Niemand kann mich zwingen, meine Ermittlungen zu stoppen. Niemand. Luis Moreno Ocampo

Im Internet ist der Mensch der limitierende Faktor

Mark Surman ist Vorsitzender der Mozilla Foundation – und ein Verfechter des offenen Internets. Mit Martin Eiermann sprach er über Apps, Online-Innovationen und die Notwendigkeit einer Philosophie für das digitale Zeitalter.

The European: Sie haben das Internet mit einer Box voller Lego-Steine verglichen. Worum geht es Ihnen dabei?
Surman: Die Botschaft des Internets ist simpel: „Baue mich!“ Das Netz ist ein sehr offenes System mit der expliziten Einladung an uns alle, es konstant weiterzuentwickeln. Das Internet kann sich nach unseren Wünschen verändern. Es kann Wikipedia oder Facebook hervorbringen, oder auch zum Motor für visuelle Kunst werden. Es ist diese Offenheit, die Reichtum, Produktivität und Kreativität befördert.

The European: Eine aktuelle Entwicklung geht hin zu Apps. Viele davon sind sehr kreativ. Doch wenn Sie sich die Nutzungsbedingungen vieler Plattformen ansehen, scheint doch das Credo „Baue mich“ durch viel Kleingedrucktes ergänzt zu sein …
Surman: Wir müssen hier einen Schritt zurück machen und uns überlegen, was momentan passiert. Die aktuelle Version der Apps ist eine Gefahr für das Netz und negativ für die Verbraucher. Eine kleine Zahl von Firmen wie Apple oder Google kontrolliert, wer welche Apps auf den Markt bringen kann. Als Programmierer muss man die Werkzeuge benutzen, die von den Firmen abgesegnet sind und braucht eine Erlaubnis, bevor man seine Apps anbieten darf. Das ist nicht der Prozess, der bisher für Innovation im Netz verantwortlich war. Wenn wir so weitermachen, fahren wir gegen die Wand. Wir würden zum Beispiel keine neuen Telefon-Apps sehen, weil es nicht im Interesse dieser Firmen ist, solche Entwicklungen zu unterstützen und zu erlauben. Auf einer konzeptionellen Ebene ist die App aber sehr attraktiv: Man kann schnell etwas programmieren und einfach mit vielen Menschen teilen. Das fördert Innovation. Und jetzt gibt es die Werkzeuge von HTML5, die solche Apps plattformunabhängig einsetzbar machen. Unser Ziel muss es sein, diese HTML5-Apps zu fördern und einen Marktplatz zu etablieren, auf dem jeder seine Programme frei und ohne Einschränkung zur Verfügung stellen kann.

The European: Lassen sich mit einem solchen Modell Profite erzielen?
Surman: Es ist okay, dass Menschen mit ihren Ideen auch Geld verdienen möchten. Das Problem ist, wenn es nur zwei Kanäle gibt und der freie Markt nicht existiert. Wir glauben doch eigentlich, dass die Wirtschaft frei sein sollte. Wenn ich über den Marktplatz laufe, sollte ich als Verbraucher in der Lage sein, zwischen verschiedenen Anbietern auszuwählen. Und als Anbieter sollte ich in der Lage sein, meine Produkte auf verschiedenen Marktplätzen anzubieten. Das Gleiche wollen wir auch im Netz. Jede App aus jedem Store sollte auf jeder Plattform laufen.

„Wir brauchen den freien Markt im Netz“

The European: Aus der Perspektive des Konsumenten bietet das aktuelle Modell doch aber viele Vorteile: Ich bekomme Hardware und Software aus einer Hand, alles ist aufeinander abgestimmt.
Surman: Wenn Sie an den Wettbewerb glauben, ist das aktuelle Modell der falsche Weg. Viele Menschen werden zu Recht wütend, weil sie eine Erlaubnis von Apple benötigen, bevor sie ihre Apps anbieten dürfen. Der Komfort eines integrierten Systems kann genauso gut auf anderem Wege erreicht werden. Man kann Kompatibilität sicherstellen und Standards definieren, die plattformübergreifend zur Anwendung kommen. Für mich ist das eine Frage der Philosophie des Netzes: Ich glaube an das offene Internet. Für andere Menschen mag das aber auch einfach eine praktische Frage sein: Sie wollen Apps kaufen können, ohne sich Gedanken über Nutzungseinschränkungen machen zu müssen. Ich hoffe, dass die Idee des closed-store nicht überlebt.

The European: Sie haben die Philosophie des Internets angesprochen. Haben wir ausreichend über diesen Punkt nachgedacht und Normen definiert, die unserem Handeln im Netz einen Rahmen geben können?
Surman: Wir befinden uns an einem Scheidepunkt und müssen uns konzeptionell Gedanken machen, wie wir im Netz gute Entscheidungen treffen können. Jeder benutzt soziale Netzwerke, aber es gibt kaum eine Aufklärung zum Thema Privatsphäre. Ich vergleiche die aktuelle Situation gerne mit den 1950ern: Die Menschen haben damals begonnen, über Fettleibigkeit nachzudenken. Niemand wusste, wie Ernährung mit Fettleibigkeit zusammenhängt. Um eine gesundere Lebensweise empfehlen zu können, mussten wir also zuerst einmal verstehen, welche Ernähung ungesund ist. Wir mussten untersuchen, wie Kalorien oder Cholesterin mit Gewichtszunahme zusammenhingen.

Wir haben also auf einer gesellschaftlichen Ebene an einer Aufklärung in gesundheitlichen Fragen gearbeitet – und waren dadurch in der Lage, informierte Diskussionen zu führen und Fettleibigkeit zu bekämpfen. Das Gleiche muss jetzt im Kontext Internet passieren. Es gibt zehn oder zwanzig Konzepte, mit denen jeder Internetnutzer vertraut sein sollte: Was ist der Unterschied zwischen einer Speicherung von Daten auf meinem Computer und der Speicherung von Daten auf Servern? Was ist der Unterschied zwischen Informationen und Links? Das sind ganz grundlegende Sachen. Wenn wir diese Konzepte besser verstehen, können wir auch bessere Entscheidungen treffen. Und die Konsequenz daraus ist, dass wir bessere Produkte bauen können und die Struktur des Netzes voranbringen.

The European: Wie wollen Sie den Graben überwinden, der die digital natives von der breiten Masse der Bevölkerung trennt, die eigentlich einfach nur Nutzer sein will?
Surman: Wir brauchen informierte Nutzer und Firmen, die ihre Verantwortung ernst nehmen. Denken Sie noch einmal an das Beispiel der 50er-Jahre: Es reicht nicht, die Ursachen von Fettleibigkeit zu verstehen, wenn ich überall nur Fast Food kaufen kann. Das Gleiche gilt im Netz: Die Menschen müssen sich Gedanken über die Privatsphäre machen. Das allein reicht aber nicht, wenn die Plattformen im Netz keinen Schutz der Privatsphäre anbieten. Die Aufklärung muss also ergänzt werden um Strukturen, die zentrale Normen tief im Netz verankern. Soziale Netze sind das prominenteste Beispiel: Der Nutzer muss entscheiden können, welche Daten er teilen möchte. Und die Daten dürfen nicht alle bei einem Anbieter gebündelt werden.

The European: Genau das ist der Ansatz, der Facebook so erfolgreich macht – die Bündelung und der Austausch großer Ströme privater Daten.
Surman: Die Menschen lieben Facebook, weil es eine coole Möglichkeit bietet, Netzwerke aufzubauen. Das ist legitim und wird immer auch attraktiv sein. Wir sollten aber trotzdem versuchen, den digitalen Fußabdruck unter die Kontrolle des Nutzers zu stellen. Wenn Sie sich bei Facebook einloggen, sollte ihr sozialer Graph die Verbindung zwischen der netten Benutzeroberfläche von Facebook und den dezentral gespeicherten Daten herstellen. Sie kontrollieren, welche Daten wann und für wen auf Facebook sichtbar werden. Sie haben als Nutzer die Kontrolle, weil die Daten eben nicht direkt bei Facebook gespeichert sind, sondern erst durch ihr Einloggen und durch ihre Einstellung für die Plattform nutzbar werden. Das ist realistisch. Facebook wird vielleicht nicht das erste Unternehmen sein, was darauf anspringt. Aber es gibt genügend Interesse an dieser Idee, um eine Hebelwirkung zu entfalten. Irgendwann machen dann vielleicht auch die größeren Seiten mit.

The European: Sie sorgen sich also weniger über die Menge an privaten Informationen als über die Mechanismen, die eine Verbreitung der Daten steuern?
Surman: Es besteht kein Zweifel, dass das Internet von der Menge der Daten und der Dichte der Netzwerke lebt. Die Verlinkung von Informationen ist genauso wichtig wie die Informationen selber. Es gibt aber Möglichkeiten, diese Verlinkungen unter die Kontrolle des Nutzers zu stellen. Chris Messina hat bei Google viel darüber nachgedacht. Seine Idee für das Internet stellt nicht mehr die Webseiten oder Informationen in den Mittelpunkt, sondern den emanzipierten Nutzer selber. Er entscheidet, wann er wie mit welchen Plattformen interagieren möchte. Der Nutzer behält die Kontrolle über die Daten, ohne dass sich etwas an der Dichte der Netzwerke ändert.

„In einer Demokratie darf das Internet nicht abgeschaltet werden“

The European: Ist das Internet eine Plattform – oder mehr als das?
Surman: Es wird zum strukturellen Faktor. Das stellt uns vor interessante Fragen: Wenn das Netz eine zentrale Rolle im Leben vieler Menschen einnimmt, sollten wir es dann als öffentliches Gut betrachten? Sollten wir festlegen, dass das Netz in einer Demokratie niemals abgeschaltet werden darf? Sollten wir es mit Menschenrechten verbinden?

The European: Gibt es ein Recht auf Breitband-Zugang?
Surman: Wir sollten uns nicht in Details versteigen und den Begriff „Breitband“ zu definieren versuchen. Dazu verändert sich das Netz zu schnell. Aber ich glaube an die Idee, dass jeder Mensch als Teil eines adäquaten Lebensstandards auch Zugang zum Netz haben sollte.

The European: Momentan wird das Netz vor allem von privaten Firmen kontrolliert – Providern, Server-Hosts, Softwarefirmen. Sollte das Netz Teil einer öffentlichen Infrastruktur werden?
Surman: Wir müssen überdenken, was der Begriff eines „öffentlichen Guts“ bedeutet. Ein toller Aspekt des Internets ist, dass es nicht von einer Firma alleine kontrolliert wird. Solange wir Trends wie das aktuelle closed-store-Modell vermeiden können, kann jeder mit gewissen Basiskenntnissen die Architektur des Netzes nutzen und neue Produkte und Plattformen schaffen. Kreativität und Innovation sind öffentliche Güter, das lässt sich nicht privatisieren. Private Firmen machen zwar Geschäfte im Netz, aber auch sie sind nur Teile eines sehr viel größeren Netzwerks. Und um ihre Kunden zu behalten, müssen sie in die Infrastruktur des Netzes investieren.

The European: Tendieren wir nicht manchmal dazu, den Einfluss des Netzes zu überschätzen? Ist das Internet wirklich anders als frühere Innovationsschübe, die auch einmal als radikal erschienen?
Surman: Das Internet ist anders, vor allem aufgrund der Innovationsgeschwindigkeit. Es ist so einfach, seine Ideen umzusetzen oder auf anderen Ideen aufzubauen. Vergessen Sie nicht, welche Bedeutung source code hat! Welcher Industriezweig würde denn jemals die Blaupausen von Produkten öffentlich machen und dazu einladen, mit ihnen herumzuexperimentieren? Im Netz gibt es diese Transparenz. Aber Sie haben teilweise recht: Es ist enorm schwer, den Einfluss des Netzes auf unsere Kultur abzuschätzen. Wir befinden uns mitten in einem Prozess der Veränderung. Wie sich die Dinge entwickeln, hängt also vor allem von den Entscheidungen ab, die wir heute treffen. Ich wünsche mir, dass das Netz zu mehr politischer und wirtschaftlicher Transparenz und zu kultureller und wissenschaftlicher Kreativität führt. Aber diese Entwicklung muss nicht unbedingt eintreten.

The European: Hat denn diese zunehmende Innovationsgeschwindigkeit nicht irgendwann ein Limit erreicht, an dem die Entwicklung des Netzes sich entweder verlangsamt oder die Blase implodiert?
Surman: Entscheidend wird sein, welche Grenzen wir dem Wachstum setzen wollen. Das beginnt mit Fragen zu Urheberrecht und Copyright. Es gibt gesetzliche Rahmen, die sich langsamer verändern als das Netz selber. Privatsphäre ist ein anderes Beispiel. Wir vergessen leicht, dass das Teilen großer Informationsmengen auch Nachteile haben kann, dass wir die Kontrolle über unsere Daten verlieren. In diesem Fall fehlt ein gesetzlicher Rahmen. Innovation ist daher kein glatter Prozess. Manchmal gibt es Schlaglöcher, die Bremsen versagen, wir kommen ins Schlingern. Wir müssen uns die Zeit nehmen, die Konsequenzen technologischer Innovation zu überdenken und zu verstehen.

The European: Der entscheidende Faktor ist also unsere Fähigkeit, Normen zu schaffen und Werte zu definieren?
Surman: Im Zeitalter der Industrialisierung wurde das Tempo der Innovationen vor allem von unseren technischen Fähigkeiten gesteuert. Im Bezug auf das Internet ist der limitierende Faktor der Mensch. Wir müssen über eine Philosophie für das Internet nachdenken. Und vielleicht liegen die Limits sogar noch tiefer und verlangen nach einer Anpassung unserer kognitiven Fähigkeiten an das Netz. Ich hoffe, dass wir diese Debatten vorantreiben können. Unsere Enkelkinder werden sich immer noch Gedanken über das Internet machen, aber hoffentlich sind die Fragen bis dahin andere als heute. Kommende Generationen werden in einer digitalen Welt groß und müssen sich damit auseinandersetzen.

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