Europa ist keine USA mit Krankenversicherung und Louvre, sondern ein Riesenmarkt unter deutscher Hegemonie. Stefan Gärtner

Die Zeichen stehen auf Cyberwar

Millionen von Dokumenten werden via Wikileaks in wenigen Minuten um den gesamten Globus gespült. Als sich US-Unternehmen von der Seite distanzieren wollten, wurden sie aus Protest von Wikileaks-Befürwortern lahmgelegt. Im allerschlechtesten Fall haben wir nun die Vorstufe eines Kriegs erreicht.

Von meinen beiden Großvätern sagt man, dass sie im Juli 1914 zusammen mit ihren Kameraden hurrabegeistert in den Krieg gegen Frankreich zogen. Sie wollten den "Franzosen mit den roten Hosen“ mal so richtig zeigen, zu welch heroischen Taten man befähigt ist, wenn denn nur die wahrhaftige Begeisterung für die gerechte Sache vorhanden sei.

Sie waren bereit für den Kampf Gut gegen Böse.

Vier Jahre später kehrten beide an Leib und Seele verwundet zurück vom großen Schlachten. Nein, das hatten sie nicht gewollt. Möglich, dass einige das als absurden Vergleich abtun werden, wenn ich von meinen Großvätern in einen Abschnitt zu Wikileaks überleite.

Wikileaks steht dafür, dass nicht nur Lady-Gaga-Videos auf Youtube innerhalb von Stunden ein Millionenpublikum finden, sondern dass sich Millionen von sensitiven Dokumenten in Minuten rund um den Globus verteilen lassen. So etwas hat die Welt noch nie erlebt.

Doch für mich sind nicht mehr die veröffentlichten Dokumente aus amerikanischen Regierungscomputern das Thema, sondern die Folgen dieser Veröffentlichungen. Seit Tagen legen anonyme Internetuser hurrabegeistert Unternehmenswebseite um Unternehmenswebseite flach. In der Schweiz war es die Webseite von Postfinance, in den USA PayPal, Mastercard und Visa.

Die Anonymi kämpfen den Kampf Gut gegen Böse

Sie zeigen den Mächtigen in Politik und Wirtschaft, zu welch heroischen Taten sie fähig sind, schließlich werden sie von der Begeisterung für die gerechte Sache beflügelt.

Die erschreckende Erkenntnis nach einer Woche: Keine Webseite der Welt ist mehr vor willkürlichen Aktionen des aufgebrachten Mobs sicher.
Waren es früher Hacker mit speziellen Kenntnissen, die zu solchen Taten fähig waren, so sind es zum Erstaunen von uns allen plötzlich stinknormale Internetuser.

Wir können nur hoffen, dass es sich tatsächlich um Jugendliche und ein paar verwirrte Alltagsbürger handelt, die es großartig finden, nicht mehr auf die Straße gehen zu müssen, um den Klassenfeind zu bekämpfen. Zumal bei diesen eisigen Temperaturen.

Hoffen deshalb, weil wir nicht wissen, ob nicht bereits kriminelle Vereinigungen, Militärs und Geheimdienste als Trittbrettfahrer neue Kampfmittel und -methoden testen.

Der Begriff vom Cyberwar geistert nicht umsonst durchs Web. Ja, ich bin sehr pessimistisch, wenn ich an die weitere Entwicklung denke. Schließlich ist die Onlinekommunikation mein Fachgebiet. Kriege beginnen immer unscheinbar. Man schlittert so rein und denkt, na, ganz so schlimm wird es wohl nicht werden.

Wikileaks könnte für uns alle eine Zäsur bilden, den Beginn einer völlig neuen Internetordnung. Diese wird geprägt sein durch mehr Kontrolle und Überwachung der inzwischen zwei Milliarden Internetbürger.
Im allerschlechtesten Fall haben wir die Vorstufe eines Kriegs erreicht. Das Umfeld ist günstig: hoch verschuldete Staaten ohne jegliche Aussicht auf verbesserte Finanzen, Kampf um Märkte und Rohstoffe, soziale Unruhen in Industriestaaten, wirtschaftliche Erfolge diktatorischer Systeme, unsichere Währungen, Terroraktionen, gescheiterte Staaten und so weiter und so fort und dazu auch noch Unberechenbarkeit von 30 Prozent der Weltbevölkerung im Internet.

Kein Staat, kein Unternehmen, keine Rechtsordnung kann akzeptieren, dass ein anarchistischer Schwarm von ein paar Tausend Usern sich auf willkürlich ausgewählte Unternehmen, staatliche und private Organisationen stürzt und deren Webseite – das heißt heutzutage deren Geschäftstätigkeit – für Stunden oder gar Tage lahmlegt.

Die Zeichen stehen auf Cyberwar.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Ihr Name – 19.12.2010 - 14:48

    Sehr geehrter Herr Messner,

    ich habe mit Interesse ihren Artikel gelesen, kann mich aber nur wundern das sie die Zahl der aktiven Wikileaks Untestützer zahlenmässig so unterschätzen.Die Petition vor einigen Tagen hatte binnen 24 Stunden über eine Million Unterzeichner.

    Die Anonymus Bewegung ist übrigens sehr selektiv bei ihren Zielen, der normale Bürger kann sich in dieser Hinsicht beruhigen, seine freiheitlichen Rechte werden von einer Vielzahl engagierter Menschen auf der ganzen Welt verteidigt ,oder vielmehr erstitten.

    Auch wenn sie das jetzt vielleicht nicht so sehen, die nächsten Generationen könnten sagen das es 5 vor 12 war,in einem globalen System, indem eine winzige Oberschicht entschieden hat, was für alle richtig ist, aber an allererster Stelle nur ihren Machterhalt im Sinne hatte und alle Schaltstellen der Macht besetzt hielt und ein System basiernd auf Ausbeutung erfolgreich implementiert hatte, während die Menschen ohnmächtig dem Diktat der Wirtschaft und der korrupten Regierungen zu folgen hatte. ohne das man die Möglichkeit hatte dagegen etwas zutun, bis sich die Menschen zu solidarisieren begannen um gemeinsam eine neue Gesellschaft aufubauen.

    Und wenn dafür Websites nicht erreichbar sind, nun das ist ein Preis denn wir nur allzugern bezahlen sollten.

  • Theeuropean-placeholder
    M.M. – 19.12.2010 - 18:01

    Kurz, frei nach Mao: die politische Macht kommt aus den Laptops?

    Ich wundere mich, wie auch nach x gescheiterten Revolutionen es immer wieder Leute gibt, die an die Revolution glauben.

  • Theeuropean-placeholder
    Jakobiner – 19.12.2010 - 19:06

    Man bedenke hierbei aber bitte auch die Französische Revolution, die uns ua. die Demokratie gebracht hat!!

  • Theeuropean-placeholder
    odyssus – 19.12.2010 - 20:13

    go home, digital immigrant!

  • Theeuropean-placeholder
    Christian – 19.12.2010 - 20:29

    in diesem zusammenhang verweise ich auf den sehr ausgewogenen artikel von münkler im aktuellen spiegel, dem ich nur beipflichten kann: spiegel.de/spiegel/print/d-75476953.html

    demokratietheoretisch ist insbesondere die frage nach der legitimation der wikileakianer und ihrer anhänger, die mit ihren ach so revolutionären taten von ihren beheizten computerzimmern aus einen immensen wirtschaftlichen schaden anrichten können ohne befürchten zu müssen, dafür belangt zu werden. doch bemisst sich insbesondere politische legitimation i.s.v. verantwortung nicht eben daran, für sein tun im zweifel auch vor dem souverän (dem volk) geradestehen zu müssen und als eine von mehreren alternativen zur auswahl zu stehen?

  • Theeuropean-placeholder
    Stefan von Zobel – 19.12.2010 - 23:55

    Mit Verlaub, ich habe selten eine so dümmliche, oberflächliche Brühe aus dem European tröpfeln sehen.

Aus der Debatte

Cyberwars: Schlachtfeld Internet

Cyberwar – Mythos und Realität

107793037

Bislang hechelt das Völkerrecht der technischen Entwicklung hinterher. Digitale Attacken sind längst möglich, werden aber vom Recht nicht erfasst. Dabei könnte es bereits mehr Vorfälle gegeben haben, als wir denken.

Gercke_sw_5x5
von Marco Gercke
08.02.2011

Cyberwar: Zwischen Panik und Sorglosigkeit

448665548_ccdfe511f2_o

Die Mehrheit aller Netzbetreiber hat bereits Erfahrungen mit Cyberattacken. Während ein digitaler Krieg nur denkbar ist, sind digitale Verbrechen an der Tagesordnung. Allein: Es fehlt an Problembewusstsein.

Adam_palmer
von Adam Palmer
07.02.2011

Cyberangst und Cybersorge

Mario_behlig_hacker_totenkopf_cyberwar

So richtig es ist, übertriebener Panik vor Cyberattacken Einhalt zu gebieten, so wichtig ist dennoch ein Wort der Warnung. Anders als behauptet sind Hacke weiter...

Sandro_gaycken
von Sandro Gaycken
23.01.2011

Mehr zum Thema: Wikileaks, Anonymitaet, Internet

Kolumne

Dsc_0372
von Lars Mensel
08.12.2011

Debatte

Radikale Offenheit bei Wikileaks

Operationpaperstorm

Radikale Offenheit bei Wikileaks

Die lang geforderte radikale Offenheit erlebt Julian Assange nun ganz unfreiwillig. Für die Organisation bedeutet das eine Rückkehr zu ihren Wurzeln. weiterlesen

Bieber_kopf
von Christoph Bieber
17.09.2011

Debatte

Selbstdemontage von Wikileaks

Leaker_hacker

Selbstdemontage von Wikileaks

Mit dem Leck in den eigenen Reihen hat Wikileaks nicht nur unverantwortlich agiert, sondern sich selbst auch diskreditiert – diesen Vertrauensverlust wird die Plattform nicht wieder wettmachen können. weiterlesen

Adolf
von Marian Adolf
14.09.2011
meistgelesen / meistkommentiert