Ich bin schon froh, wenn wir die Eröffnungsfeier nicht verlieren. Günther Beckstein

Niere abzugeben

Während in anderen Ländern die Organspende nach dem Widerspruchsprinzip geregelt ist, werden in Deutschland Organe weggeworfen. Über ein Missverständnis.

Ok, Leute, lasst uns mal Tacheles reden: Es regnet, die Straße ist glitschig, ihr fahrt trotzdem mit 110 über die Bundesstraße. Der LKW auf der Gegenfahrbahn ist ganz plötzlich da. Und dann ist es vorbei. Mist. Zu früh. Echt blöd gelaufen.

Sinn macht so was niemals. Gerecht oder ungerecht ist es auch nicht. Am falschen Ort zur falschen Zeit. Die falsche Entscheidung getroffen. Es ist also vorbei. Doch ist es das wirklich? Passiert die oben geschilderte Szene einer Spanierin, ist die Wahrscheinlichkeit doppelt so hoch als in Deutschland, dass im Tod des einen das Leben des anderen gerettet werden kann.

Doppelt so hohe Chance

Denn in Spanien gilt die Widerspruchslösung bei der Organspende: Jeder ist ein potenzieller Organspender – es sei denn, er entscheidet sich dagegen. Damit ist die Freiheit zu entscheiden hundertprozentig gewahrt. Doch die Zahl derer, die gerettet werden können, ist mindestens doppelt so hoch wie in Deutschland.

Wir hier haben die Zustimmungsregelung. Nur wer einer Organentnahme zu Lebzeiten zustimmt, kann nach seinem Tod noch Leben retten. Gerade mal einer von fünf hier lebenden Menschen tut das. Und so warten über zehntausend verzweifelte Menschen pro Jahr auf Spenderorgane. Sie müssen sich zwei- oder dreimal pro Woche in eine mehrstündige Dialyse schleppen, und werden am Ende doch nicht überleben. Sie kämpfen, doch ihr Kampf ist aussichtslos.

Nierenpatienten müssen jeden Schluck zählen, den sie trinken. Weil ihre Niere nicht mehr arbeitet, muss die Maschine ihr Blut waschen. Ein Weizenbier oder ein Apfelschorle auf ex an einem heißen Sommertag ist für sie tabu. Am Anfang kommen sie mit der Dialyse noch zurecht. Doch schon nach wenigen Monaten wird sie zur Hölle auf Erden – und doch der einzigen Möglichkeit, um irgendwie zu überleben.

Viele Monate hat der Bundestag sich Zeit genommen, die Neuregelung der Organspende zu debattieren. Wer je miterlebt hat, wie ein Freund oder Verwandter nach einem Organversagen dem Tod ins Auge blickt, kann nur schwer verstehen, dass Menschen nach ihrem Tod an ihren Organen so festhalten, dass sie andere nicht mit der Gabe des Lebens beschenken wollen.

Ex-Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier hat seiner Frau eine seiner Nieren gespendet, damit sie weiterleben kann. Weil ihre Blutgruppen glücklicherweise passten. Aber auch, weil viel zu wenig Organe zur Transplantation zur Verfügung stehen.

Die humane Lösung wäre deshalb natürlich auch in Deutschland die Widerspruchslösung gewesen – so wie in Spanien, Portugal, Belgien, Österreich, Frankreich, Italien und Polen. Wer nicht spenden möchte, spricht sich dagegen aus. Alle anderen sind potenzielle Spender – und retten so nach ihrem Tod Leben.

Verneinen, wegwerfen

Doch der Bundestag hat anders entschieden: Nun soll jeder hier Lebende angeschrieben werden. Es bleibt bei der Zustimmungslösung, die so viele Menschenleben pro Jahr kostet. Zuerst im Jahr 2013, und danach in regelmäßigen Abständen, wird jeder schriftlich aufgefordert, sich eine Meinung zur Organtransplantation zu machen. Man könne die Bereitschaft erklären, sie verneinen oder das Anschreiben einfach wegwerfen, erklärte Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) laut Agenturmeldung.

So ist Deutschland also: Erklären. Verneinen. Wegwerfen.

Ganz prima. Es geht um Leben. Sie können gerettet werden. Oder sie können weggeworfen werden. Vielen Dank, Bundestag.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Margaret Heckel: Wie mächtig ist Angela Merkel?

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