Europa hat viele Väter und Mütter. Johannes Rau

Vogelfrei auf dem Parkett

Der Mikroblogging-Service möchte sich lieber Kapital bei einem Börsengang besorgen, als an ein Großunternehmen wie Google oder Microsoft zu verkaufen. Dabei ist Eile geboten. Denn wenn Twitter erst einmal Geld verdient, dann ist die Firma viel weniger wert als heute.

Twitter will an die Börse. “Ein Börsengang könnte zu einem gewissen Zeitpunkt eine Option sein”, unkt der Mitgründer Biz Stone. Der Zeitpunkt wäre günstig. Die Nutzerzahlen wuchsen dieses Jahr explosionsartig, allein in Deutschland laut Bitkom um 2.500 Prozent, wodurch Twitter angeblich eine Milliarde Dollar wert ist. Der Jahresumsatz soll sogar bei vier Milliarden Dollar liegen, schrieb die spanische Wirtschaftszeitung El Economista. Das wäre doppelt so viel, wie der Autovermieter Sixt mit 2.000 Angestellten erwirtschaftet.

Doch wenn die Zahlen so gut aussehen, dann sind sie meistens falsch oder beruhen auf haarsträubenden Hochrechnungen. So auch bei Twitter. El Economista hatte Millionen mit Milliarden verwechselt und die Milliarde Unternehmenswert beruht auf Gerüchten vom September, als Twitter wieder Risikokapital aufnahm und die Investoren ihren Anteil bewerten mussten. Dafür verwendeten sie angeblich dieselbe Methode wie bei Facebook, das 15 Milliarden Dollar wert sein soll.

Rational lassen sich solche Zahlen kaum begründen. Es sind Wetten, die erst eingelöst werden, wenn ein Börsengang stattfindet. Selbst die kolportierten Umsätze sind nicht offiziell. Im Mai hatte ein Hacker einige E-Mail-Accounts bei Twitter gekapert und interne Dokumente an das Technik-Blog TechCrunch übergeben. Dort stand, dass Twitter für 2009 einem Umsatz von 4 Millionen Dollar erwartet. Diese Pläne hat der Twitter-COO Dick Costolo nach oben korrigiert, weil Google und Microsoft neuerdings Geld dafür zahlen, dass Twitter-Nachrichten schnell in ihren Suchmaschinen erscheinen. Genaue Zahlen nennt Costolo aber nicht.

Bisher keine Werbung

Man fragt sich, wie Twitter bisher überhaupt etwas verdiente. Auf Werbung wurde weitgehend verzichtet, doch 2010 soll es damit losgehen. Twitter will ein Anzeigengeschäft aufbauen, das “sehr untraditionell” sein wird und “richtig cool”. Erste Nutzer sind daher bereits besorgt, dass diese Werbung in ihre Twitter-Botschaften eingebaut wird, Dick Costolo schloss das bei seinem letzten Konferenzauftritt nicht aus. “Gebt mir werbefreie Konversationen oder gebt mir den Tod”, überschrieb der TechCrunch-Autor Paul Carr seine Antwort darauf. Der Text beschreibt eine neue Generation von “Marketing-Huren”, die ihren Lebensunterhalt damit bestreiten, Werbebotschaften in ihre täglichen Tweets einzustreuen.

Der Kanadier John Chow bekommt 200 Dollar von M&M, wenn er seinen 50.000 Followern mitteilt, wo sie die Schokolinsen mit eigenen Sprüchen und Gesichtern bedrucken können. Bisher war Twitter wie eine Cocktail-Party, wo man mit Leuten redet, denen man vertraut. Sobald jemand dieses System missbraucht, bricht es zusammen, warnt Carr. Andere Nutzer fühlen sich jetzt schon an eine öde Messeparty erinnert: zu voll, zu kommerziell und zu viel Eigeninteresse. Jeder posaunt nur seine Nachricht hinaus, ein Dialog findet kaum noch statt.

Mehr wert ohne Umsatz

Deshalb erscheint der jüngste Rückgang bei Twitter kaum verwunderlich. Um 27,8 Prozent sind die Nutzerzahlen von September bis Oktober eingebrochen, melden die Marktforscher von Nielsen, aber ohne die zunehmende Nutzung auf dem Handy oder mit spezieller Software zu berücksichtigen. Dennoch sollte Twitter sich beeilen. Wenn das Unternehmen erst einmal Geld verdient, wird es viel schwerer, einen hohen Preis an der Börse zu erzielen. Dann wird der Wert von Twitter nämlich aus den Umsätzen berechnet wie bei den meisten Firmen. Im Moment wären das höchstens 20 Millionen Dollar, aber keine Milliarde.

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