Ein Blitzableiter auf einem Kirchturm ist das denkbar stärkste Mißtrauensvotum gegen den lieben Gott. Karl Kraus

Ach Henryk

Unser Autor hat Mitleid mit Henryk Broder. Denn Broder ist kein wirklicher Rassist – lediglich ein schamlos-dreister Opportunist.

Ich habe Mitleid mit Henryk Broder. Denn es muss wehtun, sein eigenes Gedankengut im Manifest eines rechtsradikalen Terroristen zu finden, der nicht weniger als 77 Menschen abgeschlachtet hat. Nicht nur deshalb stimme ich Broder zu, dass wir – bei aller Unfassbarkeit der Tat – differenzieren müssen. Auch wenn diese Aufforderung nicht einer ungewollten Ironie entbehrt. Stammt sie doch aus dem Munde eines Mannes, der den Großteil seiner Laufbahn darauf aufgebaut hat, undifferenziert auf Andersdenkende einzuhämmern:

Welcher nicht nur stets das breite Spektrum linker Meinungen über einen Kamm schert, sondern auch die Trennung von Islam und Islamismus für überflüssig hält sowie sich – selbstverständlich reflektiert – an der Einsicht ergötzt, dass „1,3 Milliarden Muslime in aller Welt … chronisch zum Beleidigtsein und unvorhersehbaren Reaktionen neigen.“ Und der beinahe jede Form von Israel-Kritik mit dem Stigma des Antisemitismus behaftet und so mundtot zu machen sucht. Lassen Sie es uns dennoch tun …

Breivik & Broder

Anders Breivik hat aus einem Antrieb gehandelt: Er wollte die scheinbare Islamisierung Europas aufhalten. Denn dem journalistisch-politischen Komplex, durchzogen von Linksliberalität und Multikulturalismus, fehle dazu offensichtlich die Kraft. Die Politik könne und wolle das Abendland vor den hereinbrechenden Muslimen nicht schützen. Und so führt Breivik an, er sei grundsätzlich gar kein Gegner der Religion an sich, „sondern ein Kritiker der europäischen Appeasement-Politik gegenüber dem Islam“. Darum hat er sich nicht Islamisten, sondern Sozialdemokraten zum Ziel genommen.

Doch stopp! Das Zitat stammt gar nicht von Breivik, sondern von niemand anderem als Broder. Denn dieser empfindet die islamischen Kolonnen in Berlin, Paris und London als so unzumutbar, dass er am liebsten die Flucht ergreifen würde. Allein das Alter hält ihn angeblich davor zurück nach Ozeanien auszuwandern, und so muss er weiter die von ihm perzipierte islamische Vergewaltigung seines Kontinents mit ansehen. Dabei hat Broder „ja auch kein Problem mit der Migration an sich. Die Debatte ist konzentriert auf die Moslems. Und das hat Gründe, die in der Kultur liegen, die sie mit in die Bundesrepublik gebracht haben. Dass wir diese Probleme mit Chinesen nicht haben, nicht mit Vietnamesen, mit Thailändern und Japanern, das sagt doch schon alles “.

Nein, Henryk Broder hat mit Sicherheit nicht den Amoklauf Breiviks veranlasst. Gesinnungsbrüder sind sie trotzdem, weil beide ihre Umwelt in ein Schmitt’sches Freund-Feind-Schema unterteilen, welches Broders Verteidiger ausgerechnet seinen Kritikern unterstellt. Und in dieser zweigeteilten (Schein-)Welt von Gut und Böse befinden wir Europäer uns im Überlebenskampf. Weshalb Broder zum Federhalter greift – während sich Breivik stattdessen Glock und Ruger bediente.

Rassist & Opportunist

Und dennoch trennen Anders Breivik und Henryk Broder Welten voneinander. Weil der debile Norweger vom Glauben an die Sache getrieben wurde, sein kühl berechnendes Berliner Pendant dagegen den „Kampf der Kulturen“ – ebenso wie jetzt Breiviks Manifest – nur als Mittel zur Selbstdarstellung nutzt. So dienen Islamophobie und europäische Untergangszenarien als Vehikel einer journalistischen Tätigkeit, die über Jahrzehnte im Wesentlichen auf drei Säulen ruhte: beleidigen, verleumden und denunzieren. Immer unter dem Deckmantel der vermeintlich „schonungslosen“ Satire …

Das mag schamlos sein. Aber dürfen wir Broder tatsächlich vorwerfen, dass er auf diese Weise eine übersteigerte Geltungssucht befriedigt, die augenscheinlich negativ mit dem eigenen intellektuellen Potenzial korreliert? Denn immerhin hat er sich so von den „St. Pauli Nachrichten“ zu „Tagesspiegel“ und „Welt“ emporgepoltert – eine preisverdächtige Leistung, wie nicht nur Helmut Markwort findet. Daher kann der mittlerweile im „Bürgertum“ beheimatete Broder sehr wohl zwischen seinesgleichen und rassistischen Radikalen wie Breivik unterscheiden, um wenige Zeilen später selbige Differenziertheit – zwischen „Mainstream“- und radikalem Islam – wieder fallenzulassen. Nur darauf ansprechen sollten wir ihn besser nicht, weil sonst die Broder’sche Keule aus „Stasi und Waffen-SS“ auf uns einzuschlagen droht …

Anders Breivik ist ein Rassist. Henryk Broder ein Opportunist. Beide sind ganz arme Würstchen … Mitleid!

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