Die FDP existiert nur noch als aufblasbare Attrappe. Heribert Prantl

Machen statt tweeten

Die gesellschaftliche Akzeptanz neuer Technologien erfolgt in Wellen der Paradoxie. Wir lieben unsere Friends und Follower, aber wir haben zugleich oft das Gefühl, dass das ständige Posten, Updaten und Twittern Züge unkontrollierten Suchtverhaltens annimmt.

Maschinenstürmerei allerorten: Frank Schirrmachers neues Buch erklärt, “warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen”. Die amerikanische Lifehacking-Bewegung tauscht schon länger Tipps aus, wie wir angesichts des Always-on der neuen sozialen Medien einen Rest an selbstbestimmter Zeit retten können. Manche ihrer Autoren wie Timothy Ferriss oder David Allen verkaufen ihre Bücher millionenfach. Gina Trapani, Journalistin, Programmiererin und Gründungsredakteurin der populärsten Website zum Thema, Lifehacker.com, hält mindestens einen Tag pro Wochenende computerfrei: “Ein Hoch auf den Abwesenheitsassistenten des E-Mail-Programms.”

Eine Frage der Konzentration

Es geht bei alldem um das richtige Verhältnis von Ablenkung und Konzentration. Wie viel Zeit brauchen wir, um produktiv und kreativ zu sein? Um jene Dinge zu verfolgen, die uns wirklich wichtig sind? Und was müssen wir aufgeben, einschränken oder abschaffen, um die Ressourcen zu haben, etwas Neues zu schaffen? Nützt eher viel Kommunikation und Input, um auf neue Gedanken zu kommen? Oder brauchen wir dazu vor allem: Ruhe, vielleicht sogar Einsamkeit? Über diesen Zusammenhang von Kreativität, Austausch und Kontemplation habe ich in meinem Buch “Morgen komm ich später rein” einige spannende Studien zitiert, aber die Sache ist für mich immer noch nicht ganz geklärt.

Nehmen wir den Microblogging-Dienst Twitter. Anfangs war ich, so wie viele, skeptisch: Geplapper? Zeitverschwendung? Noch ein Input-Kanal, den ich verarbeiten muss? Inzwischen vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht mindestens einen “Tweet” absetze. Jeder Morgen beginnt bei mir an der Espressomaschine mit dem Check, was jene Menschen, denen ich in anderen Zeitzonen “folge”, über Nacht getwittert haben. Natürlich habe ich – ebenfalls nach anfänglichem Zögern – auch einen Facebook-Account.

Klingt schrecklich unkonzentriert und zeitaufwendig? Ja und nein. Einerseits besteht so ein Tweet ja aus maximal 140 Zeichen, ist also schnell formuliert. Und ich habe inzwischen mehr als 500 “Follower”, die offenbar interessiert, was ich da verfasse. Gleichzeitig reduziert der “soziale Filter” jener Menschen, deren Tweets ich lese, von denen ich mir also gern neue Themen empfehlen lasse, ja auch Komplexität: Wenn eine Nachricht für mich wichtig ist, wird sie mich finden, wie Wired-Chefredakteur Chris Anderson zu Recht sagt.

Online- Entzug

Andererseits ist diese meist ungezielt mäandernde Onlinekommunikation per Definition das Gegenteil effizienter Produktivitätsoptimierung. Auf Facebook schaue ich inzwischen – ganz ehrlich – nur noch vorbei, wenn ich dort eine Nachricht beantworte. Meinen Twitter-Client schalte ich aus, wenn ich arbeite – dasselbe mit dem E-Mail-Programm zu tun, schaffe ich noch nicht. Man muss ja Ziele haben.

Was diese angeht, empfehle ich, es mit Merlin Mann zu halten, einem heldenhaften Apologeten des Kampfes gegen die Zerstreuung. Er polemisiert seit Jahren auf seinem Blog 43folders gegen die allgegenwärtige Versuchung, beschäftigt zu tun, aber nichts zu schaffen: “Einer Facebook-Gruppe über kreative Produktivität beizutreten ist so, als würde man einen Stuhl kaufen, um zu joggen,” sagte Mann. Sein Rat: “Sobald Sie es geschafft haben, Ihre Zeit zurückzustehlen und Ihre Aufmerksamkeit in den Griff bekommen haben, nutzen Sie beides, indem Sie fantastische Dinge produzieren.” Genau so ist es.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Dorothee Bär, Max A. Höfer, Christoph Koch.

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