Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch. Joschka Fischer

„Ein paar Alt-68er haben in den Graffitis der Ägypter Karl Marx erkannt“

Die Kamera lief, auch wenn sein Instinkt war „Lauf um dein Leben“. Filmemacher Marco Wilms erzählt im Gespräch mit Lisa Neal, weshalb seine Dokumentation „Art War“ weit mehr offenbart als die ägyptische Revolution.

The European: Wenn man Ihren Film über die ägyptischen Proteste sieht, könnte man denken, Revolution heute bedeutet Steine schmeißen und Wände bemalen.
Wilms: Für den Westen wirken diese Szenen der Revolution wie sinnlose Zerstörung. Das ist sie aber nicht. Die Zerstörung der alten Ordnung dort ist notwendig. Sie entsprang dem dringenden Bedürfnis nach einem Neuanfang. Das fühlte die Jugend in Ägypten und hat sich mit allen Mitteln gegen Freiheitsbeschränkungen gewehrt. Ob es immer die richtigen Mittel waren, sei mal dahingestellt.

The European: Das Zerstören hat funktioniert, der politische Neuanfang scheint aber gescheitert.
Wilms: Die Revolutionäre in Ägypten konnten nicht einfach alles umwälzen, wie bei der Französischen Revolution. Die Revolution ist auf halben Weg stehen geblieben, alles Neue wird unterdrückt. Es ist tragisch.

The European: Alles Neue, was meinen Sie damit?
Wilms: Den Ägyptern wurde die Möglichkeit genommen, selbst Schritt für Schritt ihre Demokratie zu erschaffen. Jetzt versucht das Regime den Menschen einzureden, Demokratie führt zur mehrheitlichen Diktatur der Muslimbrüder. Dieses Desaster haben die Ägypter schon durchgemacht und das wollen sie nicht noch einmal. Dass Demokratie etwas ganz anderes bedeuten kann, das hat Ägypten noch nie erlebt.

The European: Was haben Streetart-Künstler für die Revolution getan?
Wilms: Sie haben ihren Freiheitskampf gegen die Repression der verschiedenen Regierungen mit den Mitteln der Kunst geführt. Die Künstler, die ich gefilmt habe, wollten darüber aufklären, was im Kampf um die Freiheit passiert. Sie haben weder einseitige Propaganda gemalt noch irgendwelche politischen Parteien mit ihrer Kunst unterstützt.

The European: Sondern?
Wilms: Ein Beispiel: Zuerst malte Ammar Abo Bakr die „Märtyrer“, die ermordeten Helden der Straßenkämpfe, dann ihre weinenden Mütter, während der Rest Ägyptens mit der Wahl beschäftigt war und die Helden vergessen hatte. Als Touristen anfingen, Urlaubsfotos von seinen Graffitis am Tahrir zu knipsen, malte er die zerschmetterten Gesichter der Gefallenen, um daran zu erinnern, dass ihnen immer noch keine Gerechtigkeit widerfahren war.

„Graffiti-Künstler werden wieder verhaftet“

The European: Was macht Streetart in Ägypten so besonders?
Wilms: Man muss sich vor allem klarmachen, wie mutig all die jungen Künstler sind. Unter Mubarak war politische Graffiti verboten, danach wurde es für circa drei Jahre ignoriert. Was aber nicht bedeutet, dass es einfach oder gar willkommen war. Jetzt hat sich die Lage dramatisch verschlechtert, Graffiti-Künstler werden wieder verhaftet. In Zukunft soll es für Graffiti hohe Geldstrafen geben.

The European: Dann war es bestimmt nicht ungefährlich für die Künstler, in dem Film mitzumachen. Wurde der Film in Ägypten gezeigt?
Wilms: Nein, bis jetzt noch nicht. Er darf dort nicht gezeigt werden. Zwar hatten wir den Film für vier Tage online, da haben so 700 Ägypter den Film angeschaut. Einige haben es sogar geschafft, sich eine DVD nach Ägypten zu bestellen – das hat mich beeindruckt. „Art War“ wurde 2014 zu großen Festivals eingeladen, doch kurz vor knapp von sämtlichen Veranstaltern wieder ausgeladen. Es war allen am Ende doch zu heikel, den Film zu zeigen. Die Anerkennung für die Protagonisten und die große Aufführung des Films stehen noch aus.

The European: Das heißt, man kann den Film in Ägypten nun gar nicht mehr sehen?
Wilms: Wir überlegen, ob wir den Film untergrundmäßig zeigen. Wir merken, dass immer mehr Leute den Film sehen wollen. Das Regime dort ist jedoch sehr argwöhnisch, denn man weiß nicht, was so ein Film auslösen könnte. Vielleicht würde der Film den revolutionären Geist anstacheln und die Revolution hochleben lassen. So etwas wird von Staatsseite nicht gern gesehen.

The European: Was, glauben Sie, passiert, wenn „Art War“ im Untergrund laufen würde?
Wilms: Puh, schwer zu sagen. Mein Gefühl sagt mir, dass es jetzt noch nicht die richtige Zeit ist, den Film zu zeigen. Den meisten Protagonisten meines Films wird das Leben gerade sowieso schon schwer gemacht. Natürlich nicht wegen des Films, sondern aufgrund ihrer Arbeit. Die Vorführung des Films würde jedoch noch mal eine neue Welle der Repression gegen die Künstler hervorrufen. Ich kann derzeit nicht hinfahren, denn auch für mich als Regisseur des Films ist es gefährlich. Mal schauen, was im Laufe des Jahres in Ägypten passiert.

The European: Sie werden bedroht?
Wilms: Eher indirekt. Es gab Streitgespräche nach Filmvorführungen, Verleumdungsschreiben, zum Beispiel an die Deutsche Filmakademie im Rahmen unserer Vorauswahl für den Deutschen Filmpreis, aber ansonsten nichts Konkretes. Eines ist mir aber klar: Wenn alle Veranstalter absagen, mir nahelegen, dass der Film keiner Zensur standhalten würde, bin auch ich nicht willkommen. Es ist gefährlich, nachdem was mir die Künstler berichtet haben. Wie schnell man verdächtigt wird, ein Spion, ein Terrorist, ein Muslimbruder oder sonst irgendwas zu sein. Einige der Künstler wurden öffentlich denunziert und willkürlich verhaftet. Wie ich gelernt habe, ist das die aktuelle ägyptische Art, mit vermeintlichen Gegnern umzugehen.

„Sogar die Pharaonen hatten ihre Graffitis“

The European: Wenn die Ägypter den Film nicht sehen dürfen, für wen ist der Film reizvoll?
Wilms: Für alle, die Revolutionen im Herzen tragen. Der Film läuft mittlerweile auf dem 70sten Festival. Ich dokumentierte die Revolution in Ägypten und merke nun, wie viel Menschen aus aller Welt auf ihre eigenen Situationen beziehen können. Ein paar Alt-68er im Ruhrgebiet zum Beispiel haben in den Graffitis der Ägypter Karl Marx erkannt. Der war mir vorher gar nicht aufgefallen. In der Ukraine haben Jugendliche, während die Barrikaden auf dem Maidan-Platz noch brannten, die Stimmung im Film viel eher nachvollziehen können als Jugendliche aus – sagen wir – Berlin-Mitte. Dort wiederum haben sich die Leute auf einem sehr intellektuellen Niveau mit dem Film befasst.

The European: Wenn es nur um Revolutionäre geht, hätten Sie ja auch irgendeine andere Revolution dokumentieren können …
Wilms: Nein, weil es eine einzigartige Geschichte ist. Menschen aus allen Teilen der Welt, die noch nicht in Ägypten, dem Geburtsland menschlicher Kultur und großer Kunst, waren, werden die Geschichte nachempfinden können. Es geht um etwas essenziell Menschliches, den Wunsch nach Freiheit. Und: Ich habe genau diesen Film gemacht, um genau diesen jungen Menschen in Ägypten eine Stimme zu verleihen.

The European: Es ist nun aber keine vollständige Dokumentation über die Revolutionen in Ägypten geworden.
Wilms: Nein, es geht vor allem um Graffiti, Streetart und Musik als Werkzeuge der Befreiung. Es gibt noch etwas Besonderes an meinem Fokus auf die Streetart-Künstler: die ägyptische Geschichte. Jedes Graffiti in Ägypten erinnerte mich daran, dass in der ägyptischen Kultur eine sehr lange Tradition der Malerei besteht. Sogar die Pharaonen hatten ihre Graffitis. Viele Europäer verstehen die Spiritualität der Sufis im Film nicht, weil sie nicht mit den kulturellen Chiffren der Ägypter aufgewachsen sind. Das ist auch völlig in Ordnung. Denn trotzdem kann jeder in den Film und in die Sufi-Musik eintauchen und seine eigenen Werte in den Handlungen der Revolutionäre erkennen.

The European: Was war denn die Intention Ihres Films?
Wilms: (überlegt) Eigentlich gab es keine. Ein Dokumentarfilm, der auf etwas Konkretes abzielt, eine ganz bestimmte Meinung erzeugen will, ist letztlich Propaganda. So etwas will ich nicht. Wenn überhaupt, dann wollte ich Katharsis beim Zuschauer erreichen. Ich habe dem Publikum nie vorgeschrieben, wie es über die Ereignisse zu urteilen hat. Ich glaube, jeder kann den Film für sich deuten.

„Muslimbrüder sind nicht kreativ“

The European: An einer Revolution teilzunehmen und sich dabei doch nur auf das Filmen zu beschränken, das stelle ich mir fast schon widersprüchlich vor.
Wilms: Also so wie ich meine Berufung sehe, ist man als Filmemacher eine Art „Messenger“ und Beobachter. Ich bin dabei, mittendrin, und auch Teil der Künstlergruppe – aber ich bin kein Aktivist. Denn ich urteile nicht, ich beobachte durch meine Kamera. Ich bin wie ein Blatt, das sich in einem Tornado bewegt. Meine privaten Gefühle als Deutscher in Kairo will doch niemand im Kino sehen, aber die der Protagonisten, die gerade die Geschichte ihres Landes schreiben – oder malen. Ich habe keine Molotov-Cocktails geschmissen. Ich war zwar mitten unter Aktivisten, Künstlern und wütenden Jugendlichen, aber ich wollte nur deren Welt zeigen, so wie ich sie erlebt habe.

The European: Sie waren ganz vorne mit dabei: Lief es nur an den Fronten derart brutal ab, wie man es im Film sieht?
Wilms: Natürlich hat die Revolution immer viele Brennpunkte. Jede Auseinandersetzung löst sich oder eskaliert unterschiedlich. Viele Dinge habe ich intuitiv gemacht. Ohne festes Drehbuch. Was nicht heißt, dass ich völlig chaotisch gedreht habe, doch manche Situationen zeigten erst später ihren kausalen Zusammenhang. Genauso waren aber auch die Ereignisse. Niemand wusste, wo die Revolution hinführen würde. Ich konzentrierte mich auf die Künstler und deren Lebenswelten. Die Erfahrungen, die ich gemacht habe, sind alle genauso in dem Film zu sehen. Wenn die Kamera wackelt und ich renne, dann war mein Instinkt auch „Lauf um dein Leben“. Wenn es brutal wurde, war es auch wirklich brutal. Ich wollte verschiedene Perspektiven einfangen. Sogar mit den Muslimbrüdern habe ich es versucht. Aber unter ihnen habe ich keine Künstler gefunden. Sie sind einfach nicht kreativ. Ein salafistischer Filmemacher hat mit einem Propaganda-Video gegen den Tahrir-Platz versucht, der Kreativität der Revolutionäre etwas entgegenzusetzen. Eine sehr absurde Szene!

The European: Zum Abschluss: Wenn Sie die Situation in Ägypten und Deutschland vergleichen: Ist die Protestkultur hierzulande eingeschlafen?
Wilms: Überhaupt nicht. Es passiert doch wahnsinnig viel, nur auf einer anderen Ebene als damals in Ägypten. Bei uns laufen Proteste ganz anders ab, hier durch die Straßen zu ziehen und Steine zu schmeißen, hat wenig Sinn, wenn man etwas erreichen möchte. Es ist eine große Errungenschaft, dass wir unsere Konflikte austragen können, ohne Gewalt anwenden zu müssen. Dass wir uns anschreien und danach eine pragmatische Entscheidung treffen können, so etwas ist in Ägypten noch unmöglich. Es sind die Umstände, die ihre eigenen Revolutionen formen.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Omar Offendum: „Poesie ist das Rückgrat der arabischen Sprache“

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Kunst, Arabischer-fruehling, Revolution

Debatte

Mursis Sturz und Westerwelles falsche Reaktion

Medium_0180263f66

Westerwelles Geisterfahrt

Wie schon im Fall Libyen versagt der Bundesaußenminister auch angesichts der aktuellen Vorgänge in Ägypten: Dass Westerwelle den Sturz Mursis als Rückschlag für die Demokratie bewertet, unterstreic... weiterlesen

Medium_d1c1e5a0bb
von Andreas Püttmann
06.07.2013

Kolumne

Medium_8f68102f9b
von Matthias Sailer
07.08.2012

Kolumne

Medium_8f68102f9b
von Matthias Sailer
10.07.2012
meistgelesen / meistkommentiert