Feigheit vor dem Feind zählt nicht. Peter Tauber

„Ich halte von Fernsehen nicht viel“

Spätestens seit sie den Bayerischen Filmpreis für ihre Rolle in Oskar Roehlers “Der Alte Affe Angst” bekam und mit Sicherheit nach ihrer Darstellung der Uschi in Bullys “Der Schuh des Manitu” kennt Deutschland Marie Bäumer. Auch dieses Jahr reizt sie ihre filmischen Möglichkeiten wieder aus. Und für Nachwuchs in der Filmbranche hat sie auch schon gesorgt. Das Gespräch führte Louisa Löwenstein.

The European: Sie waren gerade mit einem Mehrteiler von Dominik Graf an der Berlinale vertreten. Erzählen Sie uns davon?
Bäumer: “Im Angesicht des Verbrechens” ist ein Sittengemälde einer Familie, die aus Lettland nach Berlin kommt und dort mit der Russenmafia konfrontiert wird. Es war ein unheimlicher Kraftakt und, umso schöner, ein großer Erfolg für Dominik Graf und Rolf Basedow (Autor). Es gibt noch ein paar Gestalten, die die kreative Fahne hissen. Aber viele wollen zwar ganz besondere Qualität und inhaltliche Widersprüchlichkeiten und all das, was Kino letztendlich ausmacht, aber nicht den Rahmen und auch nicht das Geld dafür zur Verfügung stellen. So war diese ganze Geschichte eine ziemlich schwere Geburt und ich gönne es Dominik Graf von Herzen, dass das Ganze jetzt diese Aufmerksamkeit erhält. Das Ganze hätte ein großer Kinofilm werden können, wenn der Markt in Deutschland da wäre.

Befasst man sich richtig damit, wird einem ganz anders

The European: “Im Angesicht des Verbrechens” behandelt auch das Thema Zwangsprostitution. Wie sehr berührt es Sie persönlich, in einem solchen Film mitzuspielen?
Bäumer: Für mich war das in diesem Fall nicht so massiv, weil das Thema Zwangsprostitution meine Figur gar nicht so berührt hat. Trotzdem kam es natürlich immer wieder rübergeschwappt, was einen nicht kalt lässt. Es ist schon Wahnsinn, sich so etwas vorzustellen, auch wenn es ein Stück weit immer etwas Abstraktes behält. Befasst man sich richtig damit, wird einem ganz anders.

The European: Sind Sie jemand, der nach Drehschluss seine Rolle ablegen kann oder mit nach Hause nimmt?
Bäumer: Da bin ich eigentlich recht nüchtern. Der Ansatz meiner wichtigsten Lehrerin Jutta Hoffmann ist nicht zu sagen “Ich bin das”, sondern ich leihe meine Möglichkeiten, Sehnsüchte, Gefühle dieser Person. Ich nenne das immer Sehnsuchtsträger. Es ist wie ein Mantel, den man anzieht, danach aber eben wieder ablegt. Ich stelle mir das sonst auch wahnsinnig anstrengend vor, für mich und alle anderen. Aber einen Teil nimmt man schon immer irgendwie auf, das macht ja auch Spaß. Stella, meine Rolle in “Im Angesicht des Verbrechens”, war sehr sinnlich und eigenwillig. Das hat schon auch Spaß gemacht. Meine Rolle davor war eher unscheinbar und vorsichtig, das bringt dann nicht gerade den revolutionärsten Teil in einem zum Schwingen.

The European: Haben Sie Ihren Sohn am Set dabei?
Bäumer: Früher öfter, jetzt ist er schon zwölf, also nicht mehr so oft. Er hat jetzt das erste Mal in einem Film mitgespielt. In “Die Grenze” spielt er den Sohn meiner besten Freundin, der später stirbt. Er war enttäuscht, dass er nicht camera-on sterben durfte – das hatte er schon gut trainiert.

The European: Plant er, Schauspieler zu werden?
Bäumer: Das ist noch offen zurzeit, eher Regisseur. Erst will er Schauspiel lernen und später Regie. Das finde ich toll, weil sehr viele Regisseure einfach nicht wissen, wie man sich als Schauspieler fühlt.

The European: Sie hatten als Kind keinen Fernseher, wie halten Sie es damit nun selbst in der Kindererziehung?
Bäumer: Mein Sohn hat in Sachen Fernsehen ein strenges Regiment ertragen. Ich halte von Fernsehen nicht viel. Mein Lieblingssatz ist: “Der Fernseher hat aus dem Kreise der Familie einen Halbkreis gemacht.” Fernsehen hat mehr Schaden angerichtet als Positives. Einer der wenigen Sender, die man überhaupt gucken dürfte, ist Arte, dann noch 3Sat. Sonst wird doch viel Humbug gemacht. Dass wegen einiger weniger guter, interessanter Produktionen so ein Mist – dreimal unterstrichen – rausgehauen wird, macht es manchmal beschämend, für dieses Medium zu arbeiten.

Man muss ja auch mit Ideen mal den Rahmen sprengen

The European: Nun wurde aber gerade eine neue Sat.1-Produktion mit Ihnen fertiggestellt. “Die Grenze” beschäftigt sich mit der Frage, was wäre, wenn Deutschland erneut geteilt würde. Ein schwieriges Thema, mit dem man leicht danebengreifen kann. Hatten Sie Angst vor dem Stoff?
Bäumer: Angst nicht. Wir dachten, wir müssen das einfach ausprobieren. Das ist eine Utopie, die, finde ich, nicht so weit weg ist. Bedauerlicherweise. Das Streben nach Macht, des Kontrollierens, des Abgrenzens ist ja latent da. Alle Fehler können sich wiederholen. Das gilt nicht nur für den Staat oder die Politik. Auch privat laufen wir immer wieder zum Therapeuten, und zum Schluss kann es immer wieder nur an denselben Dingen haken. Deswegen fand ich die Idee zur “Grenze” erst einmal sehr spannend. Der Regisseur hat sich aber schon darauf eingestellt, eins auf die Mütze zu kriegen. Aber es ist wichtig, dass etwas mal gewagt wird. Wir Deutschen neigen ja zum Sicherheitsdenken, bloß nicht auffallen, das könnte zu riskant werden. Man muss ja auch mit Ideen mal den Rahmen sprengen. Ob das dann funktioniert, weiß man nicht. Ich finde, man darf so eine Utopie ruhig mal angehen.

The European: Uwe Kockisch, Ihr Kollege bei “Die Grenze”, kommt aus der ehemaligen DDR, Sie wuchsen in Hamburg auf. Geht man an einen solchen Stoff unterschiedlich heran?
Bäumer: Uwe scheint mir durchdrungener von dem politischen Wesen der DDR und dem, was er dort erlebt hat. Man spürt, wir kommen aus zwei verschiedenen Welten. Das ist immer wieder interessant. Gerade unter Kollegen, wie unterschiedlich da manche Denkansätze sind und im Übrigen auch die Spielweisen.
Ich habe bei den Ost-Schauspielern auch immer die kollektive Idee bewundert, fast beneidet. Im Westen sind wir sehr autofokussiert. Das Sich-in-den-Dienst-der-Sache-Stellen existiert hier nicht in der Haltung.
Genauso fällt mir oft eine offene, selbstverständlich hilfsbereite Haltung auf, die vielen Menschen aus dem Osten eigen ist. Bei diesem Thema hier ist das noch einmal sehr evident geworden.

Jedes Kind wächst mit dem Bewusstsein auf, der Natur zu schaden

The European: Seit Kurzem engagieren Sie sich für ein Umweltprojekt – was genau ist Cradle to Cradle?
Bäumer: Cradle to Cradle ist eine großartige Idee. Jedes Kind wächst mit dem Bewusstsein auf, der Natur zu schaden. Diesen Schuldkomplex können wir aufgeben. Wichtig ist vor allem, wie schützen und helfen wir uns selbst. Und das mit der Natur als Partner! Wir nehmen von ihr und geben ihr zurück. Cradle to Cradle ist eine Idee des nicht endenden Kreislaufs, in dem die Rohstoffe gehalten werden, also nicht verloren gehen, oder aber der Natur wieder zurückgeführt werden.

The European: Zum Beispiel?
Bäumer: Zum Beispiel eine Flasche, die aus einer Art Glasfaser hergestellt ist, die sich komplett zersetzt und dann besondere Blumensamen freisetzt. Oder, ich fahre Auto und helfe damit der Natur. Das hört sich verrückt an, aber man muss nur die Bereitschaft haben, sich darauf einzulassen. Die Intelligenz des Menschen ist doch noch lange nicht ausgeschöpft, im Gegenteil. Das macht Cradle to Cradle so spannend.

The European: Was genau ist hier Ihre Aufgabe?
Bäumer: Gerade bin ich noch dabei, mich in das ganze Thema hineinzudenken und lese Bücher von Michael Braungart (Umweltchemiker) und William McDonough (Architekt), den Begründern dieser Organisation, und ich versuche, erst einmal darauf aufmerksam zu machen. Ich habe schon länger ein sinnvolles Projekt gesucht, in dem ich mich engagieren kann. Cradle to Cradle hat mich überzeugt, es ist ökonomisch und ökologisch klug und nicht nur etwas für eine begrenzte Schicht. Nicht nur effizient, sondern auch effektiv.

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