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Gegen den Antisemitismus unter Flüchtlingen vorgehen

Antisemitische Verschwörungstheorien gehören im arabischen Raum zur Alltagskultur. Deshalb sind die Warnungen des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden berechtigt. Es braucht keine Relativierungen, sondern eine offene Diskussion.

Vor zwei Jahren plauderte ich in Amman mit einem jordanischen Studenten. Dieser Student, nennen wir ihn Rami, war in Kanada zur Schule gegangen, hat Freunde aus aller Welt, trinkt Bier und geht mit Mädchen aus, kurz: ich spürte keinerlei kulturelle Kluft zwischen uns. Bis das Gespräch auf Politik kam. “Du glaubst doch nicht, dass die Leute vom ‘Islamischen Staat’ echte Araber sind?”, fragte Rami. “Dahinter stecken die Zionisten, ist doch klar. Die wollen Chaos verbreiten.”

Es überraschte mich, so etwas aus dem Mund eines liberalen, aufgeweckten jungen Mannes zu hören. Doch es hätte mich nicht überraschen sollen. Dass Legenden über allmächtige Zionisten im arabischen Raum so verbreitet sind wie Humus und Falafel, ist eine Erkenntnis, der sich kein Reisender in dieser Region entziehen kann. Es genügt, einen beliebigen Buchladen zu betreten: Mit einiger Wahrscheinlichkeit wird man dort Bücher finden, auf deren Deckblättern Comic-Juden mit Hakennase arabische Kinder erdolchen oder gierig nach dem Erdball greifen. Diese Stereotype sind nicht allerorten im gleichen Ausmaß verbreitet. Aber vor allem in den Ländern der Levante und in Ägypten werden Zionisten und Juden – zwischen denen in der Regel nicht unterschieden wird – von den Herrschenden systematisch zum Sündenbock stilisiert, oft mithilfe lokaler Journalisten, Filmemachern, Lehrern und Imamen.

Die propagandistische Saat geht auf

Die propagandistische Saat geht auf: Laut dem angesehenen Pew-Institute sehen in Ägypten, Libanon, Jordanien und den palästinensischen Territorien 95 bis 98 Prozent der Befragten Juden in negativem Licht. 43 Prozent aller Ägypter glauben, dass nicht Al-Qaida, sondern Israel hinter den 9/11-Anschlägen steckt. Nicht nur die Ungebildeten und Abgehängten lassen sich von der Legende des allmächtigen Feinds verführen, sondern auch viele Wohlhabende und Gebildete. Menschen wie Rami.

Mit der Flüchtlingskrise hat das Thema für Deutschland und Europa an Brisanz gewonnen. Josef Schuster, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, forderte kürzlich, entschlossener gegen Antisemitismus unter Flüchtlingen vorzugehen. Schon früher hatte er vor dem Import antisemitischer Einstellungen gewarnt, wofür er neben einigem Zuspruch auch Kritik erntete. Ex-Piraten-Vorsitzende Martina Weisband, selbst jüdischen Glaubens, beschwerte sich, “dass dieses Thema hochgeschaukelt wird”. Andere wie Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow und selbst der frühere Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan Kramer, relativierten die Warnung mit dem Hinweis, antisemitische Haltungen kämen auch unter Deutschen vor. Und der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, versuchte Muslime per se vom Vorwurf des Antisemitismus freizusprechen, indem er erklärte, der Islam sei “organisch antirassistisch”.

Gegen Antisemitismus unter Flüchtlingen vorgehen

Das sind Nebelkerzen, die von der Debatte ablenken. Selbstverständlich gibt es antisemitische Einstellungen auch unter Deutschen ohne Migrationshintergrund, das zeigen Umfragen in trauriger Regelmäßigkeit. Doch erstens löst man das eine Problem nicht, indem man auf ein anderes hinweist; und zweitens zeigen Umfragen, dass antisemitische Einstellungen auch unter arabischstämmigen Europäern weiter verbreitet sind als in der übrigen Bevölkerung. “Dem Antisemitismus begegne ich in islamischen Kontexten überall”, schreibt der Psychologie Ahmad Mansour in seinem Buch über seine Arbeit mit Jugendlichen in Deutschland, “er ist Alltag.”

Gewiss lässt sich der Islam, so wie jede Religion, vielfältig interpretieren: friedlich oder militant, tolerant oder intolerant. Und natürlich ist Antisemitismus kein rein muslimisches Phänomen. Eine der leidenschaftlichsten Hetzreden gegen vermeintliche jüdische Weltverschwörer trug mir ein jordanischer Christ vor. All das ändert nichts an der Tatsache, dass im arabischen Raum jahrzehntelang antisemitische Legenden kultiviert wurden – von islamistischen übrigens ebenso wie von säkularen Herrschern. Es wäre ein Wunder, wenn die Propaganda sich nicht in den Köpfen der Menschen festgesetzt hätte.

Ist jeder Araber oder Muslim ein gefährlicher Rassist?

Ist deshalb jeder Araber oder Muslim ein gefährlicher Rassist? Dürfen wir ab morgen keine Flüchtlinge mehr aufnehmen? Nein und nein, natürlich nicht. Ein Problem zu benennen, ist nicht gleichbedeutend mit Handlungsempfehlungen – eine triviale Erkenntnis, die leider manchmal untergeht. Dabei braucht es eine offene Diskussion, um Gegenstrategien zu entwickeln. Viele derjenigen, die antisemitische Parolen nachplappern, dürften noch nie einen jüdischen Menschen getroffen haben. Gerade bei jungen Menschen könnten persönliche Begegnungen, offene Diskussionen und konsequente Aufklärung etwas bewegen. Josef Schuster schlägt vor, dass Flüchtlinge in Integrationskursen jüdische Museen und Konzentrationslager besuchen sollten. Das allein wird lang gehegte Ressentiments nicht über Nacht in Luft auflösen. Aber es ist richtig, dass er konkrete Vorschläge macht. Sie sollten nur den Anfang einer unverklemmten und konstruktiven Diskussion bilden. Das Gefährlichste wäre es, vor dem Problem die Augen zu verschließen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Charlotte Knobloch, Egidius Schwarz, Henryk Broder.

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