Bisher nährte sich der Facebook-Mythos noch vom Ursprungsleichtsinn einer Cocktailparty. Matthias Matussek

Wir interviewen die Falschen

Die Berichterstattung zur Terrormiliz Boko Haram ist hierzulande äußert schwach. Um das zu ändern, muss die westliche Presse ihren Anspruch auf Allwissenheit aufgeben.

Während sich die schrecklichen Ereignisse in Paris – und mit ihnen die Presseberichte – überschlugen, drangen erste spärliche Meldungen von einem weiteren Attentat in die öffentliche Wahrnehmung: Die Terrormiliz Boko Haram massakrierte in der Stadt Baga und umliegenden Dörfern im Nordosten Nigerias hunderte Zivilisten.

Wieder einmal, muss man dazu sagen, wenngleich der Terror von Baga gemessen an Opferzahlen und Vorgehen eine neue Dimension der Gewalt offenbarte.

Während die Welt mit Beileidsbekundungen, Hashtags und schließlich einem Trauermarsch der Millionen überwältigende Anteilnahme am Tod der Terroropfer von Paris zeigte, vergoss offenbar kaum jemand eine Träne für die Opfer von Boko Haram. Diesen Eindruck jedenfalls bekommt, wer in den vergangenen Tagen einen Blick in soziale Netzwerke warf. In Anlehnung an den Hashtag #JesuisCharlie proklamierten zumindest einige, Nigeria zu sein (#JesuisNigeria).

Die Presse berichtet nur über den Vorwurf, dass sie nicht berichte

Der implizite Vorwurf lautete: Ihr ignoriert die Opfer von Boko Haram. Oder drastischer formuliert: Hunderte Menschenleben in Nigeria seien weniger wert als die der Opfer von Paris. Dieser Vorwurf richtete sich vor allem an die Presse, die nicht berichte und auf die Ereignisse in Paris fokussiert sei.

Quantitativ trifft dieser Vorwurf durchaus zu: Eine Google-News-Suche nach „Paris attack“ ergibt über 50 Millionen Treffer, wohingegen die Suche nach „Baga attack“ bloß 400.000 Ergebnisse liefert.

Viele Medien begegnen diesem Mangel an Berichterstattung auf eigenwillige Weise. Statt das offenbar vorhandene Momentum öffentlichen Interesses – ausgedrückt etwa im Hashtag #JesuisNigeria – aufzugreifen und dem Phänomen Boko Haram die nötige Aufmerksamkeit zu widmen, geben sich viele Medienberichte mit der Feststellung zufrieden, nicht genug zu wissen.

Das erscheint umso befremdlicher in Zeiten, in denen die Presse mit dem oftmals pauschalen Vorwurf konfrontiert ist, wichtige Themen zu verschweigen (Stichwort „Lügenpresse“). Die Kritiker sagen: Ihr berichtet nicht (über Boko Haram). Und die Antwort der Presse? Sie klingt in diesen Tage etwa so: Schaut her, wir berichten sehr wohl darüber – allerdings bloß über euren Vorwurf, wir würden nicht berichten.

Seit 2002 ist Boko Haram ein Thema

Stellvertretend für eine auffällige Vielzahl derartiger Beiträge fragt die Deutsche Welle: „Wo bleibt der Aufschrei für die Opfer in Nigeria?“. Im Beitrag sekundiert ein Bundestagsabgeordneter – dem Tenor der Überschrift angemessen –, wie wenig man in Deutschland über den Terror in Nigeria wisse. Und dann? Informationen, die diesen Mangel an Wissen ausbessern könnten? Fehlanzeige.

Es wird lediglich bestätigt, worüber sich alle beschweren: Der Mangel an Informationen. Frei nach dem Motto: Wir wissen, dass wir nichts (beziehungsweise zu wenig) wissen. Diese Einsicht ist natürlich ein wichtiger erster Schritt zur Erkenntnis. Was darauf aber folgen müsste fehlt: ein Mehr an Information.

Zugegeben: Der Informationsfluss aus einem Dorf im Norden Nigerias ist deutlich dürftiger als der dutzender fest ansässiger Redaktionen und Korrespondenten in einer europäischen Metropole.

Ärgerlich ist die Verweigerung des Informationsauftrags aus einem anderen Grund: Das Thema Boko Haram – anders als der Terror von Paris – lag nicht plötzlich auf den Redaktionstischen. Seit 2002 töten die Dschihadisten Jahr für Jahr mehr Menschen, entführen Kinder, vernetzen sich mit anderen Terrorgruppen und überziehen inzwischen eine ganze Region mit ihrem Terror.

Kein Patent auf Allwissenheit

Es mutet deshalb opportunistisch an, wenn Politiker nun einen Trauermarsch für die Opfer von Boko Haram fordern, den sie bereits seit Jahren beinahe täglich hätten abhalten können. Das soll nicht heißen, dass diese Forderung nach einem Trauermarsch nicht legitim sei – und die Presse diese Forderung durchaus aufgreifen könnte. Es scheint sogar mitunter ratsam, vorschnelle Analysen hinter die Trauer zurückzustellen. Doch angesichts eines seit Langem bekannten Phänomens wie Boko Haram bleibt die Berichterstattung darüber hinaus erstaunlich dünn.

Warum ist das bis auf wenige profunde Ausnahmen (etwa diese oder auch diese) der Fall?

Um angemessen berichten zu können, müssen wir uns zunächst ein betrübliches Eingeständnis abringen: Wir, als westliche Presse, können Informationen nicht immer selbst liefern. Es gibt Gegenden auf der Welt, die westliche Journalisten schlichtweg nicht betreten können. Zu diesen Tabu-Zonen der Berichterstattung gehören Teile Nord-Nigerias. Eben wegen Boko Haram.

Statt aber angesichts dieser traurigen Wahrheit abzuwinken, sollten wir uns endlich eingestehen, dass wir kein Patent auf Allwissenheit haben.

Andere können aushelfen. Wagen wir einen Blick über den medialen Tellerrand. Wer abseits der Ticker-Meldungen internationaler Nachrichtenagenturen sucht, wird feststellen, dass es – etwa in Nigeria – eine vielfältige Presselandschaft gibt, die sich seit Jahren mit Boko Haram beschäftigt. Ihre Reporter liefern staatlichen Repressionen zum Trotz mitunter kritischen, investigativen und – im Angesicht einer Bedrohung wie Boko Haram – mutigen Journalismus.

So druckten viele nigerianische Zeitungen, die mitunter selbst Ziel von Anschlägen sind, unmittelbar nach dem Attentat von Baga Augenzeugenberichte von Überlebenden.

Wer ohne eurozentrische Brille nach Ansprechpartnern sucht, wird ohne Weiteres eine fundierte Einschätzung der Stimmungslage in Nigeria bekommen. Neben Ohnmacht herrscht dort vor allem Wut auf Präsident Goodluck Jonathan. Der sprach den Angehörigen der Opfer von Paris sein Beileid aus. Zu den Toten im eigenen Land aber schweigt er – mangels einer angemessen Reaktion, geschweige denn einer langfristigen Strategie – wieder einmal.

Es gibt Berichte

Nicht zuletzt könnte man auf Experten wie den freien Journalisten Ahmad Salkida stoßen, der sich für ein Interview mit dem Anführer von Boko Haram schon mal mit verbundenen Augen in dessen Versteck bringen lässt. Salkida pflegt derart engen Kontakt zur Führungsetage von Boko Haram, dass er sich aufgrund seiner exklusiven Informationen schon gegen den Vorwurf wehren musste, Mitglied und Sprachrohr der Miliz zu sein.

Auch aktuell berichten Kollegen wie Salkida direkt aus der Gefahrenzone.

Es ist nicht allein das Thema Boko Haram, welches in der westlichen Presse zu wenig Beachtung findet. Das Problem ist, dass wir viele wichtige Stimmen am Ort des Geschehens ignorieren. Es ist irritierend, dass der ansonsten selbstverständliche Kontakt zu Experten vor Ort für die Berichterstattung über Nigeria in vielen westlichen Redaktionen offenbar nicht gilt.

Die Experten sitzen nicht immer in Berlin, Paris oder New York, sondern auch in Lagos, Abuja oder Maiduguri. Sie gilt es zu hören. Interviewen wir sie, bitten wir sie um ihre Einschätzung der Lage. Der Aufklärung wäre damit weit mehr geholfen als mit der derzeitigen Endlosschleife selbstreferenzieller Berichterstattung, die viel zu oft keine ist.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Vera Lengsfeld, Julian Tumasewitsch Baranyan , Henning Beermann.

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