Ich kann Latein nur aus meiner Zeit als Messdiener und da kam ‘casus belli’ nicht vor. Franz Müntefering

Phasendrescher

Seit Monaten warten einige Journalisten darauf, die Kredit-Affäre des Bundespräsidenten auszuspielen. Jetzt ist es so weit und wir verfolgen einen klassischen Politskandal – die Moral rückt dabei jedoch in den Hintergrund.

Das Wettrennen hat begonnen: Gräbt die Berliner Hauptstadtpresse genügend neues, belastendes Material aus, um Bundespräsident Christian Wulff auf den Titelseiten zu halten? Oder schieben sich andere Themen wie der Tod des nordkoreanischen Machthabers Kim in den Vordergrund? Es geht um diese Woche: Noch bis Freitag haben die Medien, um den Bundespräsidenten in einen Rücktritt zu treiben. Dann ist Weihnachtspause – und danach wird es schwer werden, die Affäre neu zu entfachen. Es sei denn, es gibt neue, dann noch ungeheuerlichere Anschuldigungen.

Die Schleusen sind geöffnet

Was derzeit zu besichtigen ist, ist die klassische Anamnese eines Politskandals: Einzelne Medienvertreter haben offensichtlich schon seit Monaten – im Fall des „Spiegel“ seit weit über einem Jahr – um die Kreditvergabe für Wulffs Privathaus in Burgwedel recherchiert.

Lange Zeit ergebnislos, bis es dann einem gelang, die entscheidende Information „hart“ zu bekommen, wie es im Jargon heißt. Das öffnete die Schleusen für alle anderen, ihren jeweiligen Recherchestand zu präsentieren, um nicht abgehängt zu werden. Nun startete Phase zwei, als alle Medien das Thema aufgreifen mussten und aus den jeweiligen Puzzlesteinen ihre eigene Version des Geschehens zusammenbastelten.

Damit war Christian Wulff und sein Kredit endgültig in jeder Spitzenmeldung angekommen – und musste reagieren. Das hat er über das Wochenende getan – oder tun lassen – und so sind wir nun in Phase drei: Das neue, dieses Mal vom Objekt im Zentrum des Sturms präsentierte Material wird seziert und auseinandergenommen. Mehrere Urlaube über mehrere Jahre bei verschiedenen Unternehmerfreunden? Einige davon nicht bezahlt?

Wie stark sind Wulffs Nerven?

Nun ist die entscheidende Frage, ob dieses neue, von Wulffs Anwälten bereitgestellte Material ausreicht, die Schlagzeilen der vergangenen Tage zu übertrumpfen. Reichen sie für Seite eins? Kann man daraus Spitzenmeldungen im Radio und Fernsehen machen?

Über dieser „Mechanik“ eines Skandals rückt die moralische Begutachtung oft in den Hintergrund. Die Schlagzeilen füttern sich sozusagen selbst. Es sei denn, andere Schlagzeilen sind noch stärker: „Atomkrieg in Asien?“ beispielsweise, je nachdem, was der neue, völlig unbekannte Machthaber in Nordkorea in den nächsten Stunden von sich gibt.

So hängt das Schicksal des Bundespräsidenten auch davon ab, ob irgendwo sonst in der Welt etwas passiert, was ihn von der Seite eins verdrängt. Zuvorderst hängt es natürlich an ihm selbst: Was kommt da noch aus seiner Vergangenheit hoch? Und wie stark sind seine Nerven?

Wie gesagt, das Wettrennen läuft: fünf Tage noch bis Weihnachten.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Kolmus – 18.01.2012 - 22:46

    Die Causa Wulff ist für uns Bürger unerträglich.
    Diese Halblügen des Herrn Wulff sind ein Schlag ins Gesicht.
    Was soll da an Politikern aus der nächsten Generation nachkommen, wenn ein Herr Wulff mit diesen Praktiken durchkommt und dies alles aussitzen kann – wie er selbst meinte.
    Da kann man nur noch entsetzt sein – über so viel Vetternwirtschaft
    des Herrn Wulff.
    Auch bin ich sehr froh dass die Presse in so einem gravierenden
    Fall wie den Causa Wulff – einig sind – wenn diese jetzt auch – ein
    selbsternanntes Gewissen in Gestalt des Hern Jörges – nun als Hetzjagd bezeichnet.
    Frau Merklel wird es ihm danken !!!!!!!!!!!

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