Zu Guttenberg will sie loswerden, Westerwelle auch. Den Grünen war sie von jeher suspekt, der SPD ist sie es geworden. Die Wehrpflicht hat so gut wie ausgedient – nur begründen kann (oder besser: will) dies keiner. Auch Lars Klingbeil lässt in seinem Beitrag gekonnt die Frage offen: Warum braucht Deutschland eigentlich eine Berufsarmee?
Aus Kostengründen, wie sie der Verteidigungsminister heranzieht, jedenfalls nicht. Denn zwar fällt durch die Verkleinerung der Truppe ein deutlicher Teil an Lohnausgaben weg. Bei den Umstellungen in anderen NATO-Staaten wurden jene eingesparten Gelder aber zumeist in den Erwerb (und die Entwicklung) von hochmodernem Gerät gesteckt. Somit profitieren aller Voraussicht nach EADS, ThyssenKrupp und Rheinmetall weit mehr als der Bundeshaushalt von einer möglichen Transformation. Zumal der Umbau zur Berufsarmee vor allem eines ist: die Privatisierung der Bundeswehr, im Zuge welcher – ganz nach amerikanischem Vorbild – immer mehr Dienste an private Unternehmen ausgelagert werden.
Politisches Spiel mit dem Leben unserer Soldaten
Was keiner aussprechen will: Dem politischen Berlin dient das Ende der Wehrpflicht als reiner Selbstzweck! Denn eine Armee, die aus den Augen und dem Sinn der Bundesbürger schwindet und zu der die meisten Mittelstandsfamilien jeglichen Bezug verlieren, lässt sich geräuschloser und ohne breite öffentliche Diskussion zu Militäroperationen entsenden. Und so werden mittelfristig mehr Bundeswehrsoldaten in mehr Krisenregionen ihren Helm hinhalten müssen, um – nach offiziellem Sprachgebrauch – “die Sicherheit Deutschlands” zu verteidigen.
Die Bundeswehr wird somit zum Jeton im sicherheitspolitischen Elitenpoker des Dreiecks London, Washington und Berlin zweckentfremdet. Die Leidtragenden werden die Soldaten sein; leichtfertig entsandt in den Kampf für eine fragwürdige Sache und ums eigene Überleben. Schon jetzt ist die Bundeswehr ein Quasi-Berufsheer, das sich überwiegend aus Vertretern eines ostdeutschen Prekariats zusammensetzt und am Hindukusch einen Krieg ausficht, dessen Unterstützerkreis sich mittlerweile auf die Berliner Parteizentralen und die Redaktionsräume der Frankfurter Allgemeinen Zeitung begrenzt.
Berufsarmeen verzeichnen mehr Gefallene
Erich Maria Remarque erklärte 1963: “Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg, bis ich herausfand, dass es welche gibt, die nicht hingehen müssen.” Von denjenigen, die sich vertraglich verpflichten im Ernstfall zu kämpfen, kann man keine Empörung über ihre Entsendung erwarten. Von allen anderen schon? Auch wenn sie keinerlei Beziehungen, keinerlei Verbindung zu dieser gesellschaftlichen “Randgruppe” besitzen?
Schon jetzt sterben deutsche Soldaten. Sie sterben leise. In den Worten einer Witwe: “Mein Mann kommt im Zinksarg heim, und kein Mensch schert sich darum.” Nach der Umstellung auf eine Berufsarmee werden noch mehr sterben. Denn im Gegensatz zu Guttenbergs, Westerwelles und Klingbeils (Schein-)Argumenten ist ein Faktum zweifelsfrei nachgewiesen: Demokratische Berufsheere verzeichnen mehr Gefallene als Wehrpflichtarmeen.
Leserbriefe
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Dem Artikel ist gleich mehrfach zu widersprechen. Durch die Umstellung auf Berufsarmeen in den verschiedenen Ländern ist die Anzahl der gefallenen Soldaten weltweit nicht gestiegen, sondern massiv gefallen. Es waren vor allem Wehrpflichtige, die in Vietnam und den großen Kriegen davor gefallen waren, weil Wehrpflicht eben vor allem für billiges Menschenmaterial stehen, für Kanonenfutter. Berufssoldaten sind wegen ihrer besseren Ausbildung und ihren höheren Versorgungsansprüchen aber vor allem teuer und damit zu wertvoll, um sie einfach zu verheizen. Entsprechend nahmen die Verluste laufend ab. Es wird immer mehr in die Sicherheit und Ausrüstung der Soldaten gesteckt. Geld, welches fehlt, wenn man es in die unnütze Ausbildung von Wehrpflichtigen steckt. Dass eine reine Freiwilligen und Berufsarmee Bundeswehr in noch mehr Auslandseinsätze geschickt wird, ist in erster Linie auch ein Kapazitäts- und Kostenproblem und richtet sich zudem an den Interessen Deutschlands und nicht seiner Politiker. Die bestehende Wehrpflicht hat da schon in der Vergangenheit nichts verhindert.
Schaut man sich die Verbundenheit der Amerikaner und Engländer mit ihren Soldaten an, dann ist zudem nicht zu verstehen, warum Berufssoldaten hier als Randgruppen verleumdet werden. Die Soldaten bleiben wie bisher fest eingebunden in ihrem jeweiligen sozialen Umfeld und die Kasernen wichtiger Bestandteil der jeweiligen Städte. Der Bürger in Uniform existiert als Ideal unabhängig von der Wehrpflicht.
Die Aussetzung der Wehrpflicht ist überfällig. Erklärungsbedarf besteht eigentlich nicht, wenn man sich nur die damit einhergehenden massiven Ungerechtigkeiten für die Betroffenen anschaut. Erklären muss man nur, warum sich Deutschland den Trend weg von der Wehrpflicht leichtfertig und zum erheblichen Nachteil der jungen Männer so lange verweigert hat.
Sehr geehrter Herr van Almsick,
haben Sie vielen Dank fuer Ihre Reaktion, auf die ich jedoch kurz eingehen moechte, da sie, meiner Meinung nach, einige zweifelhafte Annahmen trifft. Sie schreiben, dass durch die Umstellung auf Berufsarmeen die Opferzahlen deutlich zurueckgegangen seien. Sind die Opferzahlen wirklich durch die jeweiligen Umstellungen auf Berufsarmeen zurueckzufuehren oder darauf, dass die USA und Grossbritannien in dieser Zeit 1. keine Verteidigungskriege und 2. keine Kriege gegen einen Gegner von (nord-)vietnamesischem Kaliber ausgefochten haben? Ihre Kausalitaetsannahme wuerde ich so nicht teilen…
In der Tat ist es so, dass wenn man die durchschnittlichen Opferzahlen von demokratischen Freiwilligenarmeen vergleicht (beispielsweise in einem Zeitraum von 1950 bis 1985), die so wohl trainierten und ausgeruesteten Freiwilligenarmeen eine hoehere durchschnittliche Opferquote zu verzeichnen haben.
Letztlich kann ich ihr Gerechtigkeitsragument nicht nachvollziehen, denn ist es nicht gerecht wenn jeder dieselbe Chance hat zur Landesveretidigung eingezogen zu werden?
@Mark T. Fliegeauf: “Letztlich kann ich ihr Gerechtigkeitsragument nicht nachvollziehen, denn ist es nicht gerecht wenn jeder dieselbe Chance hat zur Landesveretidigung eingezogen zu werden?”
Aha?! Und wo sehen sie diese Chance gegeben? Wenn nur noch 16 % eines Jahrganges benötigt werden, der Staat die freie Auswahl zwischen Wehr- und Ersatzdienst anbietet und gnadenlos und reichlich willkürlich ausmustert, dann kann von Chancengleichheit keine Rede mehr sein. Tatsächlich passiert folgendes. Die Cleveren und Glücklichen kommen um jeden Dienst herum. Die “Guten” machen Zivi und der “doofe Rest” geht zur Bundeswehr. Pech, wer das eigentlich nicht will, aber keine Lust auf Zivi hat und gesund und zu ehrlich bei der Musterung ist. Welch böses Erwachen, wenn er sich dann monatelang zu Tode langweilt, weil die Bundeswehr mit den normalen Wehrpflichtigen schon lange nichts mehr anfangen kann. Wie bitter dann mit ansehen zu müssen, dass nicht nur alle Klassenkameradinnen (es ist immer nett, wenn mit “jeder” mal eben 50 % der Bevölkerung von vornherein ausgeklammert wird) munter an der eigenen Kariere arbeiten, sondern auch der größte Teil seiner Klassenkameraden, Freunde und Nachbarn. Für jeden, der eigentlich nicht dienen möchte, eine unglaubliche Zumutung.
Die Wehrpflicht und ihre Praxis verstößt nicht nur gegen die Gleichberechtigung, sondern auch gegen die Gleichbehandlung und hätten wir ein Bundesverfassungsgericht, welches seinen guten Ruf auch in Wehrpflichtfragen auch nur ansatzweise gerecht werden würde, gebe es die Wehrpflicht in der gegenwärtigen Form schon lange nicht mehr.
Viele Grüße
Andreas
PS. Ich war selber beim Bund und beurteile daher aufgrund eigener Erfahrungen.
Eine Wehrpflicht wird den Aufgaben unserer Bundeswehr nicht mehr gerecht.Das Feindbild das bis zum Untergang der UDSSR und der komunistischen Ideologie die Bundeswehr rechtfertigte existiert nicht mehr. Schön wäre es gewesen hätte man sagen können nun ,der Kalte Krieg ist vorbei wir brauchen die Bundeswehr nicht mehr.Aber das ist eine weltfremde Vorstellung von der man sich ganz schnell verabschieden sollte. Friedenssicherung! ob im Kosovo oder Afghanistan setzt ganz neue Massstäbe an die Anforderung unserer Soldaten.Schnell musste die Politik feststellen das weder die Ausbildung noch die Ausrüstung der Bundeswehr dafür ausgelegt sind.Das soll jetzt nicht sagen das wir zu einer Art Weltpolizei streben die überall für Ruhe sorgen soll.Diese Stelle hat Amerika an sich gerissen und erfüllt sie mit sehr zweifelhafter Berechtigung. Deutschland hat in Europa seinen festen Platz, profitiert davon, also können wir uns aus millitärischen Angelegenheiten nicht so einfach raushalten und müssen ob es uns passt oder nicht auch da bis zu einem gewissen Grad aktiv sein.Schlecht ausgebildete, unmotivierte Wehrpflichtige sind hierfür Opfer, die wir nicht erbringen sollten.Das gut ausgebildete Spezialisten da effektiver sind ist einleuchtend.Die Frage ist verlängern wir die Wehrpflicht zugunsten besserer Ausbildung oder ist eine Freiwilligen bzw Berufsarmee zweckmässiger.Gerade in Deutschland hat sich die Politik nach Gründung der BRD schon immer schwer getan mit dem Bürger in Uniform. Sah man doch in der Bundeswehr ein notwendiges Übel das man aber brauchte um in der EU und Nato akzeptiert zu werden.Der Bundeswehrsoldat wurde bis in die 90er Jahre von der Politik nicht ernstgenommen und zu Stimmenfang und Stimmungsmache missbraucht. Erst durch ihre Auslandseinsätz erlangte die BW einen festen Stand in unserer Gesellschaft, merkwürdiger Weise bei der Bevölkerung bedeutend früher, wie in der Politik die die Einsätze im Ausland durch ihr Mandat legitimierte.
Hmmm, lieber Herr Koehl, so weit ich informiert bin, schicken wir doch gar keine Wehrpflichtigen in Auslandseinsaetze. Wenn wir unsere Landesgrenzen verteidigen muessen, warum dann eine solche materielle Aufruestung?
zu behaupten ( oder nachzufaseln ) das es sich um friedenssicherung handelt ist absoluter schwachsinn und gehört in die ecke schönfärberei bis naivität . alles was da unten passiert ist falsch und wirtschaftlich motiviert . ein dicker nimmt auch nicht ab wenn ihn JEDER zum abnehmen zwingen will ….
Dito!
Zwei Anmerkungen:
1. Sind Sie sicher, dass der Ursache für höhere Verlustzahlen von Berufsarmeen eben darin begründet liegt, dass sie Berufsarmeen sind?
Oder hängt das vllt damit zusammen, zu welchem Land die Armee gehört?
2. Es ist nicht gesagt dass die “wohlhabende” Mittelschicht den Bezug zur Armee verliert. Dass Berufsarmeen eine Chancenpool und Jobmagnet für das Prekariat seien ist widerlegt. Gerade in den USA und GB sehen viele Sprösslinge der Mittel- und Oberschicht den Soldatenberuf als ehrenwert an.
3. Doch es sei auch angemerkt, dass eine sinnvoll umgestaltete Wehrpflicht nützlich sein kann.
Allerdings kann es nicht gewollt sein einen Wehrpflichtigen sechs Monate lang in ein Infantriebattallion zu stecken und einen Zeitsoldaten auf eine Stabsdienst- oder Fahrerstelle.
4. Kleiner Tipp: Betrachten Sie die Personalpolitik der italienischen Armee – vorbildlich!
Lieber Herr Treitz,
haben Sie herzlichen Dank fuer Ihren Einwurf, auf den ich kurz – in selbiger numerischer Rangfolge -antworten will.
1. Wissenschaftliche Studien belegen, dass ein engerer Kontakt mit Angehoerigen der Armee eine groessere Sensitivitaet bezueglich (menschlicher) Kriegskosten verursacht. Ich beziehe mich immer auf Durchschnittwerte, sodass eine Argument “Laender mit Berufsarmeen kaempfen oefter” (was sie in der Tat tun – und dies ist ebenso problemtaisch!) hier nicht traegt…
2. Fuer eine ausgezeichnete sozietale beziehungsweise Klassen-Aufschluesselung der US amerikanischen Armee bieten Kriner, Douglas and Francis X. Shen (2009) The Casualty Gap: The Causes and
Consequences of American Wartime Inequalities.
3. Hier stimmen wir gaenzlich ueberein.
4. Werde ich, haben Sie herzlichen Dank!
“Demokratische Berufsheere verzeichnen mehr Gefallene als Wehrpflichtarmeen.”
Das ist doch völliger Unsinn. In Vietnam (Wehrpflichtarmee) hatte die US Army viel mehr Gefallene zu beklagen, als bisher im Irak oder in Afghanistan zusammen. Die Russen haben in Tschetschenien vor allem Wehrpflichtige verheizt und die Türkei bekämpft die PKK mit Wehrpflichtigen, was ihr jetzt auch eine Berufsarmeeforderung eingebracht hat. Dass ausgerechnet die Wehrpflicht das Leben der Soldaten geschützt hätte ist der größte Unsinn, den ich je gelesen habe. Es ist so falsch, dass es schon eine Unverschämtheit sondergleichen ist, so etwas auch nur zu behaupten.
Lieber Robert,
drei meiner Verwandten rauchen und leben waehrend zwei Nichtraucher gestorben sind. Und dennoch wuerde ich die These aufrechterhalten, dass rauchen toedlicher ist als nicht-rauchen…
Fuer einen (unverschaemten) wissenschaftlichen Beleg siehe: Vasquez, III (2005) Shouldering the Soldiering: Democracy, Conscription and Military Casualties, Journal of Conflict Resolution …
Vielen Dank für die Literaturstelle. Seit wann gilt ein Aufsatz als “zweifelfrei nachgewiesen”? Den beschriebenen Effekt gibt es nur in demokatischen Ländern der Neuzeit und beruht im Prinzip auf die Nichteinsatzfähigkeit von Wehrpflichtigen in Auslandseinsätzen. Wenn es Ihnen aber in Wirklichkeit darum geht, den demokratischen Staaten die Fähigkeit zum militärischen Eingreifen zu nehmen und das den nichtdemokratischen Staaten überlassen möchten, dann sollten Sie das auch so sagen.
Lieber Robert,
ich wuerde es nicht als nachgewisen bezeichnen, wenn ich es nicht selbst nachgerechnet haette…
Lieber Herr Treitz,
haben Sie herzlichen Dank fuer Ihren Einwurf, auf den ich kurz – in selbiger numerischer Rangfolge -antworten will.
1. Wissenschaftliche Studien belegen, dass ein engerer Kontakt mit Angehoerigen der Armee eine groessere Sensitivitaet bezueglich (menschlicher) Kriegskosten verursacht. Ich beziehe mich immer auf Durchschnittwerte, sodass eine Argument “Laender mit Berufsarmeen kaempfen oefter” (was sie in der Tat tun – und dies ist ebenso problemtaisch!) hier nicht traegt…
2. Fuer eine ausgezeichnete sozietale beziehungsweise Klassen-Aufschluesselung der US amerikanischen Armee bieten Kriner, Douglas and Francis X. Shen (2009) The Casualty Gap: The Causes and
Consequences of American Wartime Inequalities.
3. Hier stimmen wir gaenzlich ueberein.
4. Werde ich, haben Sie herzlichen Dank!