen Monitor hat, an dem man dann alles machen kann?
Schächter: Ja, und der Monitor ist nicht mehr im Arbeits- sondern im Wohnzimmer. Mit einer Fernbedienung werden Sie Netz und Schirm bedienen können. Hybrid-Fernsehen – oder HbbTV – wird der nächste Hype. Eine andere Entwicklung geht in Richtung 3D. Da zweifele ich im Moment aber, ob die Forderung, zu Hause mit einer Brille gucken zu sollen, alltagsmediengemäß ist.

„Sogenannte Medien-Häuser haben nur Geschäftsmodelle, kein publizistisches Anliegen“

The European: Hat sich denn der Sendeauftrag durch die digitale Wende weiterentwickelt?
Schächter: Er ist unterscheidbarer geworden. Der Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks heißt: Qualitätspublizistik. Diese komplexe Welt wird diese brauchen, weil der Markt Qualitätsjournalismus nicht mehr wie bisher finanzieren kann. Die Entwicklung am digitalen Markt macht deutlich, dass sogenannte Medien-Häuser nur noch Geschäftsmodelle haben und nicht mehr publizistische Anliegen. Man schaue sich nur einige Funkhäuser an. Dort sagt man: „Wir können uns keinen Informationsbereich mehr leisten, weil er uns Geld kostet.“ Diese Grundsätze des öffentlich-rechtlichen Fernsehens werden deshalb noch wichtiger. Erstens: Das Kerngeschäft der aktuellen Information wird noch bedeutender und braucht beträchtliche Investitionen, wie wir es mit unserem neuen digitalen Nachrichtenstudio getan haben. Zweitens: Die Erklärung der komplexer werdenden Welt braucht mehr Orientierungs- und Hintergrundinformation.

The European: Kann es sein, dass dieser Wandel dazu führt, dass Formate sich überleben und schließlich verschwinden? Ich möchte damit ganz offen auf die „Wetten, dass…?“-Debatte anspielen.
Schächter: Die Schlüssel für eine erfolgreiche Zukunft sind: Marke, Persönlichkeit der Moderatoren und Event. Und insoweit wird man immer schauen, dass man Marken baut und, wenn man sie hat, nicht aufgibt. Natürlich werden wir niemals wieder so wie in den 80er-Jahren alle Schichten und Zielgruppen vereinen. Aber: Man möchte Dinge wie etwa das Heute-Journal um Viertel vor zehn als Taktgeber für die eigene Lebenswelt behalten. Insoweit wird es auch wirkliche Markenformate noch lange weiter geben, „Wetten, dass…?“ gehört dazu.

The European: Verraten Sie mir, wer der Nachfolger von Thomas Gottschalk wird?
Schächter: (lacht) Ich habe mir fest vorgenommen, Ihnen heute alle Namen zu nennen, die wir nicht wollen.

The European: Nehmen Sie die Diskussion, die hinter der Frage der Zukunftsfähigkeit von „Wetten, dass…?“ steht – also inwieweit man heute ein Format aus einer anderen Zeit aufrechterhalten kann – ernst oder nicht?
Schächter: Vor zwölf Jahren haben vermeintliche Fachleute – auch vom Grimme-Institut – gesagt, dass es das Fernsehen à la ZDF nicht mehr lange geben wird. TV sei generell tot, weil das Netz alles mit seiner Dynamik plattzumachen drohte. Heute ist Fernsehen in einem Allzeithoch. Es wurde noch nie seit Beginn der Messungen der GfK so viel ferngesehen wie heute. Also: Lineares Fernsehen ist zukunftsfähig und mit ihm seine Programm-Ikonen.

The European: Ich würde gern auf dieses fiktionale Element zu sprechen kommen. Verändern sich denn das Erzählen und die Bildsprache nicht auch durch das Netz? Meine Lieblingsserie kann ich heute schließlich herunterladen und mir dann zehn Folgen hintereinander anschauen. Das wird über die Zeit meinen Eindruck, was ein gutes fiktionales Programm ist, verändern. Experimentieren Sie in Ihren digitalen Sparten schon damit?
Schächter: Nehmen wir uns einen Moment Zeit für einen Blick über den Tellerrand. In den USA gibt es den Sender HBO. Er ist dort die Nummer 1. Warum? Weil er das qualitativ gute Erzählen wieder erfunden hat. Er erzählt weitgehend in Filmen und Serien, ist erfolgreich durch eine anspruchsvolle Stoffauswahl bei jüngeren und besser gebildeten Leuten. Das muss denen zu denken geben, die meinen, man müsse auf der Suche nach den jungen Leuten nur – wie bei MTV – 20 Schnitte pro Sekunde ansetzen. Bei uns gibt es beides. Es gibt ZDFneo, wo wir erfolgreich neue Formate testen, und es gibt Borgia mit sechs Mal hundert Minuten von den besten Produzenten der Welt für eine Episode der Geschichte, die für das Fernsehen so prall wie substanziell erzählt wird.

„Wir sind Pfadfinder im Auffinden von Lebensformen und von Lebenskonzepten“

The European: Was sagt es eigentlich über eine Gesellschaft aus, wenn Dinge, die aus der Vergangenheit kommen, so einen großen Stellenwert haben und so gut funktionieren? Das haben wir ja auch schon bei Guido Knopp gesehen.
Schächter: Wir freuen uns über einen Erfolg, der darin besteht, dass vor allem junge Leute bei gut gemachten, gut annoncierten Geschichtsstoffen einschalten. Das gilt für Terra X wie auch für Borgia. Für mich entsteht daraus die Gewissheit, dass es ein großes Interesse gibt, lebendig und gut gemacht zu erfahren, was mit meinen Wurzeln zu tun hat.

The European: Inwieweit macht man sich denn bei der Auswahl, beim Aufschreiben und beim Verfilmen fiktionaler Stoffe zu einer Avantgarde? Geht es mehr darum, den größtmöglichen Querschnitt zu erreichen oder die größtmögliche Zufriedenheit bei der größtmöglichen Anzahl der Zuschauer?
Schächter: Es gibt jede Form von Fiction. Es gibt die Evergreens der Sonntagabend-Unterhaltung wie das Traumschiff. Das ist eine gut produzierte Form von Unterhaltung, wie man sie an einem grauen Sonntag im November haben möchte. Und dann gibt es die deutlich größere Zahl unter den 150 jährlich von uns in Auftrag gegebenen Stoffen, wo wir Tendenzen unserer Welt nachspüren und darüber erzählen. Wir sind Pfadfinder im Auffinden von Lebensformen und von Lebenskonzepten, die wir in diesen Spielen umsetzen wollen, ohne dass wir intentional werden. Das „Geschichten erzählen“ ist ein Schlüsselwort von gelingendem Fernsehen.

The European: Das ZDF wurde vor einiger Zeit kritisiert, Kinofilme zu finanzieren, die dann schon so gedreht sein müssen, dass sie für einen Dreiteiler taugen. Regieren Sie den Produzenten zu sehr in ihre Arbeit?
Schächter: Wir arbeiten sehr eng mit den deutschen Produzenten zusammen, weil wir auch hier zu wissen glauben, wo die Besten für welche Stoffe sind; also die besten Autoren, aber auch die besten Produzenten, die besten Produktionsbedingungen für die besten Regisseure. Es gibt ein symbiotisches Verhältnis zu dieser Szene. Denn gleichzeitig wissen wir, dass wir von dort auch Impulse bekommen.

„Die Causa Brender hat mich sehr gefordert“

The European: In welchem Verhältnis stehen denn Sendeauftrag und Quote zueinander?
Schächter: Die Quote ist nicht alles, aber ohne Quote wäre vieles nichts. Insoweit brauchen wir in den Massenmedien schon eine Akzeptanz der Menschen. Und wir müssen auch wissen, wie wir akzeptiert werden. Wir sind aber nicht gezwungen, in jeder Sendung eine Quote zu erreichen, die diese massenmediale Akzeptanz belegt. Unsere Arbeit wird von allen Teilen der Gesellschaft finanziert. Insoweit werden wir uns immer in der Balance zwischen Anspruch und Profil bewegen. Wir müssen hochqualitativ sein und gleichzeitig im Markt bestehen. Es gibt keinen zwingenden Widerspruch zwischen Qualität und Quote. Terra X und Heute-Journal sind gut und erfolgreich. Wenn wir diesen Anspruch aufgeben und die Balance nicht mehr halten, verfehlen wir unseren Auftrag.

The European: Was war die schwierigste Zeit in Ihrer Amtszeit?
Schächter: Es gab immer gute und schwierige Zeiten. Am Anfang waren die finanziellen Herausforderungen mein schwierigstes Thema. Wir hatten aus den 90er-Jahren noch einen Schuldenberg abzutragen und wussten, dass wir politisch erpressbar werden, wenn wir den nicht wegbekommen. Wir haben danach medienpolitisch eine schwierige Zeit gehabt, als es so aussah, als würde uns Brüssel die Tür zur Zukunft versperren. Der Weg zum Kompromiss, an dem wir mitgewirkt haben, war extrem belastend. Die Causa Brender hat mich sehr gefordert. Es gab aber auch großartige Zeiten, in denen wir gemerkt haben, dass unsere Saat aufgeht. 2005 wurde das ZDF erstmalig in der Geschichte der GfK rund um die Uhr zum Marktführer und – was noch wichtiger ist – zum Markt- und Meinungsführer zwischen 19 und 23 Uhr. Also in der Zeit, die zählt, der beste Sender zu sein, ist heute immer noch und wieder eine große Freude. Eine andere Genugtuung: Wir können, raus aus dem Korsett des Einkanalsenders, jetzt neue Überlegungen anstellen: ZDFneo, ZDFinfo, ZDFkultur – das sind Talenthäuser, die die alte Mutter ZDF herausfordern.

The European: Die Personaldebatte Nikolaus Brender war wochenlang in allen Medien. Gehen Sie aus dieser Konfrontation mit Verletzungen raus?
Schächter: Es war keine leichte Zeit, aber wir haben zweierlei erreicht. Erstens: Als Brender gehen musste, haben wir innerhalb kürzester Zeit eine Lösung mit Peter Frey gefunden. Das Haus blieb reaktionsfähig. Zweitens: Wir haben deutlich gemacht, dass diese Art des Umgangs mit unserer Programm- und Personalautonomie Fragen aufwirft, die geklärt werden müssen. Und jetzt ist Karlsruhe dran und das Gericht wird unsere Fragen beantworten.

The European: War die Auseinandersetzung mit der Politik der Grund, warum Sie nach Ende Ihrer Amtszeit als ZDF-Intendant einen Lehrstuhl für Medienethik an der Münchener Hochschule für Philosophie mitbegründen?
Schächter: Nein. Gremienpolitik und Medienethik stehen in keinem unmittelbaren Zusammenhang. Wir wollen über Fragen nachdenken, die die publizistische Welt genauer beantworten muss. Dazu gehört z.B. die Frage, wie Medien in einer dynamischen digitalen Welt aufgestellt sein müssen, um den Anspruch, den sie an andere richten, auch selbst erfüllen zu können. Einen solchen Lehrstuhl gibt es in Deutschland noch nicht. Deshalb freue ich mich, dabei zu sein.

The European: Hat sich denn in den vergangenen Jahren, über die wir gesprochen haben, am Ethos der Journalisten etwas verändert?
Schächter: Die Herausforderungen für den Qualitätsjournalismus werden größer. Dazu kommt die Fast-Gleichzeitigkeit der News mit der Realität, wo doch in der klassischen linearen Welt Sorgfalt vor Zeitdruck, vor Aktualität geht. Da haben sich die Koordinaten verschoben. Die Grundsatzfragen werden sein: Sind wir in der Lage, Qualitätsjournalismus aufrechtzuerhalten? Was sind die Kriterien für Qualitätsjournalismus? Was braucht eine Gesellschaft, die in immer komplexere Entscheidungssituationen kommt, um informiert zu sein?

The European: Transparenz ist in dem Zusammenhang auch ein wichtiger Punkt. Der „Guardian“, die „New York Times“ und auch wir bei The European haben ethische Standards, die auch auf unserer Webseite einsehbar sind. Hat sich die Transparenz im Journalismus durch das Web verändert? Unterliegen wir einem anderen Rechtfertigungsdruck?
Schächter: Transparenz ist einerseits ein Schlüsselwort, andererseits oft ein Totschlagargument. Ich glaube schon, dass Transparenz einen deutlich wichtigeren Stellenwert hat als früher, aber nicht als Richtschnur für die journalistische Qualität. Ich glaube, dass althergebrachte journalistische Tugenden wie der Abgleich mit zwei Quellen, der Unterschied zwischen Bericht und Kommentar genauso wichtig sind wie multimediales vernetztes Denken.

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