Im Grunde bin ich für die Pressefreiheit, aber geschmackvoll sollte sie schon sein. Leo Fischer

Extrem laut und unglaublich nah

Großflughäfen dienen der Wirtschaft mit unbestreitbarer Effizienz – doch so lange ihr Wachstum unkontrolliert bleibt, schlägt Nutzen schnell in Belästigung um.

Nicht jeder weiß, was Fluglärm ist, wann er störend, belästigend, quälend wirkt oder krank macht. Je nach Flughöhe, -route, Flugfrequenzen etc. ist er unterschiedlich wahrnehmbar. Inzwischen ist aber seine krank machende Wirkung wissenschaftlich gesichert.

Fluglärm stellt vor allem deswegen ein erhebliches Problem dar, da er uns schutzlos lässt. Ob wir arbeiten oder unsere Freizeit zu Hause leben, wir können unsere Ohren weder zudrehen noch dagegen eine Lärmschutzwand aufstellen. Passiver Lärmschutz ist inzwischen längst ausgereizt, aktiver kann aber wegen wirtschaftsbremsender Wirkung eher nicht infrage kommen.

Aus dem Bett ins Flugzeug

Die seit Langem zu verzeichnende Entwicklung läuft auf weitere stetige Zunahme des Flugverkehrs hinaus. Das Flugzeug ist zum unverzichtbaren, für alle sehr beliebten Massenverkehrsmittel geworden, leise und sauber beim Ein- und Aussteigen, auch in der Kabine, bequem und große Distanzen überbrückend. Die hierbei vorausgesetzte Erreichbarkeit von Flugverbindungen und Arbeitsmöglichkeiten sind aber erkauft durch erhebliche Belastungen des meist dicht besiedelten Flughafenumlands, nicht nur durch Lärm und Umweltbelastungen, aber auch durch ein gern verschwiegenes erhöhtes Unfallrisiko.

Nun hat ein innerstädtischer Flughafen wie z.B. Hamburg als kleiner Segelsportflughafen begonnen und sich dann langsam zu einem sehr respektierten Großbetrieb entwickelt, wo die Passagiere ohne jeden Zeitverlust quasi aus dem Bett ins Flugzeug steigen können. Optimum erreicht, bequemer, schneller geht es nicht. Oder brauchen wir gar noch eine Raketenstation auf dem Rathausplatz, um schneller als andere Konkurrenten unsere Wunschziele zu erreichen? Die wirtschaftliche Bedeutung des Flughafens für den Großraum ist fraglos unverkennbar, die Betreiber sind ohne Wenn und Aber dem Betrieb, seinem Wachstum und unserem Wirtschaftssystem verpflichtet. Die Politiker – in Frankfurt ist es jetzt deutlich zu sehen – nein, wir alle, sind durch diese Entwicklung aber immer mehr zu Geiseln der Wirtschaft geworden, deren Entfaltungsmöglichkeiten nicht mehr regulierbar zu sein scheinen. So darf es aber keinesfalls weitergehen. Die Wirtschaft sollte nach wie vor den Menschen dienen, nicht umgekehrt.

Ehrlicher Interessenausgleich

Längst ist daher der Zeitpunkt gekommen, wo ein ehrlicher Interessenausgleich zwischen den Beteiligten herbeizuführen ist. Zunächst muss ein Gesamtluftverkehrskonzept her. Nicht jede Kommune braucht ihren Flughafen, nicht jede sollte ihr eigenes Süppchen kochen, sondern sich auf ein gemeinsames Handeln umstellen. Verantwortliche sollten ihre Grenzen dort erkennen, wo wirtschaftliche Interessen auf Kosten anderer Menschen aufgebaut werden. Fluglärm lässt sich nicht beheben durch Nachtflugbegrenzungen oder passiven Lärmschutz, sondern nur aus den Siedlungsgebieten in die Fläche verlagern. Es sind hierbei sicherlich Kreativität, politischer Wille und Weitsicht gefragt, ohne die wir aber sowieso nicht zukunftsfähig sein können. Haben wir denn keine guten Planer und bleiben wir weiterhin kleinmütig, kleinstaaterisch, kleinkariert für die laufende Wahlperiode? Die Fluglärmproblematik ist keine Demokratie- sondern eine Rechts- und Ethikfrage. Die lärmgequälten Menschen haben auch als Minderheit einen Anspruch auf Schutz – wohl mehr noch als z.B. die Juchtenkäfer.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Dirk Treber, Gunnar Suhrbier, Dieter Janecek.

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