Debatte wird im Parlament nur simuliert. Roger Willemsen

Generation Einheit

Die Aufarbeitung der beiden deutschen Diktaturen ist weit vorangeschritten. Jetzt muss die Nachwende-Jugend darüber debattieren, welche Lehren aus Nazizeit und DDR sie weitertragen will.

„Aufklärung jetzt!“ klingt wie ein Marschbefehl aus vergangener Zeit – „Volk steh auf und Sturm brich los!“ Das war 1813, als es galt, Deutschland von Napoleon zu befreien. Ich wurde als Kriegskind bereits 1945 für die Aufarbeitung mobilisiert. Seit meiner Kindheit war ich deshalb konfrontiert mit dieser doppelten Diktaturgeschichte.

Zunächst ging es in der alten Bundesrepublik um die Aufdeckung der nationalsozialistischen Verbrechen und des Zweiten Weltkriegs. Die Diskussion stand unter einer doppelten Fragestellung: Deutsche Schuld und wie konnte es dazu kommen? Wie war es möglich, dass die Mehrheit der Deutschen auf diesen diabolischen Führer hereinfallen konnte?

Nach 1945 gab es noch andere brisante Folgeprobleme des Krieges: das Schicksal der Kriegsgefangenen, die Zukunft von Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen, der Wiederaufbau des vom Krieg gezeichneten Landes, Arbeitsplätze und die Rückgewinnung deutscher Souveränität.

Es ging immer um die deutsche Identität

Im Jahr des Mauerbaus 1961 wurde durch den Eichmann-Prozess in Jerusalem der Völkermord an den europäischen Juden ebenso zum Thema wie die Frage, warum in der Weimarer Republik die Demokraten so schwach waren. Warum vermochte sich die Republik nicht gegen die totalitäre Massenbewegung der Nationalsozialisten zu wehren? Warum stimmten bürgerliche Parteien im Reichstag 1933 Hitlers Ermächtigungsgesetz zu?

All diese Debatten hatten einen gemeinsamen Nenner: Es ging um die Identität der Deutschen in der Bundesrepublik. Es war eine schmerzhafte Aufarbeitung dieser Diktaturgeschichte. Sie blieb nicht ohne Folgen im geistigen Leben. Unter Intellektuellen entstand vielfach ein gebrochenes Verhältnis zu ihrer eigenen Nation, die sich bis zum deutschen Selbsthass steigern konnte.

In der DDR diktierten die Kommunisten – gestützt auf die Siegermacht Sowjetunion – der Bevölkerung ihr ideologisches Geschichtsbild, mit dem sie den Aufbau des Sozialismus begründeten. Die historischen Diskurse gingen in beiden deutschen Teilstaaten um die Gewinnung einer neuen demokratischen oder sozialistischen Identität der Deutschen. Es waren historische Debatten um der Zukunft willen. Das Leben ging weiter. Aber wie, das war die Frage.

Im vereinigten Deutschland entstand so eine Kultur der Erinnerung an beide Diktaturen, deren Knotenpunkte Gedenkstätten und Denkmäler sind. Sie dienen den Nachgeborenen als zeitgeschichtliche Lernorte und als Aufruf zum Schutz der Freiheit. In der Mitte Berlins steht das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas, ein Steinwurf entfernt das sowjetische Ehrenmal für gefallene Soldaten der Roten Armee, die im Kampf um Berlin ihr Leben ließen. Die Aufarbeitung beider Diktaturen, die der Nationalsozialisten und der Kommunisten, ist somit weit gediehen. Ist deshalb der Aufruf „Aufarbeitung jetzt!“ verfehlt, da die Arbeit bereits getan ist?

Die Generation Einheit muss ihre Identität finden

Ich denke nicht, schließlich ist die „Generation Einheit“ erwachsen geworden. Sie steckt noch in einem Findungsprozess, sich ihrer eigenen Identität als Deutsche und ihrer Verantwortung für das Land zu vergewissern. Hinter dieser Generation liegt die deutsche Zweistaatlichkeit ebenso wie die Geschichte der Diktaturen und der beiden Weltkriege. Sie kennt weder die DDR noch die alte Bundesrepublik aus eigenem Erleben.

Auch die Generation Einheit setzt den Weg der Deutschen fort, der – lange vor ihrem Leben – vor mehr als 1.000 Jahren begann. Nicht der Mauerfall 1989 war für diese Generation das emotionale Gemeinschaftserlebnis, Deutsche zu sein, sondern wahrscheinlich die Fußball-Weltmeisterschaft 2006.

Damals erschienen wie von Zauberhand Jugendliche selbstbewusst mit deutschen Fahnen, um in aller Öffentlichkeit ihre Mannschaft zu unterstützen: „Wir wollen, dass unsere, die deutsche Mannschaft, Weltmeister wird!“ Bedenkenträger, die vor einem neuen Nationalismus glaubten warnen zu müssen, ignorierten sie. Es war zugleich eine überraschende Demonstration: Die Teilungsgeschichte liegt hinter uns.

Diese Generation ist deshalb mit einer anderen „Aufarbeitung“ konfrontiert: Was ist uns wichtig vom historischen Erbe der Deutschen, was wollen wir tradieren? Dabei hat sie aber ein Informationsproblem. Im Universum des Internets, in dem diese Generation kommuniziert und sich informiert, ist die deutsche Geschichte in Episoden, Biografien und Dokumentationen präsent. Es ist ein verwirrendes Angebot an Epochen, historischen Persönlichkeiten und Ereignissen, auf die sie stößt.

Da der Geschichtsunterricht in den Schulen seit Jahrzehnten systematisch abgewertet wurde, fehlt vielen von ihnen aber die Orientierung und Einordnung dieser Fragmente in den Gang der Geschichte. Der rote Faden in diesen Ereignissen fehlt ihnen oft gänzlich. Damit aber auch das Bewusstsein der Kontinuität ihrer eigenen, der deutschen Geschichte, in die sie hineingeboren wurden und die sie fortsetzen werden.

Die Generation Einheit wird es sein, die die ökonomische, kulturelle und politische Zukunft Deutschlands in Europa gestalten wird. Aus der Verantwortung für ihre Kinder und die nachfolgenden Generationen sollte sie sich deshalb ihres historischen Erbes bewusst sein. Das gilt für die Verbrechen der Diktaturen, aber vor allem für das zu Bewahrende, die Demokratie, die Kreativität in Technik, Wissenschaft, Kultur und die Wirtschaftskraft des Landes. Die Basis unseres Wohlstandes.

Die Bilder in dieser Debatte stammen von dem Berliner Fotografen Harald Hauswald. Sein Bildband „Vor Zeiten – Alltag im Osten, Fotografien 1976-1990“ erschien im Juni 2013 im Lehmstedt-Verlag.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Gunter Weißgerber, Vera Lengsfeld, Hubertus Knabe.

Leserbriefe

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