Alle Arten von kontemplativem Denken gehen verloren, während wir ständiger Ablenkung ausgesetzt sind. Nicholas Carr

Rückkehr des Säusel-Liberalen

Christian Lindner will die Liberalen als Spitzenkandidat in Nordrhein-Westfalen vor einem Desaster bewahren. Damit wird er zum ärgsten Konkurrenten von Parteichef Rösler. Dass Linder bald selbst Nummer eins wird, ist aber kaum wahrscheinlich.

„Es gibt den Moment, wo man seinen Platz frei machen muss, um eine neue Dynamik zu ermöglichen.“ Mit diesem Satz hatte Christian Lindner vor drei Monaten seinen Rücktritt als FDP-Generalsekretär bekannt gegeben. Danach ungläubige Blicke, wo man nur hinschaute – galt Lindner doch als großer Hoffnungsträger der Liberalen. Parteichef Rösler war düpiert, die Presse vermutete, dass Lindner für sich selbst die Notbremse gezogen hatte. Das Verhältnis von Parteichef und Generalsekretär war seit Monaten angespannt gewesen. Lindner wolle nicht in den Abwärtsstrudel geraten, der mittlerweile auch den glücklosen Westerwelle-Nachfolger mit voller Wucht erfasst hatte – so die landläufige Vermutung.

Rösler bei der Kandidatenkür nur physisch anwesend

Die neue Dynamik, die Lindner in Gang setzte, führte dazu, dass ihm Patrick Döring als Generalsekretär nachfolgte. In einem Interview mit dem „Stern“ nannte der seinen Chef Rösler einen „Wegmoderierer“, auch ein Kämpfer sei der Wirtschaftsminister nicht. Mit Lindners Rücktritt, unterstellte Döring seinem Vorgänger, habe er versucht, Rösler zu stürzen. So weit ist es aber nicht gekommen, Lindner musste in die zweite Reihe zurück.

Dann aber hat sich die FDP in Nordrhein-Westfalen bei den Haushaltsverhandlungen mit der rot-grünen Minderheitsregierung verzockt. Nun stehen Neuwahlen in Düsseldorf an. Dass die FDP wieder in den Landtag einzieht, ist nach den derzeitigen Umfragen unwahrscheinlich. In NRW liegen die Liberalen bei zwei Prozent. In der Umfrageforschung gilt eine solche Partei als kaum noch messbar.

Als Spitzenkandidat für die Landtagswahl am 13. Mai soll Lindner nun die Kohlen aus dem Feuer holen. Bei der Entscheidung war Rösler zwar in Düsseldorf physisch anwesend, getroffen wurde sie aber von anderen. „Er war ein willkommener Gast“, sagte Lindner später über Rösler.

Für den gebürtigen Wuppertaler Lindner bietet sich mit der Spitzenkandidatur die Chance, aus der zweiten wieder in die erste Reihe vorzurücken. Knackt er mit der Landes-FDP die Fünfprozenthürde, gilt er als Heilsbringer. Und da er von Daniel Bahr auch die Führung des Landesverbands übernehmen wird, wäre er der starke Mann der FDP, der aus Düsseldorf Einfluss auf die Linie der Bundespartei nehmen könnte.

Schafft Lindner es nicht, wird das Ergebnis vor allem Philipp Rösler in Berlin angekreidet werden. Wenn die FDP bei allen drei Landtagswahlen, die in den kommenden sechs Wochen stattfinden (nächsten Sonntag im Saarland und am 6. Mai in Schleswig-Holstein), aus den Parlamenten fliegt, bedeutet das das Ende für Philipp Rösler als Parteichef. Aber auch Lindner würde dann der Makel anhaften, die Wahl in NRW verloren zu haben. Zudem haben ihm viele in der Partei den Rücktritt als Generalsekretär übel genommen. Fahnenflucht und Egoismus haben ihm nicht wenige bescheinigt. Rainer Brüderle, derzeit Fraktionschef der Liberalen im Bundestag, würde wohl als lachender Dritter an die Spitze rücken.

Lindner ist am Anfang eines steinigen Weges

Brüderle gilt nicht gerade als Unterstützer von Lindners Idee, den Liberalismus-Begriff neu zu definieren. Immer wieder hat der Pfälzer spöttisch vor Lindners „Säusel-Liberalismus“ gewarnt. Stürzt Rösler, brechen für Lindner also keine rosigen Zeiten an. Für ihn beginnt nun ein steiniger Weg zurück in die erste Reihe. Mit dem nordrhein-westfälischen Landesverband im Rücken hat er hervorragende Chancen, sich eine tragfähige Machtbasis aufzubauen. Das Comeback ist ihm gelungen, der Weg an die Spitze ist aber noch lang.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Konstantin Kuhle, Ernst Elitz, Malte Lehming.

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