Der Ursprung des Humors liegt im Banalen. Helge Schneider

„Wir wollen, was unser Körper will“

Vetternwirtschaft und ein besonderer Draht zu Gott: Die Borgia gehören zu den faszinierendsten Familien in der Geschichte. Alexander Görlach sprach mit Mark Ryder, der in der ZDF-Reihe Borgia den Cesare spielt, über dessen vielschichtige Rolle, Atheismus und die katholische Kirche.

The European: In der Fernsehserie „Borgia“ spielen Sie Cesare Borgia, den unehelichen Sohn Rodrigo Borgias, dem späteren Papst Alexander VI. Die widersprüchliche Persönlichkeit Cesares ist sehr interessant. Wenn die Gerüchte stimmen, wird er die zentrale Figur der zweiten Staffel sein.
Ryder: Der Charakter wird sich in der zweiten Staffel sehr verändern. In der ersten Staffel ist er überhaupt nicht so, wie ihn sich die Leute für gewöhnlich vorstellen: Cesare ist jung und versucht herauszufinden, wer er sein möchte. In der zweiten Staffel geht er auf eine Art Reise: Er wird Krieger und Feldherr, so wie Machiavellis „Fürst“. Das passt auch viel besser zum historischen Cesare.

„Cesares Ungereimtheiten sind Teil unseres Lebens“

The European: All die Konflikte, die in der zweiten Staffel erzählt werden, wurden in der ersten Staffel entweder erklärt oder behandelt. Der interessanteste Aspekt ist jedoch Cesares Kampf mit sich selbst: Bruder, Krieger, Mann des Klerus. Wie haben Sie sich diesem vielfältigen Charakter genähert?
Ryder: Ich erinnere mich daran, als ich erste Teile des Skripts las – ich war überhaupt nicht in der Lage, diesen Typen zu verstehen! In einem Moment ist er sehr bestürzt und gleich im nächsten wütend und aggressiv. Innerhalb einer Szene verändert er sich ganz stark. Wie sollte ich diesen Charakter nur glaubhaft darstellen? Dann habe ich verstanden, dass Cesares Ungereimtheiten auch Teil unseres Lebens sind. Sie sind jeden Tag sichtbar. Ich wollte ja auch lieber mein eigenes Ding machen, als auf meine Eltern zu hören. Bei Cesare ist das offensichtlich extremer: Erst geht er komplett in der Religion auf und dann plötzlich übermannen ihn seine Gefühle und er tötet jemanden.

The European: Heutzutage behaupten Mitarbeiter von Goldman Sachs, sie würden Gottes Willen erfüllen. In „Borgia“ gibt es eine Szene, wo Cesares Vater, Alexander VI., von seinen Kindern gebeten wird, weitere Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen. Er erwidert: „Was für einen Glauben hätte ich, wenn ich von Kriegern umgeben wäre?“ Ist das Verhalten der Kinder ein Anzeichen für aufkommenden Atheismus? Sie haben offenbar kein Vertrauen mehr in diese höhere Macht, welche früher einmal Teil des politischen Verständnisses war.
Ryder: Ich denke schon, dass Cesare und seine Geschwister sich wünschen, einer höheren Macht vertrauen zu können. Letztlich kommt Cesare aber zu dem Schluss, dass man nicht nur von Gott abhängig sein kann, sondern dass man seine Waffen nehmen und selber etwas unternehmen muss. Ich denke, es ist weniger der Beginn des Atheismus. Cesares militärisches Geschick hat ihn so stark gemacht. Sein Ansatz war neu und das war es, was ihn so erfolgreich gemacht hat.

The European: In einer anderen Szene sagt Cesare, dass er sich mehr mit Julius Caesar als mit Jesus beschäftigt habe und dass es auf dem Schlachtfeld keine Götter gebe. Macht ihn das nicht zu einer der ersten Personen, die uns den Atheismus näherbringt?
Ryder: Er legte seine Kardinalswürde nieder und ich denke, dass er all seinen Glauben an Gott verloren hat. In diesem Sinne hat er also tatsächlich eine Art Bewegung gegen die Religion begonnen. Damals war ja alles von der katholischen Kirche dominiert.

The European: Konnte jemand in dieser Zeit wirklich den Gedanken aufgeben, dass Gott existiert?
Ryder: Cesare ist das perfekte Beispiel. Er hat Gott mehrere Male erfolglos um Hilfe angefleht und dadurch das Gefühl, Gott habe ihn aufgegeben. Er merkt dann, dass die Dinge beginnen, besser zu laufen, wenn er aus eigener Kraft etwas tut. Der Schluss, zu dem Cesare dadurch kam, ist der: Laufen die Dinge ohne Gottes Hilfe gut, ist man ohne Gott vielleicht besser dran. Also ja, es war absolut möglich, sich zu jener Zeit von Gott abzuwenden.

The European: Cesare befindet sich im Konflikt mit seinem Vater und seinem Bruder. Er hat einen guten Freund – den er fast umbringt. Cesare scheint sehr einsam zu sein und in einem ständigen Kampf mit allen Leuten um ihn herum.
Ryder: Er trifft Entscheidungen, von denen man sich wünschen würde, dass er sie nicht träfe. Er ist nicht in der Lage, zu sehen, dass andere ihm helfen. Cesare hat eine impulsive Seite, die ihn manchmal einfach mitreißt. In diesem speziellen Moment, in dem er seinen besten Freund töten wollte, war er überwältigt von Ärger und Schmerz. Ich glaube, dass er einsam ist. Ich glaube aber auch, dass die Leute, die ihn lieben sollten, es oft nicht tun und Cesare deshalb nicht das bekommt, was er verdient.

The European: Rodrigo Borgia und sein Sohn Cesare litten beide an Syphilis, aber nur Cesare hat sie überlebt. Am Ende ihres Lebens war die Entfremdung der beiden so groß, dass keiner den Namen des anderen in den Mund nahm – dabei war Cesare ein treuer Sohn. Warum bevorzugt der Vater seinen älteren Sohn Juan so sehr? Schließlich haben Cesare und Juan dieselbe Mutter.
Ryder: Ich denke, Rodrigo begreift allmählich, dass Juan ein Idiot ist, aber er ist bereit, das zu ignorieren. Er hat entschieden, dass Juan das Oberhaupt der Familie wird, sobald er, Rodrigo, nicht mehr da ist. Selbst nachdem Juan bewiesen hat, dass er kein treuer Sohn ist, begreift Rodrigo nicht, wie viel talentierter und fähiger sein jüngerer Sohn Cesare ist. Ich weiß allerdings nicht, warum.

„Ich sehe die Korruption der Religion“

The European: Lassen Sie uns zu den Anfängen des Atheismus zurückkehren. Als die Reformation begann, fing das ganze mittelalterliche Gebäude an zu bröckeln. Hatten Sie bei Ihrer Darstellung Cesares auch dieses Gefühl? Immerhin hat Cesare Machiavelli getroffen, einen der Vordenker dieses Anbruchs der Neuzeit. Diesem hat Cesare als Inspiration für seinen „Fürsten“ gedient. Was ist die wichtigste Erkenntnis aus dieser Zeit?
Ryder: Wenn ich an diese Zeit denke, sehe ich die Korruption der Religion. Auf der einen Seite gibt es die Bibel, die Kirche und Millionen von Menschen, die versuchen, die Regeln dieser Religion nach bestem Wissen und Gewissen zu befolgen. Auf der anderen Seite gibt es den Mann, der Gott am nächsten steht – und dieser ist nur gierig und egoistisch. Ich frage mich, ob Rodrigo Borgia wirklich an Gott geglaubt hat und ich frage mich wirklich, wie er und andere damit davongekommen sind. Es ist wie mit einem Premierminister oder Präsidenten, der völlig dekadent ist und sein Land ruiniert, so wie Berlusconi.

Es ist mir ein Rätsel, dass die heutige Kirche den Papst immer noch so sehr wertschätzt. Das ist genau das, was sie schon vor 500 Jahren gemacht hat. Ich kann nicht verstehen, wie Menschen das heute noch tun können, obwohl sie wissen, was in der Vergangenheit geschehen ist.

The European: In Europa ist die Idee, dass Gott ständig präsent ist, komplett verschwunden. Im Gegensatz zur muslimischen Welt, wo die Abwesenheit von Gott noch immer unvorstellbar ist. Er ist die Garantie für das gesamte Wohlergehen.
Ryder: Bevor wir mit den Dreharbeiten zu „Borgia“ begannen, saß ich mit einem Freund aus Oxford zusammen. Er sagte: „Mark, Religion war damals alles. Sie hat das gesamte Leben bestimmt.“ Meinem Erachten nach haben viele Bauern versucht, so zu leben wie Pius, ein gutes Leben zu führen. Aber an der Spitze gab es reiche Leute, die sich um all das nicht geschert haben. Offensichtlich war ihr Verhalten auch nicht wichtig. Man könnte sagen, dass die Menschen nicht unbedingt an Gott glaubten, aber dass die Religion ihr Weg war, um die Welt zu verstehen. Ich glaube, dass es das auch heute noch gibt: Religion ist eine Erklärung für das Leben, sie ist der Grund für das Leben.

The European: Cesare ist ein gutes Beispiel dafür, dass Menschen nicht entweder „gut“ oder „böse“ sind, sondern dass es in der Tat einen ständigen Kampf zwischen Gut und Böse in uns gibt. Für manche Leute – wie Cesare – gilt das mehr als für andere.
Ryder: Das sind die zwei Seiten in jedem von uns. Wir wollen, was unser Körper will – Sex und Geld zum Beispiel. Und wir wollen es sofort. Wir haben aber auch eine rationale Seite, die uns sagt, unsere Nächsten zu lieben. Es gibt also einen Konflikt. Und bei Cesare ist dieser Konflikt sehr stark.

„Eigentlich müsste man Nelson Mandela applaudieren“

The European: In einer Szene spuckt Cesare dem Sohn einer anderen römischen Familie ins Gesicht. Diese Geste wird auch heute noch verstanden, jeder weiß, was damit gemeint ist. Einige archaische Verhaltensweisen bleiben uns offenbar erhalten. Wenn Sie ein Kreuz in den Staub werfen, ist das immer noch blasphemisch. Wird die menschliche Natur immer noch vom Kampf dieser Motive beherrscht?
Ryder: Wenn jemand an die Macht kommt, verfügt er über Autorität. Die Verfügbarkeit von Macht kann einen absolut korrumpieren, das sieht man bei Rodrigo Borgia. Deshalb müsste man jemandem wie Nelson Mandela eigentlich applaudieren: Als Präsident seines Landes verfügte er über Macht und hätte damit machen können, was er will. Er hätte wie Rodrigo Borgia oder Robert Mugabe sein können. Mandela aber war ein guter Mann und hat unermüdlich für sein Land gekämpft. Man muss zu einem ganz speziellen Typ Mensch gehören, um sich nicht von Macht korrumpieren zu lassen. Die Geschichte ist voll von Menschen, die zu Macht kommen und diese dann missbrauchen. Das hat man bei den Borgia gesehen, das sieht man noch heute. Mir ist nicht klar, wieso die Borgia keine Schuldgefühle haben. Cesare kann sich von seiner Schuld lösen und einfach mit seinem Weg weitermachen.

The European: Es ist eine egoistische Form von Schuld: Er braucht sie als Antrieb für sein weiteres Leben.
Ryder: Cesare sagt in der Serie: „Ich habe zwei Seiten in meiner Seele. Eine ist ein Biest und die andere ein Erzengel.“ Das Biest gewinnt öfter, also muss er mit ihm kämpfen. Die Schuld, die er fühlt, ist ein Resultat dessen. Ich glaube, er weiß, dass er etwas Besonderes ist und eine Menge Potenzial besitzt. Vielleicht lähmt ihn das zu Beginn, und im Laufe seines Reifeprozesses wird es zu einer brauchbaren Waffe.

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