Berlusconi benutzt Statistiken wie ein Betrunkener den Laternenpfahl: als Stütze, nicht zur Erleuchtung. Romano Prodi

Der schleichende Tod

Der Beginn des neuen Jahrtausends ist das Ende des deutschen Gewerkschaftswesens. Denn die Gewerkschaften liegen auf dem Sterbebett. Und daran haben sie selbst genügend Anteil.

Nein, die Demonstranten in Berlin und Frankfurt werden Banken weder okkupieren noch reformieren. Trotzdem gehen sie weiter auf die Straße, um ihr Klagelied gegen die Mechanismen des internationalen Finanzkapitalismus anzustimmen. Und dabei erweist sich selbiges – wenn auch unintendiert – zugleich als Abgesang auf die deutschen Gewerkschaften.

Zeigen doch die Unmutsbekundungen der selbsternannten 99 Prozent der Nation auf, wie marginalisiert die organisierten Vertreter von Arbeit sind – und dies nicht nur bei den jetzigen Protesten. Die deutschen Gewerkschaften, drücken wir es doch so drastisch aus, liegen auf dem Sterbebett. Gevatter Tod kam dabei schleichend und erhielt noch eine helfende Hand.

Tödlicher Strukturwandel

Der Bedeutungsverlust der Gewerkschaften hat dabei nicht wesentlich mit der Zunahme von Leiharbeit im Allgemeinen und prekärer Beschäftigung im Besonderen zu tun, sondern ist vornehmlich einem weit tiefgreifenderen Makrotrend geschuldet: der Entwicklung von der Produktions- zur Dienstleistungsgesellschaft. So waren 2010 fast drei Viertel der Arbeitnehmer im Dienstleistungssektor beschäftigt. Nur noch knapp ein Viertel aller Erwerbstätigen arbeitete hingegen im produzierenden Gewerbe.

Heißt im Klartext: Auf jeden Autobauer kommen mittlerweile drei Grafik-Designer. Und die sind meist komplett als Freiberufler unterwegs oder wandern als Wissens- und Know-how-Nomaden (Rosabeth Kanter) von einem Projekt zum nächsten. Gewerkschaft? Überflüssig!

Den Rest haben die Gewerkschaften selbst dazugetan. Bestes Beispiel: Das von der FAS ans Licht gebrachte „System Opel“. Denn beim so geplagten Autobauer sind Betriebsräte über Jahre hinweg nicht nur systematisch mit Lohnzuschlägen beglückt worden, sondern mussten dafür noch nicht einmal getane Arbeit nachweisen. Über die rechtliche Zulässigkeit einer solchen Konstruktion mögen Juristen streiten. Über die ethische Dimension gibt es kaum zwei Meinungen …

Selbst gewählte Sterbehilfe

Ist es daher verwunderlich, dass den Gewerkschaften auch in jenen Zweigen die Mitglieder davonlaufen, wo sie sich allerlei Verdienste erworben haben? Wohl kaum. Werden sie doch zunehmend als Unternehmen im Unternehmen angesehen, bei denen die kollektiven Interessen der Belegschaft stets hinter dem eigenen Macht- und Einflussstreben einer sich verselbstständigenden Betriebratselite hintanstehen.

Und so steht Opel-Betriebsratschef Klaus Franz nicht nur buchstäblich für jene Form der moralischen Korruption, sondern ebenso sinnbildlich für die selbst gewählte Sterbehilfe des deutschen Gewerkschaftswesens …

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Mark T. Fliegauf: Das magische Feuer

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