Der Kommunismus findet Zulauf nur dort, wo er nicht herrscht. Henry Kissinger

Hilfe, die Amis kommen

Das Mitgefühl mit Amerika nach dem 11. September war von kurzer Dauer. Schnell hat sich die internationale Gemeinschaft in Verharmlosungen, Ressentiments und Überspitzungen verstiegen. Und auch zehn Jahre später ist Antiamerikanismus immer noch en vogue.

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 waren zweifellos die bisher extremste Manifestation eines gewalttätigen, die USA fundamental negierenden Antiamerikanismus. Entsprechend groß war auch die Betroffenheit fast überall auf der Welt. Doch schon bald nach dem ersten Schock bekam die spontane Solidarität Risse und es verlagerte sich der Diskurs – weg von den Opfern und hin zu den möglichen Ursachen und Folgen von 9/11.

Das Jahrhundert des Antiamerikanismus

Die Angst vor einem (Welt-)Krieg dominierte die öffentliche Stimmung, besonders in Deutschland, wobei es zu diesem Zeitpunkt noch nicht um die tatsächliche Reaktion der USA ging, sondern um den ihr unterstellten blinden „Rachefeldzug“. Fallweise trat auch eine gewisse Genugtuung zu Tage, ja Schadenfreude darüber, dass es nun mal „die Amis selbst“ erwischt habe. Es kam zu Opferaufrechnungen und Verschwörungstheorien blüh(t)en keineswegs nur im paranoiden Dickicht des Internets.

Das Bedürfnis nach Erklärungen der monströsen Tat war groß – doch manche der verwendeten Deutungsmuster (US-Außenpolitik, Aufstand der Dritten Welt, Gegensatz Arm-Reich usw.) gerieten zu Verharmlosungen des Terrors und zu Schuldzuweisungen an die USA – bis hin zu einer sukzessiven Opfer-Täter-Umkehr. All das zeigt, wie schwer es vielen hierorts fiel, die USA einmal vorbehaltlos als Opfer gelten zu lassen.

Mit den Kriegen in Afghanistan und im Irak verstärkte sich diese Tendenz noch. Massive Kritik an den USA war in den Jahren nach 2001 allgegenwärtig – manche intellektuellen Beobachter sprachen daher vom Antiamerikanismus als „master narrative of the age“ (Tony Judt) oder erklärten das noch junge 21. Jahrhundert gar zum „anti-American century“ (Krastev/McPherson).

So weit würde ich nicht gehen. Die Kritik an den USA war teilweise durchaus berechtigt und auch Präsident Bush bot sich aufgrund seiner Politik und seines Habitus als ideales Feindbild an. Aber vielfach ging die weit verbreitete USA-Schelte nach 9/11 über eine sachliche Kritik an der US-Politik hinaus. Sie war oft nur ein Vorwand für ohnehin vorhandene Vorurteile und auch nicht immer frei vom Dünkel der moralischen Überlegenheit. Immer wieder wurden antiamerikanische Ressentiments aktiviert, wobei man sich – je nach politischer Sozialisation und Generation – aus dem historischen Fundus des Antiamerikanismus (der in Deutschland bekanntlich eine lange Tradition hat) bediente.

Eine klare Trennlinie zwischen einem Antiamerikanismus „rechter“ und „linker“ Provenienz lässt sich kaum mehr ziehen, wie etwa die verbreitete Globalisierungskritik im Kontext von 9/11 gezeigt hat.

Abgrenzung durch kulturelle Ressentiments

Mit der Wahl Barack Obamas und seiner geradezu euphorischen Aufnahme in Deutschland schien das (kurze) antiamerikanische Jahrzehnt sein Ende gefunden zu haben. Der intellektuelle Obama entsprach ganz den europäischen Vorstellungen und wurde deshalb als „un-amerikanisch“ geliebt. Doch lang ließ die Enttäuschung nicht auf sich warten.

Mittlerweile verlagert sich das antiamerikanische Ressentiment wieder stärker auf die kulturelle Ebene und findet seine Nahrung an Nebenfronten, etwa in der Affäre Strauss-Kahn, als das konsequente Verfolgen des Vergewaltigungsvorwurfs als übertriebene, typisch amerikanische Prüderie und Political Correctness angeprangert wurde. Die „Sorge“, dem Antiamerikanismus könnte einmal der Stoff ausgehen, ist jedenfalls unbegründet. Ein gewisses Maß davon gehört – allein schon zum Zwecke der Abgrenzung – zum Bestandteil unserer Kultur. Wie die Geschichte zeigt, ist er überaus anpassungsfähig und wird auch künftig seine zeitgemäßen Konjunkturen erleben.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jessica Gienow-Hecht, Ansgar Graw, Christoph Schwarz.

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Leserbriefe

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Dass die Solidarität mit den USA nach dem 11. September so schnell in Kritik umschlagen konnte, lag nicht zuletzt an den hohen Erwartungen Europas. Dieses Wechselspiel aus Erwartungen und Desillusionierung definiert unser Verhältnis zu den USA.

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von Jessica Gienow-Hecht
01.10.2011

American Angst

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Niedergang der USA? Nicht so schnell. In dem Land mag nach dem 11. September nicht alles rund gelaufen sein, aber die Amerikaner spielen in vielen Disziplinen weiter ganz vorne mit.

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von Ansgar Graw
18.09.2011

Totgesagte leben länger

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Seit den Terroranschlägen des 11. September wurde Dutzende Male der Tod des amerikanischen Heroismus prophezeit. Dabei ist die Opferbereitschaft der amerikanischen Gesellschaft tatsächlich abhängig von der politischen Zielsetzung.

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von Christoph Schwarz
16.09.2011

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