Die Gedankenfreiheit haben wir. Jetzt brauchen wir nur noch die Gedanken. Karl Kraus

„Diese Erfahrung nährt meine Seele bis heute“

Marianne Birthler im Gespräch mit Volker Resing über ihr Erleben der friedlichen Revolution der DDR, ihre Beziehung zur Freiheit und den Abend des 9. Oktober. Das Interview wurde dem Buch „Kerzen und Gebete“ aus dem benno Verlag entnommen.

The European: Wie lässt sich die geistliche Dimension der friedlichen Revolution beschreiben? Oder ist das eine Überhöhung der politischen Vorgänge?
Birthler: Ich persönlich stelle oft zwischen Ereignissen und meinem Christsein eine Verbindung her. Daher ist es für mich naheliegend, die friedliche Revolution auch als eine Oster-Erfahrung zu beschreiben: Zu einem Zeitpunkt, wo im Land eine große Entmutigung und eine Gefühl von Stillstand und Hoffnungslosigkeit verbreitet war, brach plötzlich etwas Neues auf und alle Türen standen wieder offen. Das würden andere ganz gewiss anders beschreiben, aber ich als Christin sehe das in dieser Dimension. Wer 1989 bewusst erlebt hat, weiß, dass Veränderungen und die Befreiung aus hoffnungslosen Situationen möglich sind.

The European: Sahen Sie das in der Zeit so oder nachträglich?
Birthler: Es gibt einen schönen Satz von SØren Kierkegaard, der lautet: Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden. So, glaube ich, war das nicht nur für mich, sondern auch für viele andere im Herbst 1989. Wir waren so atemlos, haben viel erlebt und getan und wurden jeden Tag überrascht. Was das alles bedeutet, hat sich erst im Nachhinein ergeben. Allerdings erinnere ich mich daran, dass ich – zwischendurch sozusagen – auch darüber nachgedacht habe, wie es kommt, dass manche Bibeltexte, manche Predigt plötzlich in einem ganz neuen Licht erschienen, eine andere Leuchtkraft bekommen haben. Texte, die ich schon x-Mal gehört oder gelesen habe, bekamen plötzlich in einer überfüllten Kirche, in der Menschen zusammengekommen waren, um zu protestieren und sich gegenseitig Mut zu machen, eine neue Lebendigkeit. Das habe ich mir damit erklärt, dass auch viele Bibeltexte in einer Zeit entstanden sind, als Menschen sich bedroht fühlten, in der sie Ermutigung suchten oder Antwort auf existenzielle Fragen.

The European: Pfarrer Führer hat von einem „Wunder von biblischen Ausmaß“ gesprochen …
Birthler: Ja, das ist eine schöne Formulierung. Für mich ist Freiheit ein zentraler Begriff, das habe ich durch meine Erziehung mitbekommen. Freiheit ist für mich außerdem die zentrale Idee des Evangeliums. Im Grunde ist die politische Freiheit, die wir meinen, auch abgeleitet von der Freiheit, zu der wir geboren sind. Und deswegen besteht für mich ein ganz enger Zusammenhang zwischen diesem Befreiungsprozess, den wir 1989 erlebt haben, und der Freiheit, von der das Evangelium spricht.

The European: Die Kirchen waren auch Schutzraum der Unzufriedenen in der Diktatur. Haben Sie ihre eigene Bestimmung als Ort Gottes dabei manchmal auch verloren, verlieren müssen?
Birthler: Es gab seinerseits viele Diskussionen und auch Streit in der evangelischen Kirche darüber, ob es dem Auftrag der Kirche entspricht, Räume und Türen weit zu öffnen für die Oppositionsgruppen. Die Kirchen waren der einzige öffentliche Raum, der nicht staatlich kontrolliert wurde, wo sich Gruppen legal treffen konnten, die unabhängig über Umweltschutz, Friedensfragen, Pädagogik, die Dritte Welt und viele andere Themen diskutieren wollten. Die Entscheidung darüber, ob diesen Gruppen Räume zur Verfügung gestellt werden, lag in der evangelischen Kirche bei den jeweiligen Gemeindekirchenräten. Manche haben die Frage mit Ja beantwortet und manche mit Nein. In diesen Auseinandersetzungen ist der Begriff Politische Diakonie entstanden. Mein Argument war, dass die Kirche schon immer auf gesellschaftliche Herausforderungen reagiert hat, entweder indem sie Schulen gegründet hat oder Krankenhäuser errichtete, wenn es keine gab. Nun waren sie in der Pflicht, Räume bereitzustellen, in denen sich wenigstens eine unabhängige Teilöffentlichkeit entwickeln konnte. Nur ein Teil der Kirchengemeinde hat diese Herausforderung angenommen.

The European: Sind Sie zufrieden mit Ihrem Engagement damals? Es gibt ja einige, die enttäuscht und resigniert sind.
Birthler: Also zu den Resignierten und Enttäuschten gehöre ich definitiv nicht. Ich bin jeden Tag dankbar und kann das auch für meine Familie und viele meiner Freunde sagen. Das, was wir uns 1989 am allermeisten gewünscht haben, ist alles in Wirklichkeit geworden. Wir wollten Demokratie, wir sehnten uns nach Freiheit und wollten in einem Rechtsstaat leben. Und ich wusste, dass wir nicht im Paradies landen, sondern in einem normalen Land mit allen Schwächen und Stärken.

The European: Heute sind Sie, die Demonstrantin von einst, Behördenchefin. Heute sind Sie starker öffentlicher Kritik ausgesetzt, gerade in jüngster Zeit, etwa dass die Stasi-Aufarbeitung unzureichend vorangetrieben wird …
Birthler: Einige sehen das so, aber ein solcher Vorwurf wird durch ständige Wiederholung nicht plausibler. Natürlich müsste mehr geschehen, die nachträgliche Verklärung der DDR ist ein untrügliches Anzeichen dafür. Aber dies ist nicht die Aufgabe einer einzelnen Institution – hier sind alle in der Verantwortung, zum Beispiel auch Pädagogen, Journalisten, Politiker und die Kirche.

The European: Gibt es etwas, was die Spiritualität der Zeit besonders gut beschreibt?
Birthler: Das ist fast banal, wenn ich sage, dass die Kerzen eine wichtige Rolle spielten, die auch sonst sehr stark im religiösen Kontext genutzt werden. Kerzen als Symbol für Friedlichkeit. Mit einer Kerze in der Hand kann man nicht schlagen oder nach Steinen greifen. Was mich auch beeindruckt hat, war die Lebendigkeit in den Gesichtern und der Gesang in den überfüllten Fürbittandachten, die überall im Land stattfanden – Veranstaltungen, die eine Mischung aus politischer Versammlung und Andacht waren. Das fand dich immer sehr anrührend.

The European: Gibt es denn eine konkrete Erinnerung?
Birthler: Da komme ich wieder auf den Abend des 9. Oktober in der Gethsemanekirche zurück. Das war – nicht nur für mich – der wichtigste Tag der Revolution. Ein wirklich sehr bedeutsamer Abend.

Dieses Interview ist dem Buch “Kerzen und Gebete: Ein geistliches Lesebuch zur friedlichen Revolution 1989” (Verlag St. Benno) von Volker Resing entnommen.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Polarkreis 18 : „Eine lustige Gratwanderung, die wir uns da vorgenommen haben“

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