Partei gut. Fraktion gut. Glück auf! Franz Müntefering

Prinzip der offenen Tür

In der Politik wurde die Trennung von Privatem und Öffentlichem schon früh aufgegeben. Was jemand wie Christian Wulff beichten soll und was lieber für sich behalten, das kann das Wahlvolk aber recht gut einschätzen.

Man muss schon ziemlich weit zurückgehen, um die Trennung des Privaten vom Öffentlichen zu ergründen. Bereits im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung im Athen des Perikles wird diese Unterscheidung getroffen, um unterschiedliche Lebensweisen zu beschreiben: Der Kern des Privaten ist der „oikos“, der Kern des Öffentlichen die „agora“. Und seit dieser Zeit zeichnen sich Gesellschaften dadurch aus, über diese Begriffe und deren Koordinationen zu verhandeln und zu streiten. Auch bei uns haben nicht zuletzt die sozialen Medien die Koordinaten verschoben: Was wir früher abgeschlossen und als Privatsache unter Verschluss hielten, geben wir heute bereitwillig der Öffentlichkeit und einem großen Kreis von „Freunden“ preis. Die Politik hat sich diesem Trend bereits früher verschrieben.

Alles für die Karriere

Für ihre Karriere haben manche Politiker schon früh die Türen ihrer Häuser für die Medien geöffnet und gemeinsam eine optimierte Dramaturgie ihres Privatlebens inszeniert. Christian Wulff tat das, viele andere erfolgreiche Politiker nicht. Die Bilder von heute sind aber morgen schon wieder alt. Das ist das Prinzip des Boulevard-Journalismus: Geschichten müssen in Fortsetzungen erzählt werden. Deshalb fordern die Medien schon bald wieder neue Bilder und Informationen aus dem Privatleben. Politiker können dieses Spiel mitspielen, denn beiden Seiten profitieren: Publizität gegen Auflage lautet die Währung.

Was sich aber verändert hat, sind die Erwartungen der Öffentlichkeit an diese Bilder. Die Öffentlichkeit ist – geprägt durch neue Medienformate, durch Doku-Soaps und Scripted Reality – weitgehend schmerzloser und unsensibler geworden, was den Schutz der Privatsphäre betrifft. Wir Zuseher sind bei so hochprivaten Entscheidungen wie der Partnerwahl live und öffentlich vor dem Fernseher dabei. Das Argument, dass diese mediale Realität dramaturgisch optimiert und inszeniert ist, spielt dabei keine Rolle: Viele Zuseher treffen diese Unterscheidung nicht und verbinden die individuelle mit dieser medialen Realität. So ist zumindest der öffentliche Eindruck.

Sag mir wer dich bezahlt und ich sage dir, was ich von dir halte

Gehen wir aber etwas in der Zeit zurück und betrachten eine Umfrage des Allensbacher Instituts für Demoskopie aus dem Juni des vergangenen Jahres, also noch nicht beeinflusst durch die Wulff-Affäre, zeigt sich, dass wir eigentlich sehr gut differenzieren können, was wir aus der Privatsphäre von Politikern wissen wollen und sollen: 90 Prozent sind der Ansicht, dass die Öffentlichkeit von Nebentätigkeiten von Politikern in Unternehmen und Verbänden wissen sollte, 82 Prozent fordern eine Offenlegung von Nebeneinkünften. Ganz am Ende der Skala finden sich Informationen über Beziehungen, Sexualität, Scheidungen, uneheliche Kinder oder Ehekrisen. Wenn die Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Raum aber aufgehoben werden, wenn Politiker also versuchen, aus ihrem privaten Glück auch politischen Erfolg zu erringen, ändern sich die Reaktionen: Wer seine Privatsphäre aktiv medialisiert, muss auch damit rechnen, dass seine Privatsphäre von anderen Akteuren medialisiert wird.

Öffentlichkeit und Privatsphäre sind weder abgeschlossene Sphären noch sind sie statisch oder antagonistisch. Was privat bleiben soll, was öffentlich werden muss, bedarf einer ständigen Neuaushandlung im Lichte gesellschaftlicher Entwicklungen. Soziale Medien haben diese Sphären verschoben, wir haben aber im Zuge dieser Revolution vergessen, Privatheit und Öffentlichkeit neu zu definieren. Das gilt nicht nur für die Politik oder die Rolle von Politikern, sondern für uns alle.

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