Maschinenstürmerei allerorten: Frank Schirrmachers neues Buch erklärt, “warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen”. Die amerikanische Lifehacking-Bewegung tauscht schon länger Tipps aus, wie wir angesichts des Always-on der neuen sozialen Medien einen Rest an selbstbestimmter Zeit retten können. Manche ihrer Autoren wie Timothy Ferriss oder David Allen verkaufen ihre Bücher millionenfach. Gina Trapani, Journalistin, Programmiererin und Gründungsredakteurin der populärsten Website zum Thema, Lifehacker.com, hält mindestens einen Tag pro Wochenende computerfrei: “Ein Hoch auf den Abwesenheitsassistenten des E-Mail-Programms.”
Eine Frage der Konzentration
Es geht bei alldem um das richtige Verhältnis von Ablenkung und Konzentration. Wie viel Zeit brauchen wir, um produktiv und kreativ zu sein? Um jene Dinge zu verfolgen, die uns wirklich wichtig sind? Und was müssen wir aufgeben, einschränken oder abschaffen, um die Ressourcen zu haben, etwas Neues zu schaffen? Nützt eher viel Kommunikation und Input, um auf neue Gedanken zu kommen? Oder brauchen wir dazu vor allem: Ruhe, vielleicht sogar Einsamkeit? Über diesen Zusammenhang von Kreativität, Austausch und Kontemplation habe ich in meinem Buch “Morgen komm ich später rein” einige spannende Studien zitiert, aber die Sache ist für mich immer noch nicht ganz geklärt.
Nehmen wir den Microblogging-Dienst Twitter. Anfangs war ich, so wie viele, skeptisch: Geplapper? Zeitverschwendung? Noch ein Input-Kanal, den ich verarbeiten muss? Inzwischen vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht mindestens einen “Tweet” absetze. Jeder Morgen beginnt bei mir an der Espressomaschine mit dem Check, was jene Menschen, denen ich in anderen Zeitzonen “folge”, über Nacht getwittert haben. Natürlich habe ich – ebenfalls nach anfänglichem Zögern – auch einen Facebook-Account.
Klingt schrecklich unkonzentriert und zeitaufwendig? Ja und nein. Einerseits besteht so ein Tweet ja aus maximal 140 Zeichen, ist also schnell formuliert. Und ich habe inzwischen mehr als 500 “Follower”, die offenbar interessiert, was ich da verfasse. Gleichzeitig reduziert der “soziale Filter” jener Menschen, deren Tweets ich lese, von denen ich mir also gern neue Themen empfehlen lasse, ja auch Komplexität: Wenn eine Nachricht für mich wichtig ist, wird sie mich finden, wie Wired-Chefredakteur Chris Anderson zu Recht sagt.
Online- Entzug
Andererseits ist diese meist ungezielt mäandernde Onlinekommunikation per Definition das Gegenteil effizienter Produktivitätsoptimierung. Auf Facebook schaue ich inzwischen – ganz ehrlich – nur noch vorbei, wenn ich dort eine Nachricht beantworte. Meinen Twitter-Client schalte ich aus, wenn ich arbeite – dasselbe mit dem E-Mail-Programm zu tun, schaffe ich noch nicht. Man muss ja Ziele haben.
Was diese angeht, empfehle ich, es mit Merlin Mann zu halten, einem heldenhaften Apologeten des Kampfes gegen die Zerstreuung. Er polemisiert seit Jahren auf seinem Blog 43folders gegen die allgegenwärtige Versuchung, beschäftigt zu tun, aber nichts zu schaffen: “Einer Facebook-Gruppe über kreative Produktivität beizutreten ist so, als würde man einen Stuhl kaufen, um zu joggen,” sagte Mann. Sein Rat: “Sobald Sie es geschafft haben, Ihre Zeit zurückzustehlen und Ihre Aufmerksamkeit in den Griff bekommen haben, nutzen Sie beides, indem Sie fantastische Dinge produzieren.” Genau so ist es.



















Interessanter Aspekt: …der soziale Filter…! Eine schöne Perspektive um den Sprung von der Informations- zur Wissensgesellschaft zu betrachten. Die verfügbaren Informationen sind schier grenzenlos (sowohl quantitativ als auch räumlich). Erst durch einen Filter werden diese Informationen zu Wissen. Und dieser Filter muss nicht ich selbst sein. Wie bei »The European«: Nachrichten bekomme ich überall – die Frage ist: Was bedeuten sie für mich? Welchen Einfluss haben sie auf meine/unsere Lebenswirklichkeit? Also “filtern” nicht nur im Sinne von “aussuchen”, sondern vielmehr auch im Sinne von “interpretieren”.
Und bei Twitter ist es wie bei allen Kanälen/Werkzeugen/Suchtmitteln: Man muss selbst die Zügel in der Hand behalten – Grenzen ziehen und den Nutzen für sich selbst definieren. Auch zuviel Schokolade ist ungesund…
_peterroth
War es denn nicht schon immer so, dass wir einem kontinuierlichen Strom von Informationen ausgeliefert waren und es an unserem Intellekt lag, diese Daten zu interpretieren und auszuwerten, um daraus Rückschlüsse, Erkenntnisse und Wissen zu ziehen? Egal, ob damals die Bibel oder der Koran gelesen wurde, wir Fernsehen geschaut haben, Radio gehört haben oder die Tageszeitung in der Bahn gelesen haben…. immer waren einige in der Lage das Geschriebene oder Gesagte zu hinterfragen und andere haben es einfach akzeptiert. Der einzige Unterschied zu heute ist, dass der Strom an Informationen viel schneller und aus unzähligen Quellen mehr sprudelt, die wir ALLE füttern können. Insofern ist es soziologisch und politisch extrem interessant zu betrachten, was dieses “Wisdom of the crowds” im Gegensatz zu dem gestrigen “Wisdom of a few writers, journalists and TV producers” in der Lage ist zu verändern. In jedem Fall wird die Auslese und Interpretation für uns alle komplexer und die Möglichkeiten zur Täuschung leichter. Obacht ist daher geboten aber ich denke die positiven Vorteile die durch mündige Bürger und den rasanten Informationsaustausch über Twitter, Facebook & Co entstehen überwiegen bei Weitem. Der nicht abebbende Strom an Informationen bei Twitter und Facebook ist letztendlich wie die Medienlandschaft selbst…. Man wird die ein oder andere Sendung, Tageszeitung, Tweets oder Posts verpassen… wichtig ist, dass man sich dadurch nicht stressen lässt und lernt damit umzugehen. :-)