Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Ludwig Wittgenstein

„Ich hatte ein Déjà-vu“

Das neuerliche Datenleck bei Holtzbrincks VZ-Gruppe macht stutzig – der vierte öffentlich bekannt gewordene Fall innerhalb eines Jahres. Sind die Berliner unprofessionell? Netzpolitik-Blogger Markus Beckedahl rät: Mails lesen und beantworten ist gut für das Image.
Das Interview führte Oliver Scheiner.

The European: Das ist jetzt der vierte öffentlich bekannt gewordene Fall massenhaften Auslesens von Nutzerdaten bei der VZ-Gruppe. Was ist da los? Wieso passiert das bei denen so häufig?
Beckedahl: Im vergangenen Jahr gab es ja drei bekannt gewordene Fälle innerhalb weniger Tage. Die VZ-Gruppe hat daraufhin Besserung gelobt und mehr Maßnahmen zum besseren technischen Schutz angekündigt. Aber anscheinend haben sie nicht so viel aus den Vorfällen gelernt. Beim aktuellen Fall gab es für mich ein Déjà-vu: Wie im Herbst hat sich diesmal wieder ein junger Entwickler an SchülerVZ gewandt, um sie auf ein Problem hinzuweisen. Und wieder sind die Mails nicht beantwortet worden und erst, als wir darauf aufmerksam machten und öffentlichen Druck erzeugten, wurden schnell neue Maßnahmen angekündigt und Besserung gelobt. Dazu muss man sagen, dass wohl alle Social Networks mit Crawlern massenhaft ausgelesen werden können. Aber SchülerVZ hat eine besondere Verantwortung, weil dort Minderjährige miteinander kommunizieren.

The European: Die Verantwortlichen haben bei der ersten Warnung durch einen Studenten nicht reagiert. Erst als Ihr Blog Netzpolitik.org auf die Sicherheitslücke aufmerksam gemacht hat, reagierte man. Arbeiten die bei der VZ-Gruppe unprofessionell?
Beckedahl: Das kann ich nicht beurteilen, aber die Häufung lässt mich schon wundern. Vielleicht tritt ja jetzt ein Wandel ein: Mails lesen und beantworten ist gut für das Image.

Die VZ-Gruppe verspricht: Deine Daten werden bestmöglich beschützt

The European: Ist es nicht so, dass die betreffenden Daten ohnehin öffentlich zugänglich sind?
Beckedahl: Dass SchülerVZ-Daten frei öffentlich zugänglich sind, ist mir neu. Auf der SchülerVZ-Webseite wird versprochen : “Darauf kannst du dich verlassen: Deine persönlichen Daten sind auf unseren Servern (den Speicherorten für diese Daten) bestmöglich geschützt. Sie können z. B. nicht von Suchmaschinen wie Google ausgelesen werden und tauchen somit nicht außerhalb von SchülerVZ auf.” Bei mir sind 1,6 Millionen Datensätze aufgetaucht, und das hätten auch noch mehr Datensätze werden können.

The European: CEO Clemens Riedl sprach in einer Stellungnahme von einem Verstoß gegen die AGB und dass der Kopierschutz von öffentlich zugänglichen Daten ein Katz-und-Maus-Spiel sei. Wie bewerten Sie diese Erklärungsversuche?
Beckedahl: Offensichtlich hat man nicht genug in die Sicherheit der Daten von meist minderjährigen Nutzern investiert. Nach den Vorfällen im Herbst angekündigte Schutzmaßnahmen sind gar zurückgenommen worden. Natürlich versucht SchülerVZ den Vorfall herunter zu reden und natürlich ist das kein richtiger Hackangriff gewesen, sondern lediglich eine wissenschaftliche Untersuchung. Da kann man von Glück reden, dass der aufdeckende Entwickler ein wissenschaftliches Interesse hatte und keine kriminelle Motivation.

Besser mal Mails lesen

The European: Bei TÜV und auch bei Öko-Test erhielt die VZ-Gruppe in Sachen Datenschutz kürzlich sehr positive Bewertungen – deutlich besser als vergleichsweise der große US-Konkurrent Facebook. Wie erklären Sie sich das?
Beckedahl: Da wurden ja weitgehend nur die Datenschutzbestimmungen untersucht, die die Angebote der VZ-Gruppe von denen der US-Konkurrenz positiv unterschieden. Aber Datenschutzbestimmungen sind das eine, Datensicherheit etwas anderes.

The European: Was muss die VZ-Gruppe tun, um diesem Risiko vorzubeugen?
Beckedahl: Das Mindeste ist, jetzt mehr in Datensicherheit zu investieren und zukünftig mal besser Mails zu lesen und auf gut gemeinte Hinweise zu reagieren.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Tom Chatfield: „Originalität ist ein ziemlich absurdes Konzept“

Leserbriefe

Weitere Gespräche

„Entweder Sozialdemokratie oder Barbarei“

Big_a52e711797

Die SPD feiert ihr 150-jähriges Bestehen und hat doch jede Menge Probleme. Uwe Knüpfer, ehemaliger Chefredakteur des „Vorwärts“, spricht mit Sebastian Pfeffer über die Bedeutung der Sozialdemokratie gestern, heute und morgen.

Small_7b99c1267e
mit Uwe Knüpfer
22.05.2013

„Hinter Barbie steckt ein unglaublicher Markt“

Big_ff84ce6aef 5

Der Kampf um die Kinderzimmer ist in vollem Gang. Julia Korbik sprach mit der Gender-Forscherin Stevie Schmiedel über die Pinkifizierung, früh eingeimpfte Rollenbilder und das umstrittene Barbie Dreamhouse in Berlin.

Small_1a6a0fa738
mit Stevie Schmiedel
18.05.2013

Mehr zum Thema: , Google, Datenschutz

Kolumne

Medium_45c47f9584
von Gunnar Sohn
15.05.2013

Kolumne

Medium_2ca282d64b
von Lars Mensel
05.04.2013

Kolumne

Medium_8b51830bda
von Stefan Andersen
28.02.2013
meistgelesen / meistkommentiert