Eine gute Idee ist überall einsetzbar. Michael Bloomberg

„Eines Tages wird es zum großen Gau kommen“

Mario Adorf wird heute 80 Jahre alt. Er hat keine Angst vor dem Tod, er freut sich aber auch nicht über das Altwerden. Er hofft, dass er den Zusammenbruch des Kapitalismus, der für ihn unausweichlich ist, nicht mehr miterleben muss. Das Interview führte Nina Anika Klotz.

The European: Herr Adorf, am 8. September werden Sie Achtzig. Empfinden Sie das Alter als Segen oder als Qual?
Adorf: Als Segen ganz bestimmt nicht. Ich sehe es schicksalhaft: Das Altern ist ein schmerzhafter Prozess, der früh beginnt und dem man sich ganz bewusst stellen muss. Er ist stark mit Selbstbeobachtung und Selbstkontrolle verbunden und mit der unvermeidlichen Aussicht darauf, dass es zu Ende geht. Es gibt Menschen, die sich darüber überhaupt  keine Gedanken machen, weil sie gar nicht darüber nachdenken wollen. In meinem Beruf aber ist das anders: Ich bin in meiner Arbeit ja schon sehr viele Tode gestorben. Das war zwar jedes Mal nur ein Spiel, trotzdem musste ich mich in der Vorbereitung auf den Filmtod intensiv mit dem Sterben befassen.

The European: Macht Sie der Gedanke an den Tod nicht traurig?
Adorf: Man macht sich Gedanken über das Ende, aber ohne dabei in große Depressionen zu verfallen. Es geht nur darum, sich klar zu machen, dass die Zeit, die man zur Verfügung hat, weniger wird. Ich werde nun schon auch mal ungeduldig, wenn die Leute mich warten lassen. Dann  sage ich: “Kinder, so viel Zeit habe ich nicht mehr!” Kurzum: Von mir werden Sie keinen Jubel darüber hören, wie schön das Alter ist.

“Wir müssen das Leben auf der Erde leben”

The European: Haben Sie Angst vor dem Tod?
Adorf: Nein, meine Haltung ist gelassen, ohne Angst und ohne Panik.
Ich habe Erfahrungen mit dem Tod gemacht, als ich meine Mutter in ihrem letzten Stadium beobachten konnte. Das hat mir sehr viel bedeutet und vieles klar gemacht. Man denkt beim Tod eines so nahe verwandten Menschen, dass man selbst vielleicht Ähnliches erleben wird. So gesehen, ist der Gedanke an den Tod natürlich keine reine Freude.

The European: Was glauben Sie kommt nach dem Tod? Gibt es da etwas, das Ihnen Hoffnung macht?
Adorf: Nein. Ich bin ungläubig in dieser Hinsicht und glaube nicht an ein Leben nach dem Tod. Ich bewundere Menschen, die gläubig sind und beneide sie um ihren Glauben, weil mir klar ist, dass es alles erleichtert, wenn man sich auf ein Leben nach dem Tod ausrichtet. Ich hingegen war immer der Meinung, dass hier die Musik spielt. Wir müssen das Leben, das wir haben, auf der Erde leben und versuchen, das Beste daraus machen.


The European: Und sind Sie zufrieden mit dem Leben, wie Sie es gelebt haben, oder bereuen Sie irgendetwas?
Adorf: Nein, nein, ich bereue kaum etwas. Auch falsche, traurige oder ungute Entscheidungen, die ich getroffen habe, sind alle aus dem Augenblick heraus zu erklären, in dem ich sie traf. Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Dass man manche Dinge objektiv und aus der Entfernung betrachtet für nicht richtig hält, ist, glaube ich, normal. Bedauern stellt sich nicht ein, da ich weiß: Wäre ich in demselben Alter und derselben Situation, würde ich wieder genau so handeln.

The European: Heißt das, dass Sie Ihren Traum gelebt haben und alles gemacht haben, wie Sie es immer machen wollten?
Adorf: Ich hatte keinen Traum und ich habe große Zweifel am freien Willen. Ich habe nie an diesen freien Willen geglaubt, der uns in die Lage versetzt, große Entscheidungen selbst zu treffen. Ich hatte nie einen Lebensplan und habe mir nie etwas vorgenommen, sondern ich habe die Dinge so getan, wie sie sich mir anboten. Ich war nie besonders ehrgeizig. Im unreligiösen Sinne habe ich immer an Fügung geglaubt. Mein Lehrer an der Schauspielschule, der große Peter Lühr, hat mich einmal verbessert, als ich von “Zufall” sprach. Dass ich jetzt hier bin, dass ich diesen Beruf erlerne, sagte er, das sei kein Zufall, denn Zufall ist etwas ganz Dummes. Das sei Fügung. Dinge, die passen, fügen sich zusammen, wie die Kanten eines Möbelstücks.

The European: Der freie Wille ist aber doch eine schöne, erstrebenswerte Sache.
Adorf: Sicher, aber mit dem freien Willen können wir nur sehr wenig anfangen. Er ist ein unlebbares Instrument. Wenn wir uns selber nicht Zwänge schaffen, Zwänge, aufzustehen und etwas zu tun, dann würden wir einfach im Bett liegen bleiben und nichts tun. Wer die Möglichkeit hat, sich sein Leben selbst zu gestalten, muss sich selbst Zwänge auferlegen: Morgen muss ich eigentlich gar nichts, aber ich möchte mir dies ansehen oder ich möchte jenes tun.

The European: An einigen Stellen Ihrer Karriere haben Sie doch frei entschieden, gegen eine Hollywoodkarriere etwa. Nachdem Sie mit Billy Wilder gedreht haben, gab es doch sicherlich die Möglichkeit, in Amerika weiter zu machen. Haben Sie aber nicht.
Adorf: Dafür gibt es charakteristische und ganz persönliche Gründe. Ich bewundere einen Arnold Schwarzenegger, der sich schon während seiner Kindheit in Österreich in den Kopf gesetzt hat, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden und es immerhin zum Gouverneur seines Filmstaates gebracht, und auf diese Idee hat er eisern und unter unglaublichen Anstrengungen zugesteuert. Ich hatte solchen Ehrgeiz nie. Als ich in den 60er Jahren nach Hollywood kam, musste ich einsehen, dass man mich dort gar nicht wollte. Man hat mich zwanzig Jahre nach dem Krieg noch auf den Prüfstand gestellt, um zu erfahren, ob ich ein Nazi war. Die Amerikaner mochten uns damals nicht. Heute mögen sie uns vielleicht ein bisschen, aber in der Filmindustrie ist es immer noch schwierig. Man kann nie eine Hauptrolle spielen in einem amerikanischen Film, es sei denn, die Hauptrolle ist ein Ausländer, und das ist selten. Ganz abgesehen davon mochte ich die amerikanische Lebensart nicht. Der Ehrgeiz und die enorme Konkurrenz, die dort herrscht, das waren Dinge, die ich nicht kannte. Ich hatte zuvor nie Konkurrenzkämpfe zu bestehen. Das ist vielleicht etwas, das mir gefehlt hat.

The European: Sie bekommen nun einen Stern auf einem Berliner “Walk of Fame”, neben Hildegard Knef und Marlene Dietrich. Filmstars dieser Größe verehren wir heute mit Sehnsucht, finden Sie nicht? Solche Stars gibt es in Deutschland gar nicht mehr.
Adorf: Nicht nur in der Schauspielerei, auch auf anderen Gebieten, werden Superstars heute künstlich hergestellt. Junge Schauspieler müssen nicht mehr den langen Weg gehen, den wir früher gehen mussten. Das heißt allerdings auch, dass sie nicht mehr die ganz große Aufmerksamkeit auf sich lenken können wie wir damals. Das ganze Geschäft ist viel schnelllebiger geworden. Das Fernsehen hat neben vielen Stärken die Schwäche, dass es Karrieren verbraucht. Es schießt Schauspieler sehr schnell hoch, lässt sie aber ebenso schnell auch wieder fallen.

The European: Sehnen Sie sich nach mehr politischer Relevanz im Kino, so wie der “Junge Deutsche Film” sie hatte?
Adorf: Filme wie “Die verlorene Ehre der Katharina Blum” oder “Die Blechtrommel” hatten eine klar politische Botschaft. Das Problem ist, dass heutzutage kein Filmemacher mehr richtig frei ist. Sie alle sind von ihren Geldgebern abhängig. Und gerade wenn ein Fernsehgewaltiger der Geldgeber ist, sind politische Themen selten gefragt. Natürlich gibt es Ausnahmen: Ich habe hier gerade ein Drehbuch liegen, darin geht es um eine politische Komödie. Mal sehen, ob der Film wirklich gemacht wird.

The European: Es war zu lesen, Ihr Traum wäre es, das Leben von Karl Marx zu verfilmen.
Adorf: Ja, das ist ein trauriges Beispiel für das eben gesagte. Da sagen die Fernsehsender: Der Zuschauer weiß nicht, wer Karl Marx war, wir müssen es ihm erklären. Ich sage: Wir machen doch keinen Schulfunk und keinen Lehrfilm, sondern wir wollen eine Geschichte aus dem Leben des Karl Marx erzählen und nicht ihn interpretieren. Seine heutige Wirkung kann durchaus vorkommen, es soll aber nicht der Sinn des Films sein, das Werk von Marx zu erklären.

The European: Zur Zeit der Weltwirtschaftskrise hätte der Film unvermeidlich eine gewisse Relevanz.
Adorf: Ja, ganz richtig. Hätten wir den Film 2008 gedreht und er wäre 2009 herausgekommen, hätte er bestimmt eine große Wirkung erzielt. Leider hat man ihn so lange verhindert, dass diese Chance unwiederbringlich vorbei ist.

The European: Stimmen Sie mit Marx überein, dass der Kapitalismus sein Ende finden wird?
Adorf: Ja, auf jeden Fall. Wie jede Weltanschauung, die ihren Höhepunkt erreicht und überschritten hat, wird er sein Ende finden. Nun ist der Kapitalismus schon oft totgesagt worden, durch unsere Gier ist sein Ende hinausgeschoben worden. Eines Tages aber werden wir einsehen müssen, dass das so nicht weitergeht. Dass Wachstum nicht weitergeht in dem Sinne, in dem wir es verlangen, dass unser Wohlergehen nicht so weitergeht, wie wir es lange gewöhnt waren.

The European: Sind Sparpakete und allgemeines Gürtel-Enger-Schnallen die logische Folge?
Adorf: Ja, ich sehe das schon als ein Ergebnis dessen, dass wir Jahre lang über unsere Verhältnisse gelebt haben. Jetzt wird gespart und das Sparen ist notwendig. Wir können nicht ewig so weiter leben und Schulden anhäufen, die nicht bezahlt werden können. Da wird es eines Tages zum Gau kommen. Und ich bin froh, dass ich eine Chance habe, das nicht mehr zu erleben.

“Dass so viele Menschen Berlusconi akzeptieren, erstaunt mich bis heute”

The European: Sie haben 40 Jahre lang in Italien gelebt und das Land, wie Sie selbst sagen, leichten Herzens verlassen. Spielte dabei Ihre Enttäuschung über die Regierung Berlusconi eine Rolle?
Adorf: Ganz klar, ja. Ich habe Italien in einer Zeit kennen gelernt, die man als die “Dolce Vita”-Zeit beschreibt. Die war vielleicht nie ganz so dolce, trotzdem waren die Italiener damals Menschen, die das Leben leichter nahmen und positiv eingestellt waren, die es sich leicht machten, gut zu leben. Mittlerweile haben sich die Italiener grundlegend verändert. Da gibt kein Dolce Far Niente mehr, die Leute sind verbissener geworden und gar nicht mehr leichtlebig. Meiner Meinung nach geschah das durch den Einfluss des Herrn Berlusconi und seines Fernsehens. Ein erstes Warnzeichen für diese Veränderung war für mich, dass Italien eines der ersten Länder war, das dieses Rauchverbot durchgesetzt hat. Ich bin Nichtraucher und halte dieses Gesetz im Grunde für eine gute Sache. Aber dass die Italiener, diese anarchistischen Italiener, wie ich sie kannte, vorne weg galoppieren, das war für mich einfach unglaublich. Auch dass so viele dort einen 72 Jahre alten Macho bewundern, dass so viele Menschen Berlusconi akzeptieren und kaum einer dagegen ist, erstaunt mich bis heute.

The European: Jetzt leben Sie in Frankreich. Kommen Sie mit Nicolas Sarkozy besser klar?
Adorf: Zwischen Sarkozy und Berlusconi gibt es nur kleine Unterschiede. Auch Sarkozy ist eigentlich ein Staatsbeamter, eine Manager-Typus, und weit von der Statur eines Staatsmannes entfernt. Er managt Frankreich, aber er führt es nicht. Also auch Sarkozy hat nicht meine Hochachtung.

The European: Sie und Ihre Frau sind seit über 40 Jahren ein Paar. Wird die Liebe im Laufe so vieler Jahre besser?
Adorf: Zunächst einmal wird sie anders. Am Anfang mag es eine leidenschaftliche Verliebtheit sein. Im Laufe eines Lebens aber ändern sich die Gefühlsarten. Es ist nicht mehr die große Liebe, sondern es ist das große Vertrauen. Man ist Partner. Man steht nebeneinander und nicht gegeneinander. Das ist eine Entwicklung, die über Jahre geht.


The European: Sie sagten einmal, dass Sie auf ihrem Weg auch Versuchungen erlegen sind.
Adorf: Ja, wer nicht! Ich habe das nie bestritten. Gerade in unserem Beruf ist man auch immer wieder Versuchungen ausgesetzt. Ich bin ja kein Mönch! Und wir waren ja auch öfter getrennt in unserem Leben. 17 Jahre lang waren wir nicht verheiratet. Das war eine Zeit, in der wir beide auch gelegentlich zweifelten, in der wir uns fragten: Ist es das auch wirklich? Das gelingt vielen vielleicht nicht.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Ann-Marlene Henning: „Beim Sex soll alles von alleine klappen“

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Liebe, Kapitalismus, Tod

Kolumne

Medium_651b175fd6
von Thore Barfuss
22.06.2015

Kolumne

Medium_63973e8231
von Alexander Görlach
26.03.2015

Debatte

Wie Investoren den Tod abschaffen

Medium_1c26661c87

Weisheit mit Löffeln fressen

Nahezu ewiges Leben lockt. Starten Sie für den Anfang mit zwei Löffeln Butter in den Tag. weiterlesen

Medium_157e072d1c
von Dave Asprey
16.01.2015
meistgelesen / meistkommentiert