Deutschland ist sehr viel mehr Ost- als Westeuropa. Katja Riemann

Falken und Tauben

Die überaus rhetorisch geführte Debatte um den Einsatz von militärischer Gewalt wird nicht enden, bis sich demokratische Grundwerte nicht wirklich global durchgesetzt haben. Solange behalten die Falken mehr Recht als die Tauben.

„Homo homini lupus – der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“, so wird es dem englischen Staatsphilosophen Thomas Hobbes zugeschrieben. Nur eines der, Verzeihung, „Totschlagargumente“, die in der wohl schon ewig währenden Auseinandersetzung zwischen Friedensfreunden und Befürwortern militärischer Gewalt von Letzteren eingesetzt werden. Die Natur des Menschen sei eine gewaltsame, Pazifismus hingegen naiv und schlimmstenfalls gefährlich.

In der Bundesrepublik wird diese Debatte seit der Wiederbewaffnung in den 1950ern anders geführt als bei ihren westlichen Verbündeten. Für die Alliierten ist der Zweite Weltkrieg Prototyp des „gerechten Krieges“ gewesen, wie ihn der spätantike Philosoph Augustinus erdacht hatte; die Deutschen hingegen mussten sich eingestehen, Europa für eine ungerechte, verabscheuungswürdige Sache mit der Geißel der Menschheit überzogen zu haben. Die Lehren über Sinn oder Unsinn militärischer Gewalt ziehen die heute Verbündeten aus diametral entgegengesetzten Erfahrungen.

Verbogene Argumente einer über zweitausendjährigen Debatte

„Stell Dir vor, es ist Krieg, und es geht keiner hin“, hielten Friedensbewegte in den 1980ern bisweilen den Befürwortern militärischer Gewalt entgegen. Ihre Gegner wie etwa Otto Graf Lambsdorff oder Richard Löwenthal drehten den Spieß um und erklärten den Friedensfreunden, wie das vermeintliche Brecht-Zitat eigentlich gemeint sei: „Stell Dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin. Dann kommt der Krieg zu Dir.“ Legitimation damals für einen gerechten Verteidigungskrieg und heute für die humanitäre Intervention – Herbert Wulf und Winfried Nachtwei kennen das Argument sicher gut.

Doch die Pazifisten irrten und die „Bellizisten“ logen. Die Sätze stammten nicht von Brecht und verdrehen den Sinn, den der Literat tatsächlich niedergeschrieben hatte: „Nicht einmal den Kampf vermeidet, wer den Kampf vermeiden will: Denn es wird kämpfen für die Sache des Feinds, wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat.“ Auch ich zitiere Brecht ohne den Kontext, in dem seine Zeilen entstanden sind. Trotzdem scheint klar: Brecht war kein prinzipiengeleiteter Pazifist, er scheint einen legitimen Einsatz von Gewalt gekannt zu haben.

Warten auf den demokratischen Frieden

Die beiden unterschiedlichen Sichtweisen finden sich in den beiden großen Theorieschulen des politologischen Forschungsfelds „Internationale Beziehungen“ wieder: „Idealisten“ setzen auf die Stärke des Rechts, „Realisten“ glauben an das Recht des Stärkeren. Bei Hobbes begegnen sie sich eigentlich, denn auch der Engländer wird häufig unkorrekt zitiert. Er schrieb 1642: „Der Mensch ist ein Gott für den Menschen, und der Mensch ist ein Wolf für den Menschen – jener, wenn man die Bürger untereinander, dieser, wenn man die Staaten untereinander vergleicht.“ Als Individuen gehen Menschen in der Regel also friedlicher miteinander um, denn als Organisationen.

Darüber hinaus kennt die Politiktheorie das Prinzip des „demokratischen Friedens“: Demnach habe noch nie eine demokratisch verfasste Gesellschaft Krieg gegen eine andere Demokratie geführt. Unter ihnen herrscht in der Tat die Stärke des Rechts. Der Frieden in Europa heute ist das beste Beispiel für die Wahrheit des Konzepts. Leider trifft das auf den Rest der Welt nicht zu. 193 Mitgliedstaaten haben die Vereinten Nationen; der „Democracy Index“ des Economist (PDF) zählt unter seinen 167 ausgewerteten Staaten aber nur 26 voll und 53 bedingt funktionsfähige Demokratien.

Solange echte Volksherrschaft nicht wirklich global geworden ist, bleibt die Sichtweise der „Realisten“ auf die Welt und die Natur des Menschen gültig. Auf unabsehbare Zeit lassen sich die beiden Positionen, „Krieg ist grundsätzlich falsch, und damit alle militärischen Mittel“ und „Krieg kann gerechtfertigt sein, und mithin auch militärische Mittel“, nicht wirklich vereinen. Anhänger beider Theorien werden sich bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag oder bis zum Eintritt eines globalen demokratischen Friedens streiten. Den Kürzeren in diesem Disput ziehen einstweilen die „Idealisten“ und die Pazifisten.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Martin Hantke, Herbert Wulf, Winfried Nachtwei.

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