Mir sind Kopftuchmädchen lieber als Arschgeweihmädchen. Peter Gauweiler

Lieber Adoptieren

Die Keimbahntherapie weckt falsche Hoffnungen. Den Nutzen, den sie für eine winzige Minderheit bedeuten könnte, wiege das hohe Risiko keineswegs auf.

Hitzige Diskussionen darüber, wie wir unser schnell wachsendes Wissen über Genetik nutzen könnten, begannen lange vor der „Entschlüsselung“ des menschlichen Genoms. Die damaligen Spekulationen über genbasierte Fortschritte reichten von Hoffnungen, alle Arten von Leiden zu kurieren, bis hin zur grandiosen Vorstellung, genetisch verbesserte Designer-Babys zu schaffen und somit die „Kontrolle über die menschliche Evolution“ zu ergreifen.

In den späten 1990er-Jahren hatten sich die meisten Wissenschaftler und politischen Entscheidungsträger auf ein nuanciertes Verständnis geeinigt: Die Entwicklungswerkzeuge der menschlichen Keimbahntherapie sollten mit einer angemessenen Sorgfalt angewendet werden, um medizinische Probleme von existierenden Personen zu behandeln, nicht jedoch die Eigenschaften zukünftiger Kinder zu manipulieren. Die genetische Veränderung von Keimzellen und frühen Embryonen – sprich Änderungen der Erbanlagen, die auch nachkommende Generationen beträfen – sollten strikt tabu sein.

Der Europarat kodifizierte dieses Verständnis in seiner Konvention für Menschenrechte und Biomedizin von 1997, diese wurde mittlerweile von 30 Nationen unterschrieben oder ratifiziert. In der Tat wurde die Keimbahntherapie von allen Ländern verboten, welche jemals Regeln zur dieser Maßnahme eingeführt haben. Es herrscht nahezu Konsens, Keimbahnänderungen ins Aus zu befördern und eine neue Hightech-Eugenik zu verhindern, was eine klare Grenze in sowohl technischer als auch politischer Hinsicht bedeutet.

Entstehung „genetischer Kasten“

Doch was ist mit dem Versuch, Erbkrankheiten von ungeborenen Kindern durch die sogenannte Keimbahntherapie vorzubeugen? Diese Frage ist weniger heikel, als sie anfänglich erscheint, denn bis auf wenige Ausnahmen gibt es andere sicherere, simplere, verlässlichere Methoden, die außerdem bei Weitem weniger kosten und ethisch nicht so schwierig sind.

Dennoch gibt es weiterhin Befürworter der Keimbahntherapie. Ein paar Technikenthusiasten haben öffentlich die Verwendung dieser Methode zur Verbesserung des Menschen beworben. Sie verfechten den Ansatz, Kinder zu konstruieren, um sie angeblich intelligenter, krankheitsresistenter und dergleichen zu machen, obwohl sie gleichzeitig zugeben, dass dies existierende Ungleichheiten verschlimmern und eine komplett neue Arten erschaffen würde – die vielleicht sogar zur Entstehung von „genetischen Kasten“ führen könnte.

Diejenigen, die menschliche Keimbahnmodifizierung befürworten, haben dafür seltene medizinische Fälle als Rechtfertigung ausfindig machen können. In diesem Bestreben haben sie die Unterstützung einiger nüchterner Wissenschaftler, welche die tiefgehenden gesellschaftlichen Risiken abtun. Vor Kurzem schlugen Forschergruppen aus Großbritannien und den USA sogar Techniken zur genetischen Modifikation vor, welche die Geburt von Kindern mit vererbbaren genetischen Schäden verhindern soll, die eine Form mitochondrialer Erbkrankheiten in sich tragen.

„Drei-Eltern-Babys“

Wie auch andere Keimbahnveränderungen, wären diese „Mitochondrien-Austausche“ von Natur aus unsicher für jedes daraus resultierende Kind. Der Entwicklungsbiologe Stuart Newman weist drauf hin, dass diese „tiefgreifenden Manipulationen“ sehr unterschiedlich von künstlicher Befruchtung seien, da sie notwendigerweise die „Fragmente beschädigter Zellen und Embryonen zusammenbringen“. Es ist unwahrscheinlich, dass diese ein „gesundes Individuum generieren“, sagt er.

Verständlicherweise wollen Frauen, die von schweren mitochondrialen Erbkrankheiten betroffen sind, ihre Nachkommen unbedingt davor schützen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, dies zu tun. Genetische Tests an Embryonen, die auch für andere Erbkrankheiten verwendet werden, werden momentan auch für mitochondriale Erbkrankheiten entwickelt. Und selbstverständlich können betroffene Frauen auch adoptieren oder sich mithilfe Eier anderer Frauen künstlich befruchten lassen. Das entstandene Kind wäre nicht genetisch mit ihnen verwandt, aber es würde auch nicht dem Risiko eines radikalen biologischen Experiments ausgesetzt.

Die Medien haben die Debatte zum Mitochondrien-Austausch als Kontroverse über die „Drei-Eltern-Babys“ beschrieben. Dabei haben sie aber nur wenig zu dem großen Gefahrenpotenzial dieser Methode gesagt oder über die Tatsache, dass dies eine menschliche Keimbahnänderung nach sich zöge. Außerdem herrschen noch weitere irreführende Kontextuierungen vor. Die Zielsetzung „Ausrotten bestimmter Erbkrankheiten“ kann leicht als Heilung für Menschen missverstanden werden, die unter mitochondrialen Erbkrankheiten leiden. Das ist natürlich nicht der Fall. Dieses Verfahren kann nichts für kranke Menschen tun, sondern lediglich für noch ungeborene.

Unvorhersehbare Konsequenzen

Verschiedene Medien und – noch beunruhigender – eine Pressemitteilung der British Human Fertilisation and Embryology Authority (HFEA), welche die Fruchtbarkeitsbehandlungen und –forschungen überwacht, haben berichtet, dass eines von 200 Kindern mit mitochondrialen Erbkrankheiten geboren werde. Das ist besonders irreführend. Tatsächlich geht man davon aus, dass einer von fünf- bis zehntausend Menschen von mitochondrialen Abnormalitäten betroffen ist. Doch neben mitochondrialen Gendefekten hat die Mehrheit auch Defekte im Zellkern. Für sie wäre diese Methode daher nutzlos. Ein HFEA-Offizieller gibt zu, dass die Zahl betroffener Frauen, die von diesen Techniken profitieren würden, „zwischen 10 bis 20“ pro Jahr liege.

Unglücklicherweise scheint die HFEA dennoch entschlossen, den Mitochondrien-Austausch zu bewerben. Beauftragt damit, die öffentliche Meinung zu untersuchen, behauptete sie, eine „breite öffentliche Unterstützung“ für die Techniken zu erkennen. Doch eine flüchtige Prüfung ihres eigenen Berichts zeigt, dass auch dies stark irreführend ist. Tatsächlich lehnt die Mehrheit – insbesondere darunter die große Anzahl, die an ihrer Online-Umfrage teilgenommen haben und die am meisten über das Thema informiert waren – dieses Verfahren ab.

Vorschläge, klinische Versuche zum Mitochondrien-Austausch durchführen zu können, liegen nun bei den politischen Entscheidungsträgern Großbritanniens und werden demnächst der US-Regulierungsbehörde präsentiert. In beiden Ländern wächst derweil ernsthafte Besorgnis. Hunderte Gegenanträge liegen der HFEA aus der ganzen Welt vor. Auch schrieben Dutzende Wissenschaftler, Bioethiker und Vertreter öffentlicher Interessen ihre Gegenforderungen in führenden britischen Tageszeitungen. Die Hauptsorge wird wohl am besten in einem Brief an die „Times“ ausgedrückt: Die Zustimmung zum Mitochondrien-Austausch „wäre das erste Mal, dass solch eine geplante genetische Veränderung von Kindern und deren Nachkommen ausdrücklich erlaubt wäre und würde die Tür öffnen für weitere genetischen Änderungen mit unvorhersehbaren Konsequenzen“.

Übersetzung aus dem Englischen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jochen Taupitz, Nikolaus Knoepffler.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Gentechnik, Embryo, Gesetz

Kolumne

Medium_1d4b1b030e
von Heinrich Schmitz
28.03.2015

Debatte

Rechtsstaatlichkeit und Geheimhaltung

Medium_b7dbc47e00

Geheimheit!

Das Gesetz liebt Geheimnisse – das sollten wir auch. Transparent hat nur der Staat zu sein. weiterlesen

Medium_1d4b1b030e
von Heinrich Schmitz
18.10.2013

Kolumne

Medium_b3ff33f52d
von Nils Pickert
19.07.2013
meistgelesen / meistkommentiert