Würde ist was für die Mittelschicht. Harald Schmidt

Rückkehr des Säusel-Liberalen

Christian Lindner will die Liberalen als Spitzenkandidat in Nordrhein-Westfalen vor einem Desaster bewahren. Damit wird er zum ärgsten Konkurrenten von Parteichef Rösler. Dass Linder bald selbst Nummer eins wird, ist aber kaum wahrscheinlich.

„Es gibt den Moment, wo man seinen Platz frei machen muss, um eine neue Dynamik zu ermöglichen.“ Mit diesem Satz hatte Christian Lindner vor drei Monaten seinen Rücktritt als FDP-Generalsekretär bekannt gegeben. Danach ungläubige Blicke, wo man nur hinschaute – galt Lindner doch als großer Hoffnungsträger der Liberalen. Parteichef Rösler war düpiert, die Presse vermutete, dass Lindner für sich selbst die Notbremse gezogen hatte. Das Verhältnis von Parteichef und Generalsekretär war seit Monaten angespannt gewesen. Lindner wolle nicht in den Abwärtsstrudel geraten, der mittlerweile auch den glücklosen Westerwelle-Nachfolger mit voller Wucht erfasst hatte – so die landläufige Vermutung.

Rösler bei der Kandidatenkür nur physisch anwesend

Die neue Dynamik, die Lindner in Gang setzte, führte dazu, dass ihm Patrick Döring als Generalsekretär nachfolgte. In einem Interview mit dem „Stern“ nannte der seinen Chef Rösler einen „Wegmoderierer“, auch ein Kämpfer sei der Wirtschaftsminister nicht. Mit Lindners Rücktritt, unterstellte Döring seinem Vorgänger, habe er versucht, Rösler zu stürzen. So weit ist es aber nicht gekommen, Lindner musste in die zweite Reihe zurück.

Dann aber hat sich die FDP in Nordrhein-Westfalen bei den Haushaltsverhandlungen mit der rot-grünen Minderheitsregierung verzockt. Nun stehen Neuwahlen in Düsseldorf an. Dass die FDP wieder in den Landtag einzieht, ist nach den derzeitigen Umfragen unwahrscheinlich. In NRW liegen die Liberalen bei zwei Prozent. In der Umfrageforschung gilt eine solche Partei als kaum noch messbar.

Als Spitzenkandidat für die Landtagswahl am 13. Mai soll Lindner nun die Kohlen aus dem Feuer holen. Bei der Entscheidung war Rösler zwar in Düsseldorf physisch anwesend, getroffen wurde sie aber von anderen. „Er war ein willkommener Gast“, sagte Lindner später über Rösler.

Für den gebürtigen Wuppertaler Lindner bietet sich mit der Spitzenkandidatur die Chance, aus der zweiten wieder in die erste Reihe vorzurücken. Knackt er mit der Landes-FDP die Fünfprozenthürde, gilt er als Heilsbringer. Und da er von Daniel Bahr auch die Führung des Landesverbands übernehmen wird, wäre er der starke Mann der FDP, der aus Düsseldorf Einfluss auf die Linie der Bundespartei nehmen könnte.

Schafft Lindner es nicht, wird das Ergebnis vor allem Philipp Rösler in Berlin angekreidet werden. Wenn die FDP bei allen drei Landtagswahlen, die in den kommenden sechs Wochen stattfinden (nächsten Sonntag im Saarland und am 6. Mai in Schleswig-Holstein), aus den Parlamenten fliegt, bedeutet das das Ende für Philipp Rösler als Parteichef. Aber auch Lindner würde dann der Makel anhaften, die Wahl in NRW verloren zu haben. Zudem haben ihm viele in der Partei den Rücktritt als Generalsekretär übel genommen. Fahnenflucht und Egoismus haben ihm nicht wenige bescheinigt. Rainer Brüderle, derzeit Fraktionschef der Liberalen im Bundestag, würde wohl als lachender Dritter an die Spitze rücken.

Lindner ist am Anfang eines steinigen Weges

Brüderle gilt nicht gerade als Unterstützer von Lindners Idee, den Liberalismus-Begriff neu zu definieren. Immer wieder hat der Pfälzer spöttisch vor Lindners „Säusel-Liberalismus“ gewarnt. Stürzt Rösler, brechen für Lindner also keine rosigen Zeiten an. Für ihn beginnt nun ein steiniger Weg zurück in die erste Reihe. Mit dem nordrhein-westfälischen Landesverband im Rücken hat er hervorragende Chancen, sich eine tragfähige Machtbasis aufzubauen. Das Comeback ist ihm gelungen, der Weg an die Spitze ist aber noch lang.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Konstantin Kuhle, Ernst Elitz, Malte Lehming.

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen und Sie sind an Debatten interessiert? Bestellen Sie jetzt den gedruckten „The European“ und freuen Sie sich auf 160 Seiten Streitkultur. Natürlich versandkostenfrei.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Aus der Debatte

Die liberale Republik

Sommer des Nachdenkens

Big_16f65cd556

Wie geht es weiter mit der FDP? Die Partei sollte keine vorschnellen Entscheidungen treffen, sondern sich sammeln, fordert der JuLi-Vorsitzende Konstantin Kuhle.

Small_3736d4f20d
von Konstantin Kuhle
08.08.2014

Bitte liefern!

Big_9a7a4f73ad

In Zeiten, in denen es an verlässlichen Partnern für die FDP mangelt, täte die Partei gut daran, sich wieder für das Ideal der Freiheit einzusetzen. Das Dreikönigstreffen wäre ein guter Anfang, um endlich zu liefern.

Small_f204f7e402
von Ernst Elitz
06.01.2012

Angst vor der Freiheit

Big_b283789574

Die FDP befindet sich im freien Fall, weil sie die zentralen Werte des Liberalismus verraten hat. Wenn sie sich nicht darauf zurückbesinnt, hat die Partei ihre Existenzberechtigung verloren.

Small_ff9281afe5
von Malte Lehming
04.01.2012

Mehr zum Thema: Fdp, Nrw, Christian-lindner

Kolumne

Medium_9664aaddf6
von Hugo Müller-Vogg
12.08.2014

Kolumne

Medium_1d4b1b030e
von Heinrich Schmitz
18.05.2014

Debatte

Erdogans intellektuelle Leibgarde

Medium_78045cf8cd

Erdoğan, das Opferlamm

Vor den Kommunalwahlen haben sich ungewöhnlich viele Intellektuelle als AKP-Anhänger geoutet. Sie sehen in Premier Erdoğan einen wehrhaften Demokraten und verteidigen seine Methoden nach dem Motto ... weiterlesen

Medium_d95c549ac0
von Ulrike Dufner
15.04.2014
meistgelesen / meistkommentiert